Winter Circus in Gent

Historisches Bauwerk als Forum für Neues

Im historischen Zentrum von Gent erhebt sich ein markantes Zeugnis des industriellen Zeitalters: der Winter Circus. Ursprünglich als Zirkusbühne errichtet, später zu einer Autogarage umgebaut, liegt in dem monumentalen Gebäude heute eine Vision verborgen. Mit dem Winter Circus Technological and Cultural Hub nach Plänen von OYO Architects ist ein Ort entstanden, an dem Vergangenheit und Zukunft in einem atmosphärischen Gesamtkonzept verschmelzen.

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Zirkus, Autowerkstatt, Arena

Der „neue“ Winter Circus blickt auf eine bewegte Historie zurück: Das 1885 errichtete Gebäude wurde nach einem Brand im Jahr 1920 wieder aufgebaut. Ab den 1940er-Jahren diente es als Autowerkstatt, bis 1978 als Lager für Automobile. Nach der Jahrtausendwende wurden umfassende städtebauliche Perspektiven entwickelt, die auch eine Umnutzung des Gebäudes vorsahen. Im Rahmen einer Neubebauung des Quartiers De Krook war der Winter Circus Bestandteil eines urbanen Entwicklungskonzeptes.

Forum für Innovation

OYO Architects – mit Büros in Gent und Barcelona – verfolgen mit der Umgestaltung eine doppelte Zielsetzung: das denkmalgeschützte Bauwerk zu bewahren und es zugleich in ein modernes Zentrum für Innovation, Kunst und Unternehmertum zu überführen. Der Winter Circus soll ein offenes Forum sein für die Interaktion von Start‑ups, Kreativen, Forschung, Öffentlichkeit und Kulturakteuren. Eine besondere Bedeutung kommt der „Arena of ideas“ im Erdgeschoss zu: als Raum für spontane Begegnungen und künstlerische wie technologische Impulse.

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Historische Struktur flexibel bespielt

Mit einer Bruttogeschossfläche von rund 4.830 Quadratmetern bleibt die vorhandene Struktur erhalten. Durch die Nutzungsänderung erfährt sie eine Neuinterpretation. Die robuste historische „Gerüstarchitektur“ bildet die visuelle und räumliche Basis; die baulichen Eingriffe heben den Kontrast zwischen Alt und Neu hervor, zeigen das ursprüngliche Zirkusvolumen und ergänzen es um zeitgenössische Elemente. Die zentrale multifunktionale Arena ist umgeben von Büros, Ausstellungsflächen, Gastronomie und einem Auditorium.

Mehr als dreißig unabhängige Technologie-Start-ups nutzen die Räumlichkeiten rund um die Arena. Diese gestaltete das Planungsteam als helle und offene Arbeitsbereiche mit großzügigen Tischen. Durch Farben und Materialien – warmes Holz, historisches Ziegelmauerwerk, grüne, gelbe und rote Akzente – entsteht ein  inspirierendes Arbeitsumfeld, das die Zusammenarbeit fördern und Synergien bewirken soll. 

Aus dem großflächig verglasten Auditorium im Obergeschoss mit über hundert Sitzplätzen lässt sich die Arena überblicken. Der multifunktionale Veranstaltungsraum eignet sich für Konferenzen, Vorträge und kreative Events. Die Arena ist für Ausstellungen, als Markt, für Performances oder Fitness flexibel nutzbar. 

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Materialien und Ressourcen

Eine nachhaltige und kreislauforientierte Arbeitsweise war den Architekten wichtig. Gemäß dem Prinzip des „Urban Mining“ wurden Bauteile wiederverwendet, elektronische Altmaterialien und Second‑Hand‑Möbel eingesetzt. Alle Baustoffe wurden möglichst ressourcenschonend verarbeitet, teils unter Einsatz robotischer Fertigungstechniken.

Technische Anlagen wie geothermische Bohrungen sind Teil der anspruchsvollen Klima- und Heizstrategie: Erdwärme wird genutzt, um das Gebäude effizient zu temperieren. Dies auch mit dem Ziel, Gent als klimaneutrale Stadt bis 2050 mitzugestalten. 

Im Innenraum dominieren warme Oberflächen, raue Ziegel der alten Zirkusstruktur, roher Beton und recycelte Holzelemente. Die Kombination aus greller, Zirkus-inspirierter Farbgebung und sichtbarer Industrialisierung schafft ein spannungsreiches Ambiente, das einladend und energetisch wirkt.

