Tour Racine in Paris
Glaskrone über Betonfertigteilen
La Tour Racine – ein Bauwerk dieses Namens sucht man wohl spontan in Paris, während die Übersetzung „Wurzelturm“ vielleicht zuerst an Wald denken lässt. Beides passt: Nachdem die oberste französische Forstbehörde, die Office National des Forêts, in einen Neubau umgezogen war, wurde der frühere Tour ONF nach Plänen von Maud Caubet Architectes saniert und aufgestockt – und schließlich umbenannt.
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Betonzylinder auf kleinem Sockel
Der Tour ONF war 1972 im 12. Arrondissement, nahe der Place de la Nation, auf einem Grundstück des Landwirtschaftsministeriums errichtet worden. Die Architekten Xavier de Vigan und Francis Thieulin sowie der Architekten und Malers Émile Deschler gestalteten ihn ganz im Zeitgeist der 1970er-Jahre. Etwa 40 Meter hoch und 23 Meter im Durchmesser misst die zylindrische Stahlbetonkonstruktion mit zentralem Erschließungskern. Dieser ist im verglasten Erdgeschoss erkennbar. Darüber kragt eine konisch verlaufende, holzverkleidete Decke aus. Darüber sind neun Bürogeschosse mit elementierter Betonfassade zu sehen, deren abgeschrägte Fensterlaibungen für eine plastische Wirkung sorgen.
Das zurückgestaffelte, zehnte Obergeschoss war der Gebäudetechnik vorbehalten. Des Weiteren gibt es insgesamt fünf Untergeschosse. Das erste, mit einem Sitzungssaal ausgestattet, war flankiert von einem trichterförmig abgegrabenen Garten, der einem Amphitheater ähneln sollte. Die darunterliegenden Ebenen beherbergten Parkplätze. Bei der nationalen Forstbehörde als Nutzer lag es nahe, im Gebäude Holzoberflächen zu zeigen. Entsprechend erhielt das Erdgeschoss einen Parkettboden und der Sitzungssaal eine Vertäfelung mit Intarsien.
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Erweiterung an der Wurzel
Ein halböffentlicher Weiterbildungsanbieter bezog die neuen Büroräume. Künftig könnten die Grundrisse jedoch auch an eine Wohnnutzung angepasst werden. In zwei der fünf unterirdischen Parkebenen sind weitere Büros sowie Tagungsräume untergebracht. Für ihre Belichtung wurde ein insgesamt 12 Meter tiefer, bogenförmiger Innenhof gegraben und somit buchstäblich die Wurzeln des Gebäudes freigelegt.
Im Vorfeld waren unter anderem Eingriffe in den Terrassengarten, die auch mit zusätzlicher Baumasse im Erdgeschoss verbunden waren, von der Commission du Vieux Paris – dem städtischen Denkmalrat – kritisch hinterfragt worden. Er befürchtete einen Verlust der ursprünglichen Solitärwirkung des an einer Straßenkreuzung gelegenen Turms. Die ein- bis zweigeschossige Ergänzung beschränken sich auf die von der Kreuzung abgewandten Seiten im Süden und Osten. Die sieben- bis achtgeschossigen Nachbargebäude – Neubauten der Université Sorbonne Nouvelle – halten gebührend Abstand. So bleibt der Tour Racine trotz der neu interpretieren Außenräume weiterhin als frei stehender Turm im Stadtraum erlebbar.
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Erweiterung an der Spitze
Die augenfälligste Veränderung an dem Büroturm erfolgte nicht an seiner „Wurzel“, sondern an der Spitze, wo er um ein Gewächshaus aufgestockt wurde. Maud Caubet Architectes sprechen gar von einer „Glaskrone“, die sie dem Gebäude aufgesetzt haben. Die verglaste Holzrahmenkonstruktion überragt das alte, abgetragene Technikgeschoss deutlich und beherbergt auf zwei Ebenen neben Pflanzen auch ein kleines, für die Beschäftigten zugängliches Café mit Blick über die Stadt. Auch die Aufstockung war von der Commission du Vieux Paris wegen der Veränderung der Gebäudeproportionen kritisch diskutiert worden. Ohne Zweifel stellt die Aufstockung einen deutlichen Eingriff in die Architektur der frühen 1970er-Jahre, bietet zugleich aber einen Zugewinn für die Nutzer*innen.
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Fassade: Beton und Glas
Bei den bauzeitlichen, raumhohen Fassadenelementen handelt es sich um tragende Kiesbeton-Fertigteile, von denen sich jeweils 40 Segmente zum Kreis schließen. Im Rahmen der energetischen Sanierung ersetzte man die innenseitig auf die Betonelemente montierten, schwenkbaren Aluminiumfenster durch neue Drehflügel mit Aluminiumrahmen und Doppelverglasung. Im Brüstungs- und Deckenbereich sowie seitlich zwischen den Fenstern wurden 10 bis 15 Zentimeter Innendämmung aufgebracht. Auf diese Weise blieb das äußerliche Erscheinungsbild mit der bis zu 50 Zentimeter tiefen, cremefarbigen Beton-Facettenstruktur im Wesentlichen erhalten. Verändert hat sich lediglich der Sonnenschutz: Die ursprünglich außenliegenden, orangegelben Stoffmarkisen wichen innenliegenden, weißen Rollos.
Auch die Gewächshausfassade hat eine Doppelverglasung. Die vertikal dreigeteilten Scheiben reichen über die gesamte Höhe der Aufstockung. Sie sind schräg vor die Holzrahmenkonstruktion gestellt, sodass der Wintergarten eine gerichtete, sägeblatt- oder auch schaufelradartige Anmutung erhielt. In die so entstandenen, seitlichen Versatzflächen, die mit Blechen im Beige-Ton der Betonfassade verkleidet sind, wurden fein perforierte Lüftungsschlitze integriert.
Bautafel
Architektur: Maud Caubet Architectes, Paris
Projektbeteiligte: Arnaud Housset, Nina Maeno, Pauline Reysset, Nastasia Thiriet, Thomas Jacques (Projektteam Architekturbüro), Structureo, Antony (Bauingenieure), SCB Economie, Paris (Kostenberatung), Clarity Studio, Paris (Akustikplanung), ATEC (TGA-Planung), CSD-FACES France (Sicherheitsberatung), BTP Consultants / Arcora / Effectis (Bauinspektion), Payet, Paris/Bordeaux/Lyon/Rennes (Freiraumgestaltung)
Bauherr*in: Alderan (SCI EWOK), Paris
Fertigstellung: 2024
Standort: 2 Avenue de Saint-Mandé, 31 Rue de Picpus, 75012 Paris, Frankreich
Bildnachweis: Fabrice Fouillet (MCA); Laurent Kronental (MCA); Giaime Meloni, Montreuil Félix Roudier-Canler, Lyon; Maud Caubet Architectes, Paris
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