Marmornachbildung in Mainz
Denkmalgerechte Rekonstruktionen bei einer Rathaussanierung
1973 wurde das von Arne Jacobsen und Otto Weitling entworfene Mainzer Rathaus eingeweiht. Zwischenzeitlich von Abriss bedroht, begannen 2019 die Rettungsarbeiten an dem denkmalgeschützten Gebäudekomplex. Die Fassadensanierung wird von Hammerschmidt Architects begleitet.
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Beamtengefängnis zwischen Rhein und Altstadt
Das Mainzer Rathaus ist eine düstere Erscheinung: Siebengeschossige Gebäudeflügel mit Marmorverkleidung und vergitterten Fenstern weisen Richtung Innenstadt und sind wohl der Grund für den Spitznamen „Beamtengefängnis“. Zum Rhein hin, als eigenständiger Baukörper, liegt der Ratssaal. Das Erdgeschoss ist als flächiges Plateau ausgebildet, auf dessen Dach sich der Jockel-Fuchs-Platz befindet. Erreicht wird er über die Rathausbrücke, die über die sechsspurige Rheinstraße hinweg reicht und neben einem Uhrenturm in der Fußgängerzone anlandet.
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Bedruckte Keramik
An den Rathausfassaden und auch am Uhrenturm mussten die aus Norwegen stammenden Marmorplatten ersetzt werden. Allerdings waren diese nicht mehr verfügbar, sodass optisch passende Alternativen gesucht werden mussten. Für das Rathaus wählte man anstelle des Natursteins ein bedrucktes Feinsteinzeug, bei dem Grundfarbton und Relief der gealterten Platten nachgebildet wurden. Dreißig von ihnen wurden fotografiert, um genügend Druckmotive zu entwickeln, sodass ihre Wiederholung auf den ersten Blick nicht erkennbar ist. Durch eine Drehung der Motive um 180 Grad verdoppelt sich die Auswahl.
Schließlich ermittelte man ein Verlegemuster mit 144 Fassadenplatten und überprüfte es anhand eines Mockups auf der Baustelle. Mittels eines 3D-Druck-Verfahrens wurde das Motiv in die Keramikplatte eingebrannt und zugleich die gewünschte, reliefartige Oberfläche generiert.
Akkurat verlegt, konnte man sich der bauzeitlichen Fassadenerscheinung so stark annähern, dass die Untere Denkmalschutzbehörde (UDB) sowie die Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) die Maßnahme freigaben. Die Keramikplatten sind so beschichtet, dass sie luftreinigende und selbstreinigende Eigenschaften aufweisen. Sie können beispielsweise die von der nahen Rheinstraße kommenden Stickoxide umwandeln.
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Handgemeißelter Muschelkalk
2021 wurden auch am Uhrenturm schwere Fassadenschäden festgestellt, sodass auch hier Ersatz erforderlich war. In der Schweiz fanden die Architekt*innen mit dem Mägenwiler Muschelkalk einen farblich entsprechenden, außenraumgeeigneten Naturstein: Rund 4.000 Platten wurden für die ca. 1.800 m2 große Fassadenfläche bestellt, dazu abgerundete Steine für die 400 m2 Rundfassade des Turms – eine Herausforderung für den kleinen Steinbruch.
Ein prägnantes Merkmal des Turms sind außerdem die beiden Uhren an der Nord- und Südseite, mit einem Durchmesser von jeweils 4,50 Metern. Ihr Relief wurde dreidimensional erfasst, auf die neuen Steinplatten übertragen und schließlich in akribischer Handarbeit gemeißelt. Währenddessen wurden die Zeiger wieder in ihrer bauzeitlichen Farbe lackiert. Derweil könnte der Betrieb des Brückenturms, in dem sich unter anderem das Zentrum für Baukultur befindet, weiterlaufen.
Bis zum Sommer 2027 soll die Sanierung des Rathauskomplexes abgeschlossen sein.
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