Wohn- und Atelierhaus Karper in Molenbeek-Saint-Jean
Nachverdichtung in Brüssel
Molenbeek ist ein Viertel nordwestlich des Stadtzentrums von Brüssel, das von einem dichten Netz an Werkstätten und Industrieanlagen geprägt ist. Mit einer Aufstockung füllte das Architekturbüro Hé! hier eine Lücke in der Straßenfront. Die ehemalige Waschmittelfabrik wurde gründlich saniert und wuchs um zwei Geschosse in die Höhe. 2021 war das Wohn- und Atelierhaus Karper (zu Deutsch: Karpfen) fertig.
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Das Grundstück an der Karperstraat ist schmal und reicht weit in den Block hinein. Ein hohes, blaues Tor führt durch das kleine, zweigeschossige Fabrikgebäude in einen Hof und zu einem viergeschossigen Hinterhaus mit Satteldach. Für die Architekt*innen war die Aufstockung des Vorderhauses der logische Schritt, um auf den Wohnungsmangel in Brüssel zu reagieren, ohne dabei zu viel Grünfläche zu opfern. So war die verglichen mit den Nachbargebäuden niedrigere Traufhöhe eine willkommene Chance.
Wohnen und Arbeiten in Vorder- und Hinterhaus
In den Erdgeschossen sind nun die eher öffentlichen Bereiche untergebracht, im Vorderhaus der Co-Working-Space und im Hinterhaus ein Designstudio. Diese sorgen tagsüber für Leben und Interaktion mit der Nachbarschaft. Das Untergeschoss des Vorderhauses nimmt eine Küche ein, die Durchfahrt dient als Fahrradgarage und im Geschoss darüber wurden eine Kleinwohnung (Studio) eingerichtet. Auf dem Flachdach entstand eine Maisonette-Wohnung.
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Im Hinterhaus befindet sich heute ein weiteres Studio mit einer Maisonette-Wohnung darüber. Die durch die geschossweisen Rücksprünge entstehenden Dachterrassen befinden sich jeweils auf der Rückseite von Vorder- und Hinterhaus, sodass die Bewohner*innen genügend Privatsphäre erhalten. Die weiße Backsteinfassade an der Straßenseite der Aufstockung nimmt Details des historischen Mauerwerks und fügt sich unauffällig in das Erscheinungsbild der Nachbarschaft ein.
Geplante Langlebigkeit
Die offenen Grundrisse ermöglichen vielfältige Nutzungsvarianten. Beispielsweise kann der Co-Working-Space problemlos in einen Laden oder Showroom umgewandelt werden. Auch die kleinen Ateliers sind so konzipiert, dass sie sich zu einem späteren Zeitpunkt den Wohnbereichen zuordnen lassen. Durch die freiliegenden Verbundstützen und -träger ist die Konstruktion gut lesbar. Schraubverbindungen erlauben eine weitgehend zerstörungsfreie Demontage und somit eine spätere Wiederverwendung der Holzbalken.
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Dämmung: Stroh, Hanf und Kork
Die Materialpalette wurde auf ein Minimum beschränkt, mit einem Schwerpunkt auf lokalen, pflanzlichen Baustoffen. Die Holzrahmenkonstruktion wurde mit Stroh ausgefacht und mit Sand und Lehm verputzt. Das teilweise begrünte neue Dach hat eine Dämmschicht aus Kork, die Bestandsfassaden wurden mit Hanf gedämmt.
Das Projekt soll zeigen, dass sich das Bauen mit Holz, Stroh und Hanf und Holz nicht auf den ländlichen Raum beschränken muss, sondern durchaus in einem urbanen Umfeld funktioniert. Die Materialien sind biologisch abbaubar, wachsen nach und binden CO2. Auch möglichst kurze Transportwege spielten für die Architekt*innen eine Rolle: Die zur Dämmung verwendeten Strohballen stammen von einem nahegelegenen Bauernhof. Sand und Lehm sind ebenfalls lokal reichlich vorhanden und zudem unendlich oft wiederverwendbar. Für die Aufstockung wurden sie von der Brüsseler Erdbauindustrie bezogen.
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Einige weitere Bauteile stammen aus zweiter oder dritter Hand. Vorhandene Elemente wie Fußböden, Treppen oder Fliesen wurden aufgearbeitet und durch Recycling-Materialien ergänzt. Dies verleiht dem Gebäude Charakter und es entstehen kaum weitere Emissionen, verglichen mit Neuware. Durch die weitestgehende Vermeidung von konventionellen Baumaterialien bietet sich ein gesundes Wohnumfeld. Darüber hinaus sparte die Anwendung von Low-Tech-Details und -Prinzipien Kosten.
Bautafel
Architektur: hé! architectuur
Projektbeteiligte: tandem ingenieurs (Tragwerksplanung); buro kiss; EA+
Bauherrschaft: Nicolas Coeckelberghs, Hanne Eckelmans, Kobe Stroobants, Alexia de Ville
Fertigstellung: 2021
Standort: Karperstraat/Rue de la Carpe 51, 1080 Molenbeek-Saint-Jean, Belgien
Bildnachweis: Tim Van de Velde (Fotos); hé! architectuur (Pläne)
Fachwissen zum Thema
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