Seminargebäude für die Gedenkstätte Hinzert
Gefalteter Solitär aus Leichtbeton
Mit einem neuen Seminargebäude hat die Gedenkstätte SS-Sonderlager / KZ Hinzert ihre Räume für die historisch-politische Bildungsarbeit erweitert. Der 2023 fertiggestellte, dreigeschossige Neubau des Architekturbüros Wandel Lorch Götze Wach steht am Waldrand hinter dem Dokumentationshaus. Prägend sind seine asymmetrisch gefalteten, geneigten Außenwände aus 55 Zentimeter starkem Leichtbeton. Sie übernehmen Tragfunktion, Wärmeschutz und sichtbare Oberfläche zugleich.
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Das Haft- und Konzentrationslager in der Nähe von Trier bestand von 1939 bis 1945. Heute erinnert die Gedenkstätte an die dort inhaftierten und ermordeten Menschen. Weil Schulklassen, Jugend- und Studiengruppen die Kapazitäten des bestehenden Hauses zunehmend auslasteten, ließ das Land Rheinland-Pfalz ein zusätzliches Seminargebäude errichten. Formal knüpft der Neubau an das benachbarte Dokumentationshaus mit seiner Cortenstahlfassade an, dessen expressive Geometrie er in einen kompakten Betonkörper übersetzt. Auf quadratischem Grundriss verteilen sich drei Seminarräume auf drei Ebenen. Während das Erdgeschoss vorkragt, verjüngen sich die oberen Geschosse nach oben. Trapez- und Dreiecksflächen kippen aus der Vertikalen. Durch je zwei große Rundfenster pro Geschoss fällt der Blick auf das Gelände des ehemaligen Lagers.
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Monolithische Hülle, aufwendige Ausführung
Für die Außenwände kam ein gefügedichter Leichtbeton der Klasse LC 12/13 D1.2 zum Einsatz. Als leichte Gesteinskörnung enthält die Mischung Blähton, dessen eingeschlossene Luftporen die Trockenrohdichte auf etwa 1.000 bis 1.200 kg/m3 reduzieren. Zugleich verbessern sie die Wärmedämmeigenschaften. Damit vereinen die Außenwände Lastabtragung und Wärmeschutz in einem Bauteil. Der Beton bleibt auf beiden Seiten sichtbar. Die mit Normalbeton erstellten Geschossdecken sind über thermisch entkoppelte Rückbiegeanschlüsse mit den Leichtbetonwänden verbunden. In Decken und Wandflächen sind außerdem Rohrleitungen integriert, für die Beheizung und Kühlung der Seminarräume per Bauteilaktivierung.
Die Umsetzung der freien Geometrie war aufwändig. Konventionelle System- oder Rahmenschalungen kamen für die unterschiedlich geneigten Flächen nicht infrage. Deshalb fertigten ein Polier und drei Zimmerer die Schalung vor Ort aus Konstruktionsholz. Die dicht gefügten Hölzer mussten dabei zwei Aufgaben erfüllen: Einerseits galt es, die wechselnden Neigungen präzise abzubilden, andererseits dem Frischbetondruck standzuhalten. Für die Rundfenster entstanden passgenaue Schalungskörper, die geschossweise wiederverwendet wurden. Anspruchsvoll war auch die Betonage. Weil die Blähtonkörner deutlich leichter sind als der Zementmörtel, bestand die Gefahr, dass sich die Bestandteile beim Einbringen entmischen. Steigen die leichten Körner auf, während der schwerere Mörtel absinkt, können Fehlstellen entstehen. Bei schrägen Wandflächen verstärkt sich dieser Effekt zusätzlich.
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Mischen, prüfen, betonieren
Der Leichtbeton wurde im Betonwerk Ellenberg als Sonderproduktion hergestellt. Da Blähton aufgrund seiner porösen Struktur Wasser aufnimmt, musste seine Eigenfeuchte bei der Rezeptur berücksichtigt werden. Die Wasserzugabe in der Mischanlage wurde deshalb jeweils an die gemessene Saugfeuchte angepasst. Ziel war es, eine möglichst konstante Konsistenz über Herstellung, Transport und Einbau hinweg zu erhalten. Bevor der Beton eingebracht wurde, kontrollierte man auf der Baustelle jede Lieferung hinsichtlich Konsistenz, Frischrohdichte und Temperatur. Für jeden Betonierabschnitt entstanden außerdem Probekörper zur späteren Prüfung der Druckfestigkeit. Insgesamt wurde der Baukörper in vier Abschnitten betoniert, wobei ein Zwei-Kubikmeter-Betonkübel einen kontinuierlichen Materialfluss ermöglichte.
Die geneigten Wände erschwerten auch die Verdichtung. Flaschenrüttler ließen sich darin nur schwer kontrolliert führen. Flexible Kunststoffrohre, die tief in die Schalung eingebracht wurden, dienten deshalb als Führung. Durch sie konnten die Rüttler gezielt in den Frischbeton gelangen, sodass sich dieser gleichmäßig verdichten ließ, ohne die Schalungsflächen zu beschädigen. Nach dem Ausschalen bleiben innen wie außen die Spuren der hölzernen Schalung sichtbar. Zusätzliche Bekleidungen entfallen. Mit zunehmender Bewitterung soll die Betonoberfläche stellenweise bemoosen und sich der Baukörper über die Jahre weiter verändern.
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