Museum in Litauen
Eine Dorflandschaft als Gedenkort
Das Wort Shtetl bezeichnet im Jiddischen ein Städtchen und steht für die typischen Siedlungen der jüdischen Gemeinden Osteuropas. Das Jüdische Museum The Lost Shtetl steht bezeichnender Weise für den Verlust einer dieser Siedlungen und gedenkt unter anderem der 664 Jüdinnen und Juden aus Šeduva, die am 25. und 26. August 1941 im nahe gelegenen Wald von Liaudiškiai von deutschen SS-Einheiten und litauischen Kollaborateuren ermordet wurden. Mit deren Leben wurde auch die Geschichte des Ortes und seine Kultur von einem Moment auf den anderen ausgelöscht.
Stilisierte Dorflandschaft
Die Architektur des 2025 eröffneten Museums betone nicht die
Grausamkeiten des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs, erklären
die entwurfsverantwortlichen Lahdelma & Mahlamäki architects aus
Helsinki in Finnland. Vielmehr solle die Architektur Ruhe und
Schönheit vermitteln. Es fehle das Pathos und die Rauheit der
Materialien, die viele Gedenkstätten zur Erinnerung an die
Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden prägten.
Stattdessen schuf das Team um Ilmari Lahdelma und Rainer Mahlamäki
eine stilisierte Dorflandschaft, die sich durch Minimalismus und
Detailreichtum gleichermaßen ausdrückt. Es scheint, als würde der
Umriss von Šeduva wie in einem Traum nachgezeichnet und auf reale
und doch abstrakte Weise das verkörpern, was an diesem Ort für
immer verschwand. Physisch äußert sich das durch ein vielseitig
ausformuliertes, aber einheitlich gekleidetes Ensemble, das sich
aus verschiedenen „Häusern“ mit steilen Walmdächern
zusammensetzt.
Ausstellungsgalerien als einzelne Häuser
Die Räume hängen auf der untersten Ebene zusammen und bilden den
Rahmen für eine von Ralph Appelbaum Associated gestaltete
Ausstellung, die die Geschichte des litauischen Shtetls Šeduva
wiederaufleben lässt. Die Ausstellungsidee sei schon vor dem
Entwurf für den Hochbau entstanden, sodass sich letzterer gezielt
auf den narrativen Ansatz bezieht. So reihen sich die einzelnen
Galerien aneinander, die nicht nur die Geschichte der Shtetl
allgemein, sondern auch die der weitergefassten osteuropäischen
Kultur wiedergeben. Aus dem verbindenden Sockelgeschoss erwachsen
analog die einzelnen Häuser links und rechts einer zentralen
Wegführung. Dabei sind die überhöhten Dachvolumen auch von innen
sichtbar, wobei keine Fläche und Neigung der anderen gleicht. Vom
scheunenartigen Riegel über die spitz zulaufende Hütte, vom sakral
anmutenden Turm bis hin zum klassischen Wohnhaus werden
unterschiedliche Formen und Kubaturen nebeneinandergestellt und
ineinandergefügt.
Die Anmutung allseits verteilter Einzelhäuser entspricht nicht nur dem nachgezeichneten Dorfcharakter, sondern soll auch dem praktischen Konzept folgen, jederzeit an die Struktur anbauen zu können, ohne den Gesamteindruck zu verändern. Dem leicht abschüssigen Gelände folgend platzierten die Architekten die Ausstellungsflächen unterhalb der Eingangsebene.
Inhaltliche Komponenten
Blickbezüge nach außen und gezielter Lichteinfall gehören neben dem puristischen Materialmix zu den weiteren Planungsprämissen, die der Ruhe und Schönheit dienen sollen. Die Planung der Außenräume übernahm das international agierende Büro Enea Landscape Architecture. Der erhaltene Altbaumbestand und neu gepflanzte Bäume gehen dabei in eine blühende Landschaft und in den unmittelbar angrenzenden, historischen Friedhof über. Auch diese Verortung soll bewusst zu einer ruhigen Kulisse für das Museum beitragen. Neben der geräumigen Eingangshalle, einem kleinen Café, einer Bibliothek und den Ausstellungsräumen befinden sich im Komplex auch eine nachgebaute Synagoge und ein Multifunktionssaal für Konferenzen und Veranstaltungen. Die im unteren Geschoss verteilten Ausstellungsbereiche umfassen auch einen schmalen, hohen und schluchtartigen dunklen Raum, der sich als „Canyon of Holocaust“ auf das entsprechende Geschichtskapitel bezieht. Gleichzeitig mündet der Ausstellungsrundgang in einem ebenfalls schmalen, hohen, aber weißen Raum, der als „Canyon of Hope“ Ausblicke in die Landschaftsumgebung erlaubt und als Zeichen einer hoffnungsvolleren Zukunft gelesen werden will.
