Ein Bühnenbild als Protagonist
Gerüstinstallation am Residenztheater in München
Wie inszeniert man eine der berühmtesten und meistgespielten Tragödien der Literaturgeschichte wieder einmal neu? Zum Beispiel indem man ein rundum stimmiges Gesamtstück komponiert, das den Spagat zwischen dem 16. und 21. Jahrhundert meisterlich vorführt, das Sprache und Kostüm, Physis und Technik, Intonation und Bewegtbild, Licht und natürlich die Schauspielkunst passgenau miteinander verbindet. Wie ein Zahnrad fügen und drehen sich alle Komponenten aus- und ineinander, über insgesamt drei Stunden, die die Theaterinszenierung zu „Romeo und Julia“ von Elsa-Sophie Jach am Münchner Residenztheater dauert.
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Unaufdringlich, aber unübersehbar steht dabei die Rauminstallation der freien Bühnenbildnerin Marlene Lockemann im Mittelpunkt des Geschehens: eine Gerüstkonstruktion, die sich fast über die gesamte Breite der Bühne erstreckt und immer wieder auffächert oder verändert, in Interaktion mit den Figuren tritt, fast permanent bewegt und zur leisen Protagonistin wird. Zwölf Ebenen stapeln sich in der Ausgangssituation übereinander und lassen sich blockweise oder einzeln rund um eine unsichtbare Mittelachse aufdrehen. Die oberste Plattform stellt den wohl berühmtesten Balkon der Welt aus Verona dar, langgestreckt und filigran überspannt, partiell mit Absturzsicherungen versehen, aber dennoch allseits zugänglich – wenn man die Kletterkünste der Schauspielerinnen und Schauspieler in Betracht zieht und gespannt verfolgt.
Tanzende Mauer
In einem Podcast-Interview mit dem Thea Kulturclub
erzählt Marlene Lockemann, sie sehe das Bühnenbild als Fusion
zwischen der freien Kunst und Choreographie, ihrem ursprünglichen
Interesse. Dadurch würde sie oft Räume gestalten, die eigentlich
Mitspielerinnen sind, die etwas Tänzerisches haben. „Es ist schön,
dass man Konstruktionen erschaffen kann, die das ganze Geschehen
beeinflussen und mitgestalten“, sagt die Berlinerin, die Bühnenraum
und freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg
studiert hat und bereits mehrfach für Theaterpreise nominiert war,
darunter als Nachwuchskünstlerin und -bühnenbildnerin.
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Die von drei Motoren angetriebene Stahlkonstruktion stützt sich seitlich auf 48 Rädern und kann sich um 360 Grad drehen – und eben öffnen, was den Figuren immer wieder sehr dynamische, poetische, waghalsige und fließende Interaktionen mit der Bühne ermöglicht. So wird der Balkon gleichzeitig zur Mauer, die aber immer wieder in ihre Komponenten zerfällt und sich gleich wieder auftürmt, um kurze Zeit später wieder Wege freizulegen oder Hürden abzubauen. Ein Bühnenbild, das die Symbolik und die Geschichte der zwei Liebenden samt ihren verfeindeten Familien so minimalistisch wie wirkungsvoll verkörpert. So wird auch 430 Jahre nach der vermutlich ersten Aufführung die Shakespeare-Tragödie um eine würdige Variante reicher – und um eine Inszenierung, die auch Architekturliebhaber*innen begeistert. -sab
