Wohngebäude und Kindertagesstätte Ellener Hof in Bremen
Holzbau mit Zellulose, Mineralwolle, Holzfasern und Schaumglas
Ein weitgehend in Holzbauweise errichtetes Quartier wie der Ellener Hof hat hierzulande eher noch Seltenheitswert. Das von der Bremer Heimstiftung entwickelte Viertel im Osten der Stadt besteht aus 65 Neubauten mit insgesamt 500 größtenteils öffentlich geförderten Wohnungen für Familien, Studierende, ältere Menschen sowie zahlreiche soziale Einrichtungen. Das 10 Hektar große Areal ist als sozial-ökologisches Modellquartier gedacht: Die Anlage orientiert sich an einem im Lauf der Zeit gewachsenen Dorf, Bestandsgebäude wurden umgenutzt und der alte Baumbestand blieb weitestgehend erhalten. Bereits im städtebaulichen Entwurf wurden außerdem Kriterien für die Verwendung von Holzkonstruktionen und ökologischen Dämmstoffen festgelegt. Zwei der Gebäude, Woof und Skelle, planten ZRS Architekten.
Galerie
Ensemble für Kita und Wohnen
Woof und Skelle sind umgeben von altem Baumbestand und beherbergen neun Wohnungen und eine Kindertagesstätte, deren Räume sich auf beide Gebäude verteilen. Sie bieten Platz für 120 Kinder in sieben Gruppen sowie für ein Familienzentrum, ein Elterncafé und eine Einrichtung zur Frühförderung. Durch die Aufteilung der Funktionen auf zwei Häuser sollte zudem die Interaktion mit dem Stadtraum gestärkt und ein kindgerechter Maßstab eingehalten werden. Die Zugänge zu den beiden Bereichen liegen einander gegenüber und sind über einen Weg miteinander verbunden.
Im fünfgeschossigen Gebäude Skelle belegt die Tagesstätte das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss. Darüber sind sieben unterschiedlich große, überwiegend barrierefreie Wohnungen angeordnet. Zwei von ihnen sind sogar rollstuhlgerecht. Der Zugang zu den Wohngeschossen liegt auf der Nordseite, wo es einen leicht zurückgesetzten, wettergeschützten Eingangsbereich gibt. Jeder Wohnung ist ein Balkon oder einer Dachterrasse zugeordnet, die durch Rücksprünge an der Süd- und Westseite des Baukörpers entstanden. Im obersten Geschoss ist eine Gemeinschaftsterrasse zu finden. Die Höhenstaffelung schafft nicht nur Außenbereiche, sondern auch Bezüge zu den umliegenden, niedrigeren Gebäuden. Das kleinere Gebäude Woof verfügt nur über zwei Geschosse. Hier sind die Frühförderung und das Elterncafé untergebracht.
Galerie
Fassaden und Baumaterialien
Die Fassaden aus vorvergrauter nordischer Fichte machen die beiden Häuser als Ensemble erkennbar. Das streng gegliederte Raster orientiert sich an den Maßen der bodentiefen Fenster. Durch den Wechsel offener und geschlossener Felder in verschiedenen Größen entsteht ein lebendiges Fassadenbild, das horizontale Brandsperren aus Blech und vertikale Holzleisten zusätzlich rhythmisieren. Den Skelettbau mit Brettschichtholz (BSH) optimierte man auf schlanke Querschnitte hin. Ebenso wie die Tragkonstruktion und die Außenwände sind auch die Trennwände, das Treppenhaus, der Aufzugsschacht, die Brandwand sowie die Balkone in Holzbauweise ausgeführt. Insgesamt beträgt der Holzanteil von über 60 Prozent und macht die Gebäude somit zu CO2-Speichern.
Für Woof wählte man Brettsperrholzdecken (BSP), für Skelle hingegen wegen hoher Spannweiten Holz-Beton-Verbundkonstruktionen (HBV). Im Skelle erfolgt der vertikale Lastabtrag über ein Skelett aus Stützen und Unterzügen, im Woof über tragende Außenwände und als aussteifende Scheiben wirkenden Decken. Wo immer möglich, blieben die Holzbauteile sichtbar, sodass ihre hellen Oberflächen auch die Innenräume prägen. Der Betonanteil fällt gering aus, unter anderem durch Verzicht auf einen Keller. Beide Gebäude gründen allerdings auf einer Betonbodenplatte, da sich ein Holzfundament als unwirtschaftlich erwies und die Baugrundverhältnisse keine Streifenfundamente zuließen.
Galerie
Dämmung: möglichst erdölfrei
Auch den Einsatz erdölbasierter Dämmstoffe reduzierte man auf das absolute Mindestmaß und verwendete stattdessen Zellulose, Mineralwolle, Holzfaserdämmung und Schaumglasplatten. Letztere dämmen die Bodenplatte und den Spritzwasserbereich. Zellulose steckt in den Außenwänden, Holzfaserplatten in den Flachdächern. Zur Erfüllung der Brand- und Schallschutzanforderungen verlaufen die Installationen in einer raumseitigen Vorsatzschale. Auf diese Weise liegen die Brandlasten nicht innerhalb der Wände – eine Kompensationsmaßnahme für die Zellulosedämmung in den Außenwand-Elementen.