Präzise Materialfügung
Fassaden und Dächer bilden eine einheitlich bekleidete Hülle mit
Schindeln aus Aluminium in Marinequalität. Durch spezielle
Metalllegierungen wird eine extrem hohe Korrosionsbeständigkeit
erreicht, sodass der Werkstoff insbesondere für Seeschiffe,
U-Boote, Ölplattformen und in weiteren, den maritimen Einflüssen
ausgesetzten Projekten eingesetzt wird.
Das helle Schuppenkleid aus Aluminium sorgt für einen changierenden Farbeindruck, der sich je nach Lichtverhältnissen und Witterung oder Betrachtungswinkel verändert. Die tiefen Laibungen an den rückspringenden Eingängen sind mit Lamellen aus sibirischer Lärche bekleidet. Im Eingangshof bildet Holz auch den Rahmen für 294 mundgeblasene, bunte Glassteine, in die die Namen aller Shtetl, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Litauen existierten, eingraviert sind. Die Tragstruktur ist komplett in Stahlbeton ausgeführt. Heller Quarzit ergänzt innen wie außen die prädominanten Materialien, wozu im Inneren auch Eichenholz für Möbeleinbauten und Wandoberflächen oder aber partiell als Fußboden nebst schwarzem Granit gehören.
Dachaufbau
Um die äußere Anmutung so pur wie möglich zu halten, sind
jegliche Dachflächen frei von haustechnischen Anlagen und Elementen
wie Sicherheitsleitern, Schneefangvorrichtungen und
Blitzableiter-Kabeln. Dies hatte einige Sonderlösungen zur Folge.
So ist die Lüftungsanlage beispielsweise in einer eigenen Galerie
verortet, von wo aus die Lüftungskanäle durch das Untergeschoss zu
den oberen Ebenen verlegt sind. Die Blitzableiter fügen sich
entlang der Ecken der Gebäude als Metallstreifen optisch nahtlos in
die Fassaden ein.
Die Dachflächen selbst sind geschlossen ausgeführt, ihre Wartung erfolgt mithilfe von Kränen, die außerhalb des Gebäudes zu diesem Zweck installiert werden. Den Dachaufbau bilden von innen nach außen die Ortbetonstruktur, eine PIR-Dämmung, eine Dichtungsbahn, Hutprofile für eine schlanke Aufbauhöhe und Unterkonstruktion sowie die äußere Schicht aus Aluminiumschindeln. So zahlreich wie die Dachneigungen und Formen selbst ist auch die Varianz in der Gestaltung mit Oberlichtern. Von in den Dachflächen integrierten Lichtbändern über eine langgestreckte Gaube, von unterschiedlichen Firstlösungen bis hin zum monumentalen Spalt, einer fast zwölf Meter hohen Verglasung am Walm des höchsten Gebäudeteils nach Norden.
Bautafel
Architekten: Lahdelma & Mahlamäki architects, Helsinki
Projektbeteiligte: Rainer Mahlamäki (Leitung Entwurf), Ilkka Syrjäkari (Projektleitung), Studija 2A (lokal ausführende Architekten), Enea Landscape Architecture (Landschaftsplanung und Ausführung), Ralph Appelbaum Associates (Ausstellungsdesign)
Bauherr: The Lost Shtetl Jewish Museum
Standort: Žvejų g. 14, Šeduva, 82228 Radviliškio r. sav., Litauen
Fertigstellung: 2025
Bildnachweis: Kuvatoimisto Kuvio Oy, Aiste Rakauskaite, Andrew Lee (Fotos); Lahdelma & Mahlamäki architects (Pläne und Skizzen)
Fachwissen zum Thema
Bauwerke zum Thema
BauNetz Wissen Geneigtes Dach sponsored by:
Otto Lehmann GmbH, Neutraubling
www.ottolehmann.com