Theaterwerkstätten und -fundus in Eisenach

Transluzent umhüllter Skelettbau

Im historischen Zentrum Eisenachs, direkt neben dem Landestheater, ist nach umfangreicher Sanierung und Erweiterung ein Neubau für die Theaterwerkstätten und den Fundus entstanden – eine architektonisch wie funktional überzeugende Antwort auf den Großbrand von 2018. Damals zerstörte ein Brandstifter große Teile der Werkstätten, darunter den Kostümfundus, und beschädigte erheblich Dach und Innenräume. Mehrere Jahre waren die Theaterwerkstätten ausgelagert (unter anderem in Krauthausen und Ruhla) und der Betrieb auf verschiedene Orte verteilt. Mit dem Neubau nach Plänen des Leipziger Büros Voigt sind die Gewerke und Lager wieder unter einem Dach vereint, die logistischen Abläufe optimiert. 

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Halle aus Beton mit hölzernem Dachstuhl

Die Funktion als Lager ist ablesbar: Der rund 650 Quadratmeter große Anbau mit Satteldach schließt im rechten Winkel an den sanierten Bestand an. Er verkörpert eine zurückhaltend-industrielle Interpretation des Stadtraums. Lage und Dimensionierung orientieren sich maßgeblich an städtebaulichen Vorgaben und der Anlieferungslogistik: Lkw-Zufahrten und Containerentladungen sind problemlos möglich. Eine zentrale, sieben Meter hohe Halle aus Sichtbetonelementen bildet die Basis. Sie wird überspannt von einem überdimensionierten Dachstuhl in Holz, dessen mächtige Tragstruktur Räume für Bühnenbild, Requisiten und Kostüme schafft. Eine Galerieebene darüber dient als begehbares Regallager für Waren und Materialien. 

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Unbeheizter Skelettbau

Kennzeichnend ist ein Zusammenspiel von minimalem Materialeinsatz und klarer Struktur. Der Baukörper ist als Skelettbau aus Holz und Beton ausgeführt, er ist unbeheizt und nicht gedämmt. Dies ist in ökonomischer wie ökologischer Hinsicht effizient. Die Gebäudehülle aus transluzenten Polycarbonat-Stegplatten umschließt das Holz- und Betonskelett wie ein Vorhang, lässt Tageslicht in die Räume und macht die Tragstruktur äußerlich ablesbar. Die Außenhaut verweist mit raumhohen Rasterelementen auf traditionelle Fachwerkmuster der Stadt, ohne historisierend zu sein.

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Behutsame Anpassung, robuste Materialien

Der Umbau des Altbaus wurde mit einer ähnlich behutsamen Haltung durchgeführt: Die ursprüngliche Werkstatt- und Produktionsstruktur (bestehend aus Probebühne, Schreinerei, Schlosserei, Malsaal, Schneiderei und Büroflächen) blieb in ihrer Funktion erhalten. Nur dort, wo es unumgänglich war, griffen die Architekten am Rohbau ein: Der Schornstein wurde entfernt, Wege angepasst, ein neuer barrierefreier Eingang zur Probebühne geschaffen, Fenster saniert oder ausgetauscht. Bei allen Eingriffen galt das Prinzip der Suffizienz, also ein robuster Materialeinsatz, ökonomische Adaptionen ohne vollständige Erneuerung und die behutsame Integration neuer Technik. Elektro- und Heizungsinstallationen wurden in offener Leitungsführung angebracht (auf Putz und in Metallkanälen) um spätere Anpassungen zu ermöglichen.

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Zurückhaltende Farbgebung, wiederkehrendes Rot

Eine dezente, aber verbindende Farbstrategie und Materialwahl sorgt für den optischen Zusammenhalt von Alt- und Neubau in ihrem städtischen Umfeld. Die verputzte Fassade erhielt eine Holzverschalung mit Dämmung, bestehende Kunststofffenster wurden integriert. Das zurückhaltende Farbkonzept setzt auf einen warmen Rotton als verbindendes Element: Durch Ziegel, Wartburgsandstein und auch im Theaterlogo ist er bereits im Stadtbild präsent – in Fenstereinfassungen, Geländern und Details findet er sich wieder.

