Kaomai Museum und Teehaus in Chiang Mai
Mauerwerk als Träger der Erinnerung
Bei der Transformation industrieller, nicht mehr genutzter Areale handelt es sich hierzulande meist um Hafenanlagen, Fabriken, Brauereien oder Schlachthöfe. In Chiang Mai im Norden Thailands startete 2016 hingegen die Umnutzung und Revitalisierung einer ehemaligen Tabakverarbeitungsanlage aus den 1950er-Jahren, zu der unter anderem fünfzig Trockenscheunen gehören. Das rund sieben Hektar große Kaomai Estate 1955 dient heute als Freilichtmuseum, Café, Teehaus und Hotel, das Industriegeschichte mit üppiger Natur verbindet. Der Masterplan und die architektonischen Pläne zur Umnutzung stammen vom Architekturbüro PAVA architects aus Bangkok.
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Nachdem die Tabakverarbeitung 1995 eingestellt wurde, verfielen viele Gebäude, während sich die Vegetation das Areal zunehmend zurückeroberte. Diese gewachsene Verbindung von Architektur und Landschaft bildet den Ausgangspunkt der Umnutzung. Bestehende Wege, Freiräume und Bäume wurden weitgehend erhalten und durch Rundwege sowie Informationstafeln ergänzt. Das gesamte Gelände fungiert als begehbares Museum, das die Geschichte der Tabakproduktion ebenso aufzeigt wie die hier vorkommenden Vogel- und Pflanzenarten.
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Die baumhohen, historischen Trockenscheunen mit einer Grundfläche von sechs mal sechs Metern wurden in Stahlbetonrahmenbauweise mit Ziegelausfachung und Satteldach errichtet. An den Traufseiten sind zahlreiche kleine Öffnungen über die Fassaden verteilt, die eine Querlüftung während des Trocknungsprozesses ermöglichten. Über Jahrzehnte hatten Witterung und Nutzung sichtbare Spuren am Mauerwerk hinterlassen. Diese Alterungsprozesse verstand PAVA architects nicht als Mangel, sondern als Teil der Geschichte des Ortes, die es herauszuarbeiten galt. In zwei der Scheunen kam das Kaomai Museum unter, eine dritte wurde zu einem Teehaus umgebaut, dessen kommerzielle Nutzung den Erhalt des Ensembles unterstützen soll.
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Erhalten, ergänzen, wiederverwenden
Je nach Zustand der Ziegelbauten kamen unterschiedliche Maßnahmen zum Einsatz. Das Mauerwerk der ersten Museumsscheune war noch ausreichend tragfähig. Es wurden lediglich die schadhaften Bereiche ausgebessert. Weitere originale Elemente wie Brennöfen, Dachstrukturen und Aufhängungen für die Tabakblätter blieben erhalten und wurden in die Ausstellung integriert. Die zweite, schräg gegenüberliegende Museumsscheune erhielt eine neue Gründung. Außerdem wurde eine Stahlkonstruktion ergänzt, die die statischen Lasten aufnimmt und zugleich eine flexible Erweiterung ermöglicht. Die schlanken Stahlstützen und -träger bleiben als zeitgenössische Ergänzung klar ablesbar. Ein einzelner Informationstresen in dem ansonsten leeren, hohen Raum lässt eine kontemplative Stimmung entstehen.
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Für das Teehaus, dessen originäre Bausubstanz stark geschädigt war, entwickelten die Architekt*innen eine andere Vorgehensweise. Zunächst wurde der Bestand dokumentiert, bevor das verbliebene Mauerwerk rückgebaut wurde. Anschließend entstand die Hülle unter weitgehender Wiederverwendung der historischen Ziegel neu. Die Alterungsspuren der Ziegel bleiben weiterhin ablesbar und prägen die Fassaden. Der teils hervorquellende Mauermörtel verleiht den Wänden innen wie außen zusätzlich eine raue, archaische Optik und Haptik.
Der abgesenkte Gastraum öffnet sich über großflächige Verglasungen in den Giebelseiten zum Landschaftsraum. Eine eingezogene Galerieebene bietet weitere Sitzplätze und ermöglicht das Erleben des durch seine Höhe fast sakral anmutenden Raumes aus einer anderen Perspektive. Rückwärtig spendet ein großes Metalldach dem Außenbereich Schatten. Zugleich dient es als von der Galerie aus zugängliche Dachterrasse.
Das vorhandene Mauerwerk bleibt somit bei allen drei Umnutzungen als Träger der Erinnerung erhalten.
Das Projekt erhielt 2018 den UNESCO Asia-Pacific Awards for Cultural Heritage Conservation. 2023 gewann es das World Architecture Festival (WAF) 2023 in der Kategorie Creative Re-use.
Bautafel
Architektur: PAVA architects, Bangkok
Projektbeteiligte: Nil Khamaoy, Bangkok (Tragwerksplanung); Vasapol Teravanapanth, Bangkok (Lichtplanung); SHMA SoEn, Bangkok (Landschaftsarchitektur, Kaomai Museum); Supavadee Jingjitra, Bangkok (Denkmalpflegeberatung, Kaomai Museum); Phatchra Khongsuphol, Chiang Mai (Baummanagement, Kaomai Museum)
Bauherr*in: Kaomai Estate 1955
Standort: San Pa Tong, Chiang Mai, Thailand
Fertigstellung: 2022
Bildnachweis: Spaceshift Studio, Bangkok
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