Die Brandwand an der Westseite des Woof ist eine Besonderheit: Sie konnte zwar wegen der geringen Gebäudehöhe (GK3) mit einem allgemeinen bauaufsichtlichen Prüfzeugnis (abP) als Holzständerwand ausgeführt werden, allerdings war hier eine Dämmung aus Mineralwolle notwendig. Sogar der zentrale Treppenhauskern im Skelle ist aus Massivholz. Um hier die Holzsichtigkeit der Innenwände und zugleich einen ausreichenden Brandschutz zu sichern, waren allerdings Treppenläufe aus Stahlbeton nötig.
Galerie
Besondere Brandschutzlösungen
Wegen der Nutzung als Kindertagesstätte werden Woof und Skelle als Sonderbauten der Gebäudeklasse 3 bzw. 4 eingestuft. Dennoch ermöglichte das Brandschutzkonzept durch den Verzicht auf eine Kapselung der Tragkonstruktion und die Dimensionierung der tragenden Holzelemente auf Abbrand den Einsatz sichtbarer Holzoberflächen in allen Räumen. Nicht nur in den notwendigen Treppenräumen ließen sich durch Kompensationen holzsichtige Oberflächen realisieren: Vertikal auskragende massive Holzleisten und horizontal auskragende Stahlbleche begrenzen eine Brandausbreitung über die Fassade. Um die Abweichungen vom Standard in Sachen Brandschutz zu realisieren, kooperierten die Architekt*innen frühzeitig mit der Feuerwehr und den prüfenden Instanzen.
Galerie
Demontierbarkeit bis ins Detail
Kreislauffähiges Bauen steht bei ZRS bei allen Architekturprojekten sowie in der eigenen Forschungsabteilung im Fokus. Um eine hohe Flexibilität bei zukünftigen Umnutzungen sicherzustellen, wurde beim Holzskelettbau auf reversible Verbindungen und robuste Konstruktionen geachtet. Für die Knotenpunkte der Stützen-Riegel-Konstruktion wählte man verdeckte Hirnholzverbinder. Der Schubverbund der Holz-Beton-Verbunddecken (HBV) erfolgt über im Holz eingefräste Kerven. Den Erfahrungen von ZRS gemäß ist diese Konstruktionsweise reversibler als HBV-Varianten mit Schrauben oder Verbindern. Die Außenwände sind zwischen den Stützen eingefädelt und die BSP-Decken an die Unterzüge angeschlossen. Die meisten Verbindungen gehen zurück auf bereits bewährte Konstruktionsdetails des Architekturbüros.
Galerie
Energieeffizienz im Betrieb
Die Kindertagesstätte erreicht den KfW-55-Standard für Nichtwohngebäude, die Wohnungen den KfW-40-Standard für Wohngebäude. Diffusionsoffene, feuchtesteuernde Oberflächen ermöglichten es, auf teure und wartungsintensive Technik zu verzichten. Neben der natürlichen Belüftung über die Fenster steht in den innenliegenden Bädern ein bedarfsgesteuertes Abluftsystem bereit. Beide Gebäude werden über Fernwärme versorgt, die über dezentrale Kompakt-Wärmestationen an die einzelnen Nutzungseinheiten (KiTa und Wohnungen) weitergegeben und dort für Fußbodenheizung und Warmwasser genutzt wird.
Bautafel
Architektur: ZRS Architekten, Berlin
Projektbeteiligte: De Zwarte Hond, Groningen, Rotterdam und Köln (Städtebaulicher Entwurf); ZRS Ingenieure, Berlin (Tragwerksplanung & Schallschutz); RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten, Hamburg (Landschaftsplanung); ZRS Architekten, Berlin (Energieberatung, Brandschutz); Bruns + Partner, Bremen / IBL Ingenieurbüro Löhmann, Langwedel (Technische Gebäudeausrüstung); Ritter Bauphysik, Potsdam und Hamburg (Akustik); Holzbau Brockhaus, Dinklage (Holzbau); Fangmann, Visbek (Dach); Helmut Kallage Bauunternehmen, Vechta (Rohbau), Tischlerei Gehner, Osnabrück (Fenster); Meyer Metallbau, Oyten (Metallbau); Ulrich Weber Stukkateur- und Trockenbaubetrieb, Bremen (Trockenbau); Theodor Schulte, Saterland – Scharrel (Innentüren); Vajen Raumausstattung, Bad Fallingborstel (Estrich, Lino, Parkett); Schreiber Fliesen und Naturstein, Bremen (Fliesen); Uwe Gardewin Tischlerei, Bremen (Tischler); Werner Siemund Malereibetrieb, Delmenhorst (Maler); Hermann Grewe Garten- und Landschaftsbau, Rotenburg / Wümme (Außenanlagen); Koch, Riede (Heizung); Bormann Elektrobau, Weyhe – Dreye (Lüftung); Peinemann + Sohn, Bremen (Sanitär); Elektrotechnik Schäfer, Schwanewede (Elektro)
Bauherr*in Bremer Heimstiftung
Standort: Pawel-Adamowicz-Straße 7 und 7a, 28327 Bremen
Fertigstellung: 2022
Bildnachweis: Caspar Sessler (Fotos); ZRS Architekten Ingenieure, Berlin (Pläne)
BauNetz Architekt*innen
Fachwissen zum Thema
Deutsche Rockwool | Kontakt 02043 / 408 408 | www.rockwool.de