Alte Oberflächen bewahrt

Ursprüngliche Oberflächen im Inneren bleiben spürbar; Installationen, Ausgleichsschichten oder hermetische Modernisierungen wurden vermieden. Um den Charakter zu wahren, bleiben Materialien sichtbar, geflickte Bodenbeläge und teils rohe Putzflächen erhalten. Neue Elemente wurden präzise gesetzt, um das Alte hervorzuheben – etwa freistehende Innentüren und große Glaselemente, die viel Tageslicht ins Gebäude lassen und kommunikative Durchblicke schaffen.

Infrastruktur und Logistik spielten eine Schlüsselrolle für das Konzept. Der zuvor mit Garagen bebaute Hof wurde geräumt und entsiegelt. Künftig dient der zentrale Werkstatthof zur Anlieferung, Lagerung und als Veranstaltungsort: Hier ist nicht nur Platz für Container, sondern auch für Aufführungen und Versammlungen. Dass Lager und Probebühne unmittelbar angebunden sind, ist logistisch sinnvoll und räumlich effizient. 

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Brandschutz: Einordnung

Zentraler Ausgangspunkt für eine rechtskonforme Brandschutzplanung sind bei jedem Projekt die Festsetzungen innerhalb der Musterbauordnung (MBO) und deren Überleitung in die jeweiligen Landesbauordnungen (LBO) der Bundesländer, in diesem Fall die Thüringer Bauordnung (ThürBO). Das Gebäude ist einer Gebäudeklasse (GK) zuzuordnen, bedingt durch seine Höhe, die Anzahl der unterschiedlichen Nutzungseinheiten, die Flächengrößen und Art der Nutzung. Da es sich bei den umgebauten Werkstätten (als Bestandsgebäude) und dem Neubau für den Fundus um ein Gesamtgebäude handelt, wird dies im Brandschutzkonzept berücksichtigt und nach Teileinheiten differenziert.

Als Gesamtgebäude ist das Projekt – bedingt durch die Höhe des obersten Fußbodens mit 11,56 Metern und einer Nutzungseinheit größer 400 Quadratmeter – gemäß § 2 ThürBO in die Gebäudeklasse 5 einzustufen. Hieraus ergeben sich spezifische Brandschutzanforderungen an Bauteile wie beispielsweise tragende Wände und Decken, Dächer, Flure, Treppenhäuser, Fenster und Türen.

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Holzfassade für den Bestand

Das massive Bestandsgebäude der Werkstätten erhielt eine neue, hinterlüftete Holzfassade mit nicht brennbarer Mineralwolledämmung. Die horizontale Stülpschalung aus Fichtenprofilen, welche das Gebäude umhüllt, ist der Muster-Holzbau-Richtlinie 2020 (MHolzBauRL) entsprechend ausgeführt. Geschossweise installierte Brandriegel sowie zusätzliche Abschottungen zur Brandwand des Nachbargebäudes sind wesentliche Elemente, um eine wirksame Begrenzung der Feuerausbreitung im Brandfall zu gewährleisten. Ziel war es, den handwerklichen Charakter zu wahren, während gleichzeitig eine brandschutzgerechte Hülle entstand – eine Balance zwischen Tradition und technischer Sicherheit.

Lichtdurchlässige Hülle für den Anbau

Der Fundus-Anbau ergänzt das Ensemble mit einer Hybridkonstruktion aus feuerbeständigem Stahlbeton-Skelett und einem Dachfachwerk aus Holz, das in den Knotenbereichen mit Holz-Stopfen versehen und für eine Feuerwiderstandsklasse F30 ausgelegt ist. Die transluzente Fassade aus schwer entflammbarem Polycarbonat ermöglicht großzügigen Tageslichteintrag, wodurch sich das Innenleben des hölzernen Dachstuhls samt Regalsystem hochgradig im Außenraum inszeniert. Diese Konstruktion steht symbolisch für die funktionale Offenheit und gestalterische Klarheit, die angestrebt wurden.

