Sanierung der Burg Reichenau im Mühlkreis
Weiterbauen statt Konservieren
1932 gab man die Burg Reichenau im oberösterreichischen Mühlkreis auf. Dächer brachen ein, Mauern verloren ihren Halt, Wasser und Frost beschleunigten den Zerfall. Zurück blieb eine Ruine. Jahrzehntelang geschah nichts. Erst 2004 begann eine schrittweise Revitalisierung. Tp3 Architekten sanierten die Anlage etappenweise und erschlossen sie für Kultur und Tourismus. Ihr Ansatz verzichtet bewusst auf Rekonstruktion. Statt Vergangenes nachzubauen, schreiben sie die Geschichte fort. Das Weiterbauen wird zum Prinzip. Alte und neue Zeitschichten sind klar erkennbar.
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Nutzung als Erhaltungsstrategie
Die Geschichte der Burg Reichenau beginnt im frühen 14. Jahrhundert. Vermutlich zwischen 1310 und 1315 errichtet, war die Anlage nie ein statisches Gebilde. Über Jahrhunderte hinweg wurde sie erweitert, umgebaut und immer wieder an neue Anforderungen angepasst. Kriege und Brände hinterließen ebenso ihre Spuren wie wechselnde Besitz- und Herrschaftsverhältnisse. Schritt für Schritt entstand eine vielschichtige, unregelmäßige Anlage, die schließlich eine polygonale Ringmauer umschloss.
Diese permanente Veränderung endete erst im 20. Jahrhundert. Als sich der Erhalt wirtschaftlich nicht mehr trug, gab man die Burg 1932 auf. In der Folge blieben Dächer ungeschützt, Baumaterialien wurden entnommen und das Mauerwerk verlor zunehmend an Stabilität. Der Verfall kam nicht plötzlich, er war absehbar.
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Tp3 Architekten entschieden sich früh gegen eine museale Sicherung dieses Zustands. Sie begreifen Sanierung als Weiterführen einer langen Entwicklung. Bestehende Substanz bleibt dort erhalten, wo sie trägt und Geschichte erzählt. Neue Bauteile ergänzen sie dort, wo Nutzung und Sicherheit es verlangen. Entsprechend sollte die Ruine als solche erkennbar bleiben und zugleich neue räumliche und funktionale Qualitäten gewinnen. Diese Haltung prägte auch den Umgang mit Beton.
Beton als Schutz, Abschluss und Auflager
Im Mittelpunkt der baulichen Maßnahmen stand die statische Sicherung der stark geschädigten Mauerbereiche. Besonders deutlich zeigt sich das im Südosttrakt mit seiner freistehenden Ringmauer. Um den weiteren Verfall zu stoppen, führte man entlang der Mauerkronen einen umlaufenden Betonkranz aus. Dieser erfüllt mehrere Aufgaben zugleich: Einerseits stabilisiert der Betonkranz das historische Mauerwerk und schützt die offenen Kronen dauerhaft vor eindringendem Niederschlagswasser. Andererseits bildet er die konstruktive Grundlage für eine künftig vorgesehene, temporäre Tribünenüberdachung für den Theater- und Kulturbetrieb auf der Burg.
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Auch an anderen Stellen sind die Eingriffe gut erkennbar: Der zu großen Teilen eingestürzte und lange gesperrte Bergfried erhielt einen neuen, massiven Abschluss aus Ortbeton. Schräge Betonergänzungen sichern lose Gesteinsschichten und schließen die angebrochenen Mauern und Wände ab. Die ausführenden Handwerker*innen passten die Schalung jeweils an die unregelmäßigen Steinlagen an.
Durch das anschließende Sandstrahlen erhielten die Oberflächen eine Textur, die mit dem Bestand altert, Patina annimmt und sich ihm annähert, ohne ihn zu imitieren. Sichtbar blieben dabei die horizontalen Arbeitsfugen des Ortbetons. Sie erzählen von der schrittweisen Errichtung in einzelnen Bauetappen. An den Übergängen fügen sich Stein, Kalkzementputz und Beton materialgerecht ineinander – ohne Silikon, ohne Bauschaum, ohne kaschierende Übergänge.
Für die Sanierung waren keine speziellen Betonmischungen oder Sonderrezepturen nötig. Entscheidend waren handwerkliche Präzision und ein bewusster Materialeinsatz. Frühere Reparaturen mit ungeeigneten Zementmörteln hatten Spannungen und Risse verursacht und das Mauerwerk zusätzlich geschädigt. Diese Zementplomben entfernte man. Heute kommt Beton ausschließlich dort zum Einsatz, wo er konstruktiv notwendig und dauerhaft sinnvoll ist.
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Neue Bauteile im historischen Gefüge
Zur Revitalisierung der Burg gehörte auch der Einbau zeitgemäßer
Infrastruktur. Die neuen WC-Anlagen entstanden als kompakter
Stahlbetonbau und fügen sich zwischen die bestehenden Mauern ein.
Sie sind barrierefrei, funktional klar gegliedert und bewusst
zeitgenössisch gestaltet. Der Betonbau übernimmt eine raumbildende
Rolle im Ensemble, bindet sich kraftschlüssig an den Bestand an und
schafft zugleich eine neue Ebene. Das Flachdach dient als
Terrasse.
Ergänzt wird das Ensemble durch einen leichten Pavillon aus Holz, Stahl und Glas, der bei Veranstaltungen Schutz bietet. Heute ist die Burg Reichenau wieder ein lebendiger Ort. Theateraufführungen, Konzerte und kulturelle Veranstaltungen bringen regelmäßig Besucherinnen und Besucher auf den Schlossberg. Die Nutzung trägt dazu bei, weitere Sanierungsschritte zu finanzieren und die Ruine im Alltag der Region zu verankern. Erhalt zeigt sich hier nicht als abgeschlossener Zustand, sondern als fortlaufender Prozess. Die baulichen Eingriffe schaffen Sicherheit, Infrastruktur und Flexibilität und lassen der Geschichte des Ortes ihren Raum.
Bautafel
Architektur: Tp3 Architekten ZT, Linz
Projektbeteiligte: Schindelar ZT, Grieskirchen und Triax Ziviltechniker, Linz (Tragwerksplanung/Statik ), Ing. Wolfgang Kögelberger, Haibach im Mühlkreis (Bauphysik), Kapl Bau, Bad Leonfelden (Zimmerer, Dachdecker, Spengler), Fa. Wiebau Kies und Beton (Stahlbetonbauteile)
Bauherr*in: Tourismusverband Reichenau / Verein Erlebnis.REICH.ENAU (Auftraggeber) und Fürst Starhemberg'sche Familienstiftung (Eigentümer)
Fertigstellung: 2023
Standort: Schlossviertel 8, 4204 Reichenau im Mühlkreis, Österreich
Bildnachweis: Tp3 Architekten Nikolaus Schullerer, Franz Hochreiter und Noah Putz
Fachwissen zum Thema
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