Verkehrsstützpunkt Nord der Kantonspolizei Chur
Überkopfverschattungen mit PV-Modulen
Die Polizei als Energieerzeuger – das war eines der erklärten Entwurfsziele von Comamala Ismail Architectes beim Neubau eines Verkehrsstützpunktes der Kantonspolizei in Chur. In peripherer Lage, von Verkehr umspült und eingeschnürt in ein Knäuel aus Fahrspuren, Abzweigen und Wendeschleifen, sollte der Bau auch als „Kraftwerk“ und Symbol des kantonalen „Green Deal“ präsentiert werden. 2024 war der Stützpunkt fertiggestellt.
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Bereits im vorangegangenen Wettbewerb war ein Netto-Null-Gebäude mit Leuchtturmcharakter gefordert. Die Vorgaben, zu denen auch 60 Parkplätze, Schwertransport-Manövrierflächen, Hundezwinger und unversiegelte Freiflächen gehörten, waren insgesamt herausfordernd.
Die Architekt*innen entschieden sich für eine weitgehend unterirdische Organisation der Fahrzeugflächen. Als oberirdisches Volumen tritt lediglich ein viergeschossiger, leicht gestauchter Würfel mit rund achtzehn Metern Kantenlänge in Erscheinung, der mit schräg ausgestellten PV-Paneelen augenfällig auf den Aktionsplan zur Klimaneutralität verweist.
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Materialoptimiertes Tragwerk
Das Stahlbetontragwerk besteht aus den Decken, zwei Kernen und schlanken Pfeilern in der Fassadenebene. Geachtet wurde auf eine Minimierung des Betonbedarfs, die Einbeziehung des Aushubs, kurze Transportwege und die Verwendung von CO2-reduziertem Zement. Zu den Maßnahmen gehörte auch der Verzicht auf eine Bodenplatte in der Tiefgarage.
Abgesehen von den Kernen sind sämtliche Wände nichttragend und mit ungebrannten Lehmsteinen erstellt. Der Verzicht auf tragende Wände und die konsequente Trennung von Struktur und Ausbau sollen die Flexibilität und somit potenziell auch die Lebensdauer des Gebäudes erhöhen. Jedes der vier oberirdischen Geschosse ist unterschiedlich aufgeteilt, entsprechend dem Bedarf an Vortrags- und Besprechungsräumen, Verhörraum und Tageszellen sowie kleinen, abgetrennten und großen, offenen Büros.
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Ungeschminktes Inneres
In den Innenräumen dominieren brettergeschalte Betondecken, Böden mit Terrazzo-Anmutung und die unverputzten Lehmsteine. Dazu gesellen sich helle Vorhänge und mattgrüne Deckensegel, die gemeinsam mit den Lehmsteinwänden eine gute Raumakustik gewährleisten. Auf Wand- und Deckenverkleidungen oder Farbanstriche wurde verzichtet. Installationen für Elektro, Wasser, Abwasser und Lüftung sind Aufputz geführt.
Obwohl das langgestreckte Grundstück eine Restfläche darstellt, die stark vom motorisierten Verkehr geprägt ist, wurde bei der Außenraumgestaltung auch auf Förderung und Schutz der Biodiversität durch die gezielte Auswahl standortgerechter Pflanzen und Gehölze sowie die Bildung unterschiedlicher Zonen geachtet.
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Fassade: PV trifft Sonnenschutz
Das Gerüst der schlanken Fassadenpfeiler ist mit den gleichen, ungebrannten Lehmsteinen ausgefacht, die auch für die Trennwände im Innern verwendet wurden. In regelmäßigen Abständen wechseln sich geschlossene Flächen und Holzfenster mit hochisolierten Festverglasungen und seitlich angeordneten, schmalen Öffnungsklappen ab. Im Brüstungsbereich und zwischen den Fenstern wurde eine Außendämmung aufgebracht und in Schichtholz eingehaust.
Vor den Brüstungen und den oberen Bereichen der Fenster scheinen schwarze, rahmenlose Photovoltaik-Module aus der Holzfassade herausgeklappt. Es handelt sich allerdings um feststehende Elemente, die in zwei unterschiedlichen Winkeln geneigt sind. Ihre unterseitigen Aluminiumprofile sind auf eine horizontale Dachlattung geschraubt, die wiederum durch Kerto-Furnierschichtholzknaggen in ihrer Position gehalten wird.
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Die über den Fenstern im 45-Grad-Winkel auskragenden PV-Module wurden als Low-Tech-Lösung für einen wartungsfreien, fixen Sonnenschutz konzipiert. Trotz Verschattung gewährleistet er dauerhaften Ausblick und schließt dabei nutzerseitige Fehlmanipulationen aus – und produziert natürlich obendrein Strom. Die Untersichten der Verschattungselemente sind mit 22 Millimeter starken, wasserfest verleimten Sperrholzplatten verkleidet. Somit treten die Knaggen-Profile nur an den senkrechten Gebäudekanten in Erscheinung, welche als Brettschichtholz-Negativecken ausgebildet sind.
Jährlich 80 MWh Strom liefern die PV-Module an der Fassade, 20 MWh die auf dem Flachdach. Die Energieerzeugung kompensiert somit rechnerisch die für den Bau aufgewendete, graue Energie.
Bautafel
Architektur: COMAMALA ISMAIL ARCHITECTES, Delémont, Biel/Bienne
Projektbeteiligte: Diego Daza, Louane Erard, Véronique Heissler, Oriana Locatelli, André Paca, Cornelius Thiele (Projektteam Architekturbüro), ZPF Ingenieure, Basel (Bauingenieure), Ingenieurbüro IEM, Thun (HLKS-Planung), Pro Engineering, Basel (Elektroplanung), Grolimund + Partner, Aarau (Nachhaltigkeit, Energie, Bauphysik, Akustik, Brandschutz)
Bauherr*in: Kanton Graubünden (Hochbauamt)
Fertigstellung: 2024
Standort: Sommeraustrasse 35, 7000 Chur, Schweiz
Bildnachweis: Ingo Rasp, Chur/Zürich (Fotos); COMAMALA ISMAIL ARCHITECTES, Delémont, Biel/Bienne (Pläne)
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