Bretislav-Kafka-Bibliothek in Cervený Kostelec
Vom Leseraum zum multiplen Kulturort
Namensgeber für die Kafka-Bibliothek in der tschechischen Kleinstadt Červený Kostelec war nicht etwa Tschechiens weltweit bekanntester Schriftsteller, sondern der Bildhauer Břetislav Kafka, der in der Kleinstadt geboren wurde und es wegen seiner kirchlichen Statuen und vor allem wegen seiner Künste in der Parapsychologie zu Ruhm brachte. Noch zu seinen Lebzeiten, 1959, zog die Stadtbibliothek in ein ehemaliges, aus der Gründerzeit stammendes Hotelgebäude. Seinen Namen