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Urbane Vielfalt

Die Mischung aus Start‑up‑Campus, Arena, Auditorium, Expo-Bereich und Gastronomie macht den Winter Circus zu einem lebendigen Ort urbaner Vielfalt. Zwei unterschiedliche gastronomische Angebote bilden auch räumlich einen Gegensatz: Im Obergeschoss befindet sich ein Sushi-Restaurant, im Erdgeschoss ist die Bar Bougie in der ehemaligen Autowerkstatt untergebracht. Holz, Beton, Stahl und warmes Licht erzeugen eine Atmosphäre zwischen industrieller Authentizität und zeitgenössischer Lounge.

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Brandschutzaspekte

Der Brandschutz stellte eine große Herausforderung beim Umbau des Winter Circus dar. Das Gebäude wurde um 1885 errichtet, lange bevor in Belgien allgemeine Brandschutzvorschriften in Form eines Königlichen Dekretes existierten. Von Anbeginn der Planung war eine enge Abstimmung mit der örtlichen Feuerwehr nötig, um ein zeitgemäßes und rechtssicheres Brandschutzkonzept zu entwickeln. Neben technischem Sachverstand war Dialogbereitschaft im Umgang mit den Behörden gefragt, um historische Substanz und moderne Sicherheitsanforderungen in Einklang zu bringen.

Das Gebäude ist im Wesentlichen als ein einziger Brandabschnitt konzipiert. Ausnahmen bilden ein Teil des bestehenden Untergeschosses (Ebene -1) sowie ein neu hinzugefügter Gebäudebereich auf Ebene -2, die jeweils separate Brandabschnitte bilden. Eine durchgehende Sprinkleranlage auf allen Ebenen gewährleistet eine automatisierte Löschreaktion im Ernstfall: Das System ist ein integraler Bestandteil der Brandsicherheit in einem solchen Bestandsbau.

Die Realisierung erfolgte in mehreren Phasen mit unterschiedlichen Bauherrschaften und Architektenteams. In einer ersten Sanierungsphase zwischen 2017 und 2023 wurde als Teil der Baugenehmigung ein theoretisches Evakuierungsmodell entwickelt. Das diente als Grundlage, um in der zweiten Umbauphase – der Innenraumausführung durch OYO ab 2024 – eine geänderte Nutzung formell zu beantragen.

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Obwohl sich das Gebäudemaß nicht änderte, machte das verfeinerte Berechnungsmodell deutlich, dass zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen nötig waren. Eine solche Maßnahme war die Installation eines Rauchvorhangs auf der Galerieebene (Ebene +3), der im Brandfall die Ausbreitung von Rauchgasen verhindert und sichere Evakuierungswege garantiert. Damit reagierten die Planer flexibel auf die Ergebnisse der aktualisierten Simulationen.

Der Brandschutz darf jedoch nicht als abgeschlossen betrachtet werden. Die Vielfalt an Funktionen – Arbeitsbereiche, gastronomische Einrichtungen wie Bar und Restaurant sowie die zentrale Arena für öffentliche Events – erfordert eine dauerhafte und eng abgestimmte Zusammenarbeit mit der lokalen Feuerwehr. Die ständigen Wechsel der Nutzungsszenarien und programmatischen Anforderungen machen Brandsicherheit zu einem fortwährend anzupassenden Prozess.

Die Umnutzung des Winter Circus‘ verdeutlicht, wie eng Planung und Betrieb mit den verantwortlichen Behörden verbunden sind, um den besonderen Anforderungen eines historischen Veranstaltungsortes gerecht zu werden. Das Brandschutzkonzept ist Ergebnis eines Spagates zwischen Denkmalschutz und zeitgemäßer Sicherheit: Der Respekt vor der historischen Struktur geht Hand in Hand mit maßgeschneiderter Technologie und resilienter Planung. Die Kombination aus einem großen Brandabschnitt, der durchgängigen Sprinklerinfrastruktur, der gezielten Zonierung im Untergeschoss, dem Rauchvorhang und der regelmäßigen Abstimmung mit der Feuerwehr schaffen ein Sicherheitsnetz, das dem komplexen Nutzungsmix gerecht wird.

Bautafel

Architektur: OYO Architects, Gent/Barcelona (Phase 2 – Innenausbau)
Projektbeteiligte: Util Structuurstudies, Brüssel (Tragwerksplanung); Boydens Engineering / Sweco Belgium, Brügge (Gebäudetechnik); Brandweerzone Centrum Gent (Brandschutzberatung); Carlos Arroyo Architects (Beratung Nutzungskonzept & Kulturentwicklung) 
Bauherr/in: Stadt Gent in Kooperation mit TENT cvba und der Flämischen Gemeinschaft (Vlaamse Gemeenschap)
Standort: Lammerstraat 33, 9000 Gent, Belgien 
Fertigstellung: 2024
Bildnachweis: Farah Lieten, Gent; Karen Van der Biest, Gent

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