Gemeinschaftszentrum in Ulaanbaatar

Anleitung zum Sesshaftwerden

Die sogenannten Ger-Distrikte sind durch den Zuzug von Nomaden unkontrolliert wachsende, suburbane Wohnviertel in der Mongolei. Gebaut aus selbst erstellten Backsteinhäusern und Jurten – den lokal als „Ger“ bezeichneten traditionellen Rundzelten aus Filz – bieten diese Bezirke in der Regel kein fließendes Wasser und auch keine Abwasserversorgung. Um in den extremen Wintermonaten mit teilweise minus vierzig Grad Celsius zurechtzukommen, nutzen die Einwohnenden Kohle als Wärmequelle, was jedoch zu einer maßgeblichen Luftverschmutzung führt. Das Rural Urban Framework – eine von Joshua Bolchover und John Lin gegründete Non-Profit-Organisation für Forschung und Entwurf an der Universität von Hong Kong – hat sich der Herausforderung angenommen, den ursprünglich nomadisch lebenden Bewohnenden den Übergang in die Sesshaftigkeit zu erleichtern. Mit dem Ger Innovation Hub entwarfen sie ein Gemeinschaftszentrum für einen Ger-Distrikt der Hauptstadt Ulaanbaatar, in dem das Zusammenleben und neue Formen der Kollaboration erprobt und diskutiert werden sollen.

Gallerie

Gemeinschaft lernen
Über siebzig Prozent der Gesamtbevölkerung von Ulaanbaatar wohnt in solchen Siedlungen. Jedes Jahr steigt die Zahl um 30.000 neue Bewohnende an. Die meisten dieser Migrantinnen und Migranten ziehen vom Land in die Stadt in der Hoffnung auf Arbeit, bessere Bildung und Integration im Gesundheitswesen. Nach ihrer Ankunft errichten sie ihren Ger, graben eine Latrine und stecken ihre Parzelle ab. Der Ger wird fortan nicht mehr nomadisch verwendet, sondern fix installiert. Hohe Holzzäune teilen das offene Land in private Parzellen.

Das Sesshaftwerden der Nomaden bringt neue Herausforderungen mit sich: Plötzlich leben die Ger-Bewohnenden sehr nahe zu ihren Nachbarn, sie müssen für Wasser, Treib- und Heizstoffe bezahlen, nutzen Elektrizität und Transportmittel und generieren mehr Abfall. Die individuellen Verhaltensweisen haben in der Stadt direkten Einfluss auf die anderen Einwohnenden, während beim nomadischen Lebensstil die Verantwortung für das Kollektiv nicht von zentraler Bedeutung ist. So gibt es etwa in der nomadischen Kultur kein Wort für Gemeinschaft.

Raum im Raum
Der Entwurf für das Gemeinschaftszentrum ist inspiriert vom Ger als ein strukturelles System aus den Materialien Holz, Filz und Leinen. Bolchover und Lin haben diese Schichten auseinandergenommen, um einen Raum nach dem Haus-im-Haus-Prinzip zu bilden. Der innere Raum hat die Form eines Kreuzes und ist gebaut aus Schlammziegeln. Umhüllt wird er von einer äußeren Schicht aus Polycarbonat, welche sich großzügig öffnen lässt. Durch die Verwendung des transluzenten Materials in Verbindung mit einer Tragstruktur aus Holzfachwerk lässt sich der Einfall der solaren Wärme erhöhen und die thermische Masse im Inneren erwärmt sich.

Der luftige Zwischenraum dient dabei als Pufferzone, welche die abgestrahlte Wärme im Innenraum zurückhält. Dadurch lässt sich der Innenraum mit einer Temperaturdifferenz von nur +15 Grad Celsius anstatt +45 Grad Celsius zur Außentemperatur heizen und ermöglicht so, den Energieverbrauch zu senken. Zusätzlich kann diese Zwischenzone auch als Gewächshaus für den Gemeinschaftsgarten benutzt werden. Der zentrale und wärmste Raum dient für Zusammenkünfte und Aktivität. Die kreisförmige und abgestufte Absenkung in der Mitte des Raumes kann als Sitzgelegenheit bei Treffen genutzt werden.

Nachhaltige Zusammenarbeit mit der Bevölkerung
Der Ger Innovation Hub soll dabei helfen, der neuen Gemeinschaft Identität zu verschaffen. Für das Projekt haben die Architekturschaffenden direkt mit den Einwohnenden zusammengearbeitet. Das Rural Urban Framework hat sich durch Befragungen und Feldforschung mit den Lebensbedingungen im Distrikt auseinandergesetzt. Die Nutzerinnen und Nutzer haben beim Errichten des Gemeinschaftszentrums mitgeholfen. Zusätzlich wurden Events und Workshops zum Thema Landschaft durchgeführt. Das Projekt fußt auf der Zusammenarbeit von den NGOs Ger Hub und Ecotown mit der lokalen Regierung sowie den Einwohnenden, akademischen Institutionen und Unternehmen.

Die NGO Ger Hub wird das Gebäude in Zukunft bewirtschaften, Workshops zur Bildung, Nachhaltigkeit und Berufsbildung organisieren. Zusätzlich finden Spielnachmittage für Kinder statt und sogenannte After-School-Clubs. Der Hub soll die Bevölkerung für Diskussionen und Events zusammenbringen und schaffte nicht zuletzt einen alternativen Aufenthaltsort für die Bewohnenden, die vor allem im Winter stark auf ihren Ger beschränkt sind. Die Arbeit des Rural Urban Frameworks im Ger-Distrikt von Ulaanbaatar geht stetig weiter und die Nutzung des Ger Innovation Hubs wird ausgewertet. Mit diesem Projekt möchten die Architekturschaffenden aufzeigen, dass es nicht nur um das finale Objekt geht, sondern darum, dass Architektur auch helfen kann, Gemeinschaft zu kreieren und zu fördern. -sh

Bautafel

Architektur: RUF Rural Urban Framework, Hongkong
Projektbeteiligte: Ger Hub, Ulaanbaatar (Projektpartner); Ecotown NGO (Projektpartner); Shinest Co., Ulaanbaatar (Holzlieferant); The University of Hong Kong; HKU School of Professional and Continuing Education, Hongkong (Unterstützende Lehrinstitute)
Bauherrschaft / Finanzierung: Hong Kong Jockey Club Charities Trust (Teil des Jockey Clubs HKU Rural-Urban Design Project); YPO ASEAN United, Singapur
Fertigstellung: 2020
Standort: Songino Khairkhan 43, Ulaanbaatar, Mongolei
Bildnachweis: RUF, Hongkong

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