Tonnenhalle der Pausa Druckerei Mössingen

Brandschutz im Industriebaudenkmal

Durch ihre damals hochmodernen Druckverfahren und die Zusammenarbeit mit wichtigen Künstlern und Designern, unter anderem Verner Panton, erlangte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Mechanische Weberei Pausa in Mössingen, 15 Kilometer südlich von Tübingen, internationales Renommee als Adresse für zeitgemäßen Textildruck. Dem gestalterischen Anspruch entsprechend, errichtete in den Jahren von 1951 bis 1962 der Stuttgarter Architekt Manfred Lehmbruck, ein wichtiger Vertreter der Nachkriegsmoderne, für Pausa ein neues Gebäudeensemble. Als dessen erster Bauabschnitt entstand die aufgrund ihres charakteristischen Dachtragwerks sogenannte Tonnenhalle.

Gallerie

2004 musste die Druckerei Insolvenz anmelden, die Firmengebäude gingen in den Besitz der Stadt über und wurden unter Denkmalschutz gestellt. Der neue Eigentümer suchte nun, mit Unterstützung des Architekten und Stadtplaners Gerd Baldauf, nach möglichen Nutzungen für das Areal sowie nach potenziellen Mietern. Wieder machte die Tonnenhalle den Anfang, für welche die Stadtbibliothek, die Diakonie sowie der Regionalverband Neckar-Alb Interesse an einer Nutzung anmeldeten.

Das zweigeschossige ehemalige Produktionsgebäude ist 80 Meter lang und 30 Meter breit. Insgesamt neun Tonnenschalen bilden das Dach und liegen auf den Längsfassaden sowie einer Mittelstützenreihe auf. Während das Obergeschoss mit seinen Oberlichtern in den Betonschalen und den seitlichen großen Fensterbändern sehr hell ist und für viele Nutzungen infrage kam, war ein großer Teil des tiefen Erdgeschossgrundrisses viel zu dunkel.

Zur Lösung des Problems schlugen die Architekten einen 50 Meter langen und sechs Meter breiten Einschnitt in der Decke zum Obergeschoss entlang der mittleren Stützenreihe vor. So kann von oben Licht in das entstandene zweigeschossige Foyer einfallen, von dem aus die neuen Büroräume für die Diakonie und den Regionalverband sowie das Pausa-Museum mit der erhaltenen Farbküche erschlossen werden. Im Luftraum des Foyers führt eine 30 Meter lange Betonrampe, die von nur einer V-Stütze in ihrer Mitte getragen wird, ins obere Stockwerk. In dessen einer Hälfte befindet sich nun die Mössinger Stadtbücherei, in der anderen eine großzügige Gewerbefläche, in der noch einer der ehemals hier genutzten Drucktische steht, der beinahe über die gesamte Länge des Gebäudes reicht. Alle nötigen Trennwände im Obergeschoss wurden aus Glas hergestellt, die Möbel und wenigen Einbauten sind niedrig, sodass der offene Fabrikhallen-Charakter erhalten blieb.

Der Denkmalschutz galt nur für die Längsfassaden, bei den Stirnseiten hatten die Architekten größere Freiheit. In den geschützten Ansichten wurde also nur das Ziegelmauerwerk ausgebessert und die Fenster aufgearbeitet. Eine Innendämmung stellt den nötigen Wärmeschutz her, das Tonnendach wurde von oben gedämmt, ohne dass dies in der Fassade sichtbar wird. In die beiden bisher geschlossenen Seitenwände schnitt man je eine neue Öffnung, aus denen nun eine Leseecke für die Bücherei und ein Schaukasten für den Gewerbebereich herausragen.

Brandschutz
Die Glasflächen rund um das Foyer und zwischen den verschiedenen Nutzungseinheiten müssen einen Feuerwiderstand von F30 aufweisen. Vor allem bei den großflächigen Verglasungen zwischen den Dachträgern im Obergeschoss stellte diese Anforderung eine Herausforderung dar, da hier statisch ein horizontaler Fensterriegel nötig war, der sich wiederum im Brandfall 30 Minuten lang nicht verformen durfte. In Zusammenarbeit mit dem Hersteller der Brandschutzverglasung und der Fensterbaufirma entwickelten die Architekten eine besondere Stahlkonstruktion, bei der der Zwischenriegel vom Sturz abgehängt wurde.

Für das Abführen von Rauch und Brandgasen im zusammenhängenden, zweigeschossigen Foyerraum wurde eine Entrauchungsanlage eingebaut. Dazu sind in die Oberlichter des Tonnendachs optisch unauffällige Brandgasventilatoren integriert. Unterirdische Zuluftkanäle führen zu Nachströmöffnungen im Sockelbereich der an das Foyer angrenzenden Sanitär-Einbauten im Erdgeschoss. Frische Außenluft gelangt über festinstallierte Sitzmöbel im Außenraum ins Gebäude, in welche Jalousieklappen (Lamellenlüfter) integriert wurden, die sich im Brandfall öffnen. -sm

Bautafel

Architekten: Gerd Baldauf, Stuttgart (Umbau); Manfred Lehmbruck (Bestandsgebäude)
Projektbeteiligte: Michael Frank, Martin Kurz, Mirko Schnabel, Katrin Schubert; Ernst² Architekten, Stuttgart (Bauleitung); Schneck Schaal Braun, Tübingen (Tragwerksplanung); SRM, Mössingen (Haustechnik); Karl Leifert, Gärtringen (Elektroplanung); IB Wowra, Balingen (Brandschutzplanung); Promat, Ratingen/Hoba, Adelberg (Brandschutzverglasungen); Colt International, Cleve (Entrauchungsanlage); Gerlinger + Merkle, Schorndorf (Bauphysik); Keimfarben, Diedorf (Fassadenfarben); Jung, Schalksmühle (Schalter)
Bauherr: Stadt Mössingen
Fertigstellung: Januar 2011
Standort: Löwensteinplatz 1, Mössingen
Bildnachweis: Gerd Baldauf, Stuttgart; Fotos: Wolfram Janzer, Stuttgart

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