Sophie-Scholl-Haus in der Studentenstadt München
Gitterroste und Olympiablau am Haus 11
Architekten und Karikaturisten beherrschen ihn gleichermaßen: den schnellen Strich. Ernst Maria Lang war beides zugleich: Für die Süddeutsche Zeitung zeichnete er Adenauer, Brandt und Strauß. Und mit seinem Büropartner Sepp Pogadl plante er nach einem Wettbewerbssieg 1960 die Studentenstadt München-Freimann, direkt nordwestlich des Englischen Gartens. Das neungeschossige Haus 11, 1974 von Pogadl entworfen, wurde nach langer Zeit von bogevischs buero aus München generalsaniert. Seit 2023 erstrahlt es in neuem Glanz.
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Mit 2.500 Plätzen ist die Studentenstadt eine der größten Wohnanlagen ihrer Art in Deutschland. Sie entstand zwischen 1961 und 1975 in vier Abschnitten, beginnend mit der sogenannten Altstadt. Sie weist eine lockere, teppichartige Struktur aus zweigeschossigen Atriumhäusern auf, die zum Englischen Garten hin von zwei Neungeschossern flankiert wird. Nordwestlich davon folgten ab 1971 der dritte und vierte Bauabschnitt. Die um einen zentralen Platz angeordneten Hochhausscheiben bildet die Neustadt.
Am höchsten ist das 21-geschossige Hanns-Seidel-Haus, auch bekannt als Haus 9 bzw. Grünes Haus. An der Westseite des Platzes stehen die Häuser 11, 12 und 13, der Farbe ihrer Fensterrahmen nach auch Blaues, Oranges, und Rotes Haus genannt. Versetzt angeordnet und mit acht, zwölf und sieben Wohngeschossen unterschiedlich hoch ergeben sie städtebaulich eine gestaffelte Wand, die die Studentenstadt von der vierspurigen Ungerstraße und der Autobahn A9 abschirmt.
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Wachstum in die Breite
Das jetzt sanierte Haus 11 ist beidseitig von Flachbauten umgeben: Im Westen sind unter einer Tonnendach-Sequenz Kita, Verwaltung und Bibliothek der Studentenstadt vereint. Östlicher Nachbar ist die 1977 fertiggestellte Hans-Scholl-Halle, eine Sporthalle mit Gastronomie. Anknüpfend an andere Gebäude der Studentenstadt bekam das Wohnheim nach der Sanierung den Namen Sophie-Scholl-Haus. Der kompakte, acht- bis neungeschossige Zweibünder in leichter Hanglage bietet rund 250 Einzimmerapartments beidseitig der Mittelflure mit brutalistisch rau geschalten Betonwänden und abgerundeten Eingangszonen.
Im Zuge der Sanierung baute man das Gebäude bis auf den Beton zurück. Die Apartments wurden nach außen um die ehemaligen Balkone vergrößert und neue Fluchtbalkone vorgehängt. Die Küchennischen hinter den Eingangsrundungen erhielten je ein Fenster zum Flur, wodurch sich die Gangbelichtung verbesserte und neue Blickbeziehungen ergeben. Im Erdgeschoss schuf man im ehemaligen Bürotrakt die ersten drei barrierefreien Wohnungen der Studentenstadt. Durch das Entfernen einiger Wände entstand am Hauseingang ein offenes Atrium mit Sitzgelegenheiten. Ein Teilbereich der Tiefgarage wurde zur großen Unterstellfläche für Zweiräder.
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Weg mit dem Beton
Haus 11, 12 und 13 hatten gleichartige, strukturalistische Fassaden, geprägt von vorstehenden Kragarmen, Betonfertigteilbrüstungen und den dahinterliegenden blau, orange und rot gefassten Verglasungsebenen. Am Sophie-Scholl-Haus ist die Außenhülle beidseitig um 1,30 Meter nach außen gerückt, wodurch das Gebäude deutlich weniger scheibenartig wirkt.
Zur Vergrößerung der Wohnflächen wurden die bauzeitlichen Balkonkragarme ertüchtigt und Isokörbe eingebaut. Daran befestigt sind die IPE 200-Profile, die die neuen, 60 cm tiefen Fluchtbalkone tragen. Die vorgezogenen Wohnungstrennwände im ehemaligen Balkonbereich wurden feuerbeständig (F90) ausgeführt. Entsprechend erhielten die Metallständerkonstruktionen eine Mineralfaserdämmung und eine zweilagige Beplankung mit Gipskarton-Feuerschutzplatten.
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Auflösung in Gitterrosten
Früher verschwinden die dunkelblauen Fensterbänder im Schatten der massiven Betonbalkone und -brüstungen. Vielschichtig und fein kommen die Längsfassaden heute daher: Die neuen, bodentiefen Holzfenster sind in einem deutlich helleren Olympiablau gehalten. Verzinkte Gitterroste bilden die Laufflächen und Brüstungen der neu vorgehängten Fluchtbalkone. In der Frontalsicht, etwa aus dem Hanns-Seidel-Haus heraus, wirken sie geradezu entmaterialisiert. Von schräg unten, aus der Fußgängerperspektive, sind die Gitterböden als dezente Linienraster lesbar, in denen sich das Zinkgrau mit dem hellen Blau überlagert.
Bautafel
Architektur: bogevischs buero architektur & stadtplanung, München (Sanierung)
Projektbeteiligte: Christoph Maas Architekturbüro, München (Bauleitung); HOCH Baustatik – Ingenieurbüro für Bauwesen, München (Statik); K33 Riedner Wagner Gerhardinger Architekten (Brandschutz); Müller-BBM Building Solutions, Planegg (Akustik, Bauphysik); Ingenieurbüro Konrad Huber, München (Heizung, Sanitär, Haustechnik); GT Geisler-Tannhoff, Waldkraiburg (Elektroplanung), Veronika Richter, München (Landschaftsarchitektin); Ingenieurbüro Schiessl Gehlen Sodeikat; München (Betonsanierung)
Bauherr*in: Studierendenwerk München und Oberbayern
Fertigstellung: 2023
Standort: Christoph-Probst-Straße 12, 80805 München
Bildnachweis: Rainer Taepper, Deggendorf (Fotos); bogevischs buero, München (Baustellenfotos und Pläne)
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