Das Wort Shtetl bezeichnet im Jiddischen ein Städtchen und steht
für die typischen Siedlungen der jüdischen Gemeinden Osteuropas.
Das Jüdische Museum The Lost Shtetl steht bezeichnender
Weise für den Verlust einer dieser Siedlungen und gedenkt unter
anderem der 664 Jüdinnen und Juden aus Šeduva, die am 25. und 26.
August 1941 im nahe gelegenen Wald von Liaudiškiai von deutschen
SS-Einheiten und litauischen Kollaborateuren ermordet wurden. Mit
deren Leben wurde auch die Geschichte des Ortes und seine Kultur
von einem Moment auf den anderen ausgelöscht.
Galerie
In Litauen schuf das finnische Büro Lahdelma & Mahlamäki architects ein Museum und einen Gedenkort für 664 ermordete jüdische Menschen sowie deren verlorene Dorfkultur.
Einer der Anlässe für die Verortung und den Museumneubau war die 2014 erfolgte Restaurierung des angrenzenden jüdischen Friedhofs, der 1.300 Grabsteine und gerettete Fragmente umfasst.
Der nahtlose Übergang und einheitliche Gestaltung von Fassaden- und Dachflächen unterstreichen die skulpturale, silhouettenartige Nachzeichnung eines Dorfes.
Die monolithische Gebäudehülle erzeugt gemeinsam mit den unterschiedlich ausgerichteten Dachfirstlinien sowie den verschiedenen Dachneigungen einen skulpturalen Gesamteindruck.
Die Architektur des 2025 eröffneten Museums betone nicht die
Grausamkeiten des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs, erklären
die entwurfsverantwortlichen Lahdelma & Mahlamäki architects aus
Helsinki in Finnland. Vielmehr solle die Architektur Ruhe und
Schönheit vermitteln. Es fehle das Pathos und die Rauheit der
Materialien, die viele Gedenkstätten zur Erinnerung an die
Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden prägten.
Stattdessen schuf das Team um Ilmari Lahdelma und Rainer Mahlamäki
eine stilisierte Dorflandschaft, die sich durch Minimalismus und
Detailreichtum gleichermaßen ausdrückt. Es scheint, als würde der
Umriss von Šeduva wie in einem Traum nachgezeichnet und auf reale
und doch abstrakte Weise das verkörpern, was an diesem Ort für
immer verschwand. Physisch äußert sich das durch ein vielseitig
ausformuliertes, aber einheitlich gekleidetes Ensemble, das sich
aus verschiedenen „Häusern“ mit steilen Walmdächern
zusammensetzt.
Ausstellungsgalerien als einzelne Häuser
Die Räume hängen auf der untersten Ebene zusammen und bilden den
Rahmen für eine von Ralph Appelbaum Associated gestaltete
Ausstellung, die die Geschichte des litauischen Shtetls Šeduva
wiederaufleben lässt. Die Ausstellungsidee sei schon vor dem
Entwurf für den Hochbau entstanden, sodass sich letzterer gezielt
auf den narrativen Ansatz bezieht. So reihen sich die einzelnen
Galerien aneinander, die nicht nur die Geschichte der Shtetl
allgemein, sondern auch die der weitergefassten osteuropäischen
Kultur wiedergeben. Aus dem verbindenden Sockelgeschoss erwachsen
analog die einzelnen Häuser links und rechts einer zentralen
Wegführung. Dabei sind die überhöhten Dachvolumen auch von innen
sichtbar, wobei keine Fläche und Neigung der anderen gleicht. Vom
scheunenartigen Riegel über die spitz zulaufende Hütte, vom sakral
anmutenden Turm bis hin zum klassischen Wohnhaus werden
unterschiedliche Formen und Kubaturen nebeneinandergestellt und
ineinandergefügt.
Galerie
In Litauen schuf das finnische Büro Lahdelma & Mahlamäki architects ein Museum und einen Gedenkort für 664 ermordete jüdische Menschen sowie deren verlorene Dorfkultur.