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Abweichungen und Kompensationsmaßnahmen

In einigen Bereichen kam es zu Abweichungen von den Vorgaben der ThürBO. So wurden geschossübergreifende Deckenöffnungen für Materialtransport im Werkstatt- und Fundusbereich ohne vorgeschriebene Feuerschutzabschlüsse gemäß § 31 (4) ThürBO realisiert. Die Polycarbonat-Fassade erfüllt nur die „schwer entflammbare“ Kategorie trotz der geforderten Nichtbrennbarkeit (§ 28 (2) ThürBO). Auf eine innere Brandwand, die bei Gebäudelängen über 40 Meter erforderlich wäre (§ 30 (2) ThürBO), konnte bei einer Länge von 41 Metern – einer marginalen Überschreitung – verzichtet werden. Gleiches gilt für die Klassifizierung der Geschossdecken im Werkstattgebäude, die lediglich F30 erreichen, obwohl F60 für Neubauten GK 5 vorgesehen ist (§ 31 (1) ThürBO). Dass die Holzfassade über die Brandwand zum Nachbargebäude gestellt wurde, verstößt gegen § 30 ThürBO.

Diese Abweichungen wurden jedoch im Gesamtkonzept durch wirkungsvolle Kompensationsmaßnahmen ausgeglichen. So gewährleistet ein Natürliches Rauch- und Wärmeabzugs-Gerät (NRWG) im Brandfall wirksame Entrauchung. Die Brandmeldeanlage Kategorie 1 ist direkt an die Feuerwehr angebunden, und in den Treppenhäusern gibt es trockene Steigleitungen – alles entscheidende Faktoren für eine schnelle und effektive Intervention.

Die Beurteilung des Brandschutzkonzepts durch einen Brandschutz-Prüfingenieur ergab folgende verbindliche Auflagen: Die Brandwand zum Nachbargebäude musste mindestens 30 Zentimeter über die Dachhaut ragen, um das Übergreifen von Feuer zu verhindern. Die Holzfassade darf nur unter Einhaltung der MHolzBauRL ausgeführt werden. Um Fensteröffnungen müssen vertikale Brandriegel verlaufen, und in jedem Raum der Werkstattanlage sind Rettungsfenster als zweiter Rettungsweg erforderlich.

Aus einem sensiblen Umgang mit dem Bestand und durch Erweiterung entstand ein Gebäudeensemble, welches dem kulturellen Erbe ebenso wie zeitgemäßen Sicherheitsanforderungen gerecht wird. Die gewählten Materialien Beton, Holz, Mineralwolle und Polycarbonat verbinden passive Brandschutzqualitäten mit architektonischer Gestaltungskraft. Eine offene Technikinstallation erleichtert die Wartung. Der industrielle Charakter des Fundus ergänzt die handwerklich geprägten Werkstätten.

Bautafel

Architektur: Büro Voigt, Leipzig
Projektbeteiligte: Ingenieurbüro Müller und Partner, Eisenach (Bauleitung); H+W Ingenieure, Leipzig (Tragwerksplanung); Rehwaldt Landschaftsarchitekten, Dresden (Landschaftsplanung); Ingenieurbüro für Brandschutz Böhme, Leipzig (Brandschutz); AKIB Sachverständigen- und Ingenieurgesellschaft, Leipzig (Bauphysik); TZP Leipzig Planungsgesellschaft, Leipzig (HLS-Planung); HTA Planungsgesellschaft für
Haustechnische Anlagen, Laußig (ELT-Planung)
Bauherr/in: Kulturstiftung Meiningen-Eisenach, Eisenach
Standort: Theaterplatz 4-7, 99817 Eisenach
Fertigstellung: 2024
Bildnachweis: Philip Heckhausen, Zürich

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