Einer der Anlässe für die Verortung und den Museumneubau war die 2014 erfolgte Restaurierung des angrenzenden jüdischen Friedhofs, der 1.300 Grabsteine und gerettete Fragmente umfasst.
Der nahtlose Übergang und einheitliche Gestaltung von Fassaden- und Dachflächen unterstreichen die skulpturale, silhouettenartige Nachzeichnung eines Dorfes.
Die monolithische Gebäudehülle erzeugt gemeinsam mit den unterschiedlich ausgerichteten Dachfirstlinien sowie den verschiedenen Dachneigungen einen skulpturalen Gesamteindruck.
Die Anmutung allseits verteilter Einzelhäuser entspricht nicht
nur dem nachgezeichneten Dorfcharakter, sondern soll auch dem
praktischen Konzept folgen, jederzeit an die Struktur anbauen zu
können, ohne den Gesamteindruck zu verändern. Dem leicht
abschüssigen Gelände folgend platzierten die Architekten die
Ausstellungsflächen unterhalb der Eingangsebene.
Inhaltliche Komponenten
Blickbezüge nach außen und gezielter Lichteinfall gehören neben
dem puristischen Materialmix zu den weiteren Planungsprämissen, die
der Ruhe und Schönheit dienen sollen. Die Planung der Außenräume
übernahm das international agierende Büro Enea Landscape
Architecture. Der erhaltene Altbaumbestand und neu gepflanzte Bäume
gehen dabei in eine blühende Landschaft und in den unmittelbar
angrenzenden, historischen Friedhof über. Auch diese Verortung soll
bewusst zu einer ruhigen Kulisse für das Museum beitragen. Neben
der geräumigen Eingangshalle, einem kleinen Café, einer Bibliothek
und den Ausstellungsräumen befinden sich im Komplex auch eine
nachgebaute Synagoge und ein Multifunktionssaal für Konferenzen und
Veranstaltungen. Die im unteren Geschoss verteilten
Ausstellungsbereiche umfassen auch einen schmalen, hohen und
schluchtartigen dunklen Raum, der sich als „Canyon of Holocaust“
auf das entsprechende Geschichtskapitel bezieht. Gleichzeitig
mündet der Ausstellungsrundgang in einem ebenfalls schmalen, hohen,
aber weißen Raum, der als „Canyon of Hope“ Ausblicke in die
Landschaftsumgebung erlaubt und als Zeichen einer hoffnungsvolleren
Zukunft gelesen werden will.
Präzise Materialfügung
Fassaden und Dächer bilden eine einheitlich bekleidete Hülle mit
Schindeln aus Aluminium in Marinequalität. Durch spezielle
Metalllegierungen wird eine extrem hohe Korrosionsbeständigkeit
erreicht, sodass der Werkstoff insbesondere für Seeschiffe,
U-Boote, Ölplattformen und in weiteren, den maritimen Einflüssen
ausgesetzten Projekten eingesetzt wird.
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In Litauen schuf das finnische Büro Lahdelma & Mahlamäki architects ein Museum und einen Gedenkort für 664 ermordete jüdische Menschen sowie deren verlorene Dorfkultur.
Einer der Anlässe für die Verortung und den Museumneubau war die 2014 erfolgte Restaurierung des angrenzenden jüdischen Friedhofs, der 1.300 Grabsteine und gerettete Fragmente umfasst.
Der nahtlose Übergang und einheitliche Gestaltung von Fassaden- und Dachflächen unterstreichen die skulpturale, silhouettenartige Nachzeichnung eines Dorfes.
Die monolithische Gebäudehülle erzeugt gemeinsam mit den unterschiedlich ausgerichteten Dachfirstlinien sowie den verschiedenen Dachneigungen einen skulpturalen Gesamteindruck.
Das helle Schuppenkleid aus Aluminium sorgt für einen changierenden
Farbeindruck, der sich je nach Lichtverhältnissen und Witterung
oder Betrachtungswinkel verändert. Die tiefen Laibungen an den
rückspringenden Eingängen sind mit Lamellen aus sibirischer Lärche
bekleidet. Im Eingangshof bildet Holz auch den Rahmen für 294
mundgeblasene, bunte Glassteine, in die die Namen aller Shtetl, die
vor dem Zweiten Weltkrieg in Litauen existierten, eingraviert sind.
Die Tragstruktur ist komplett in Stahlbeton ausgeführt. Heller
Quarzit ergänzt innen wie außen die prädominanten Materialien, wozu
im Inneren auch Eichenholz für Möbeleinbauten und Wandoberflächen
oder aber partiell als Fußboden nebst schwarzem Granit gehören.
Dachaufbau
Um die äußere Anmutung so pur wie möglich zu halten, sind
jegliche Dachflächen frei von haustechnischen Anlagen und Elementen
wie Sicherheitsleitern, Schneefangvorrichtungen und
Blitzableiter-Kabeln. Dies hatte einige Sonderlösungen zur Folge.
So ist die Lüftungsanlage beispielsweise in einer eigenen Galerie
verortet, von wo aus die Lüftungskanäle durch das Untergeschoss zu
den oberen Ebenen verlegt sind. Die Blitzableiter fügen sich
entlang der Ecken der Gebäude als Metallstreifen optisch nahtlos in
die Fassaden ein.
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In Litauen schuf das finnische Büro Lahdelma & Mahlamäki architects ein Museum und einen Gedenkort für 664 ermordete jüdische Menschen sowie deren verlorene Dorfkultur.
Einer der Anlässe für die Verortung und den Museumneubau war die 2014 erfolgte Restaurierung des angrenzenden jüdischen Friedhofs, der 1.300 Grabsteine und gerettete Fragmente umfasst.
Der nahtlose Übergang und einheitliche Gestaltung von Fassaden- und Dachflächen unterstreichen die skulpturale, silhouettenartige Nachzeichnung eines Dorfes.
Die monolithische Gebäudehülle erzeugt gemeinsam mit den unterschiedlich ausgerichteten Dachfirstlinien sowie den verschiedenen Dachneigungen einen skulpturalen Gesamteindruck.
Die Dachflächen selbst sind geschlossen ausgeführt, ihre Wartung
erfolgt mithilfe von Kränen, die außerhalb des Gebäudes zu diesem
Zweck installiert werden. Den Dachaufbau bilden von innen nach
außen die Ortbetonstruktur, eine PIR-Dämmung, eine Dichtungsbahn,
Hutprofile für eine schlanke Aufbauhöhe und Unterkonstruktion sowie
die äußere Schicht aus Aluminiumschindeln. So zahlreich wie die
Dachneigungen und Formen selbst ist auch die Varianz in der
Gestaltung mit Oberlichtern. Von in den Dachflächen integrierten
Lichtbändern über eine langgestreckte Gaube, von unterschiedlichen
Firstlösungen bis hin zum monumentalen Spalt, einer fast zwölf
Meter hohen Verglasung am Walm des höchsten Gebäudeteils nach
Norden.
Bautafel
Architekten: Lahdelma & Mahlamäki architects, Helsinki Projektbeteiligte: Rainer Mahlamäki (Leitung Entwurf), Ilkka Syrjäkari (Projektleitung), Studija 2A (lokal ausführende Architekten), Enea Landscape Architecture (Landschaftsplanung und Ausführung), Ralph Appelbaum Associates (Ausstellungsdesign) Bauherr: The Lost Shtetl Jewish Museum Standort: Žvejų g. 14, Šeduva, 82228 Radviliškio r. sav., Litauen Fertigstellung: 2025 Bildnachweis: Kuvatoimisto Kuvio Oy, Aiste Rakauskaite, Andrew Lee (Fotos); Lahdelma & Mahlamäki architects (Pläne und Skizzen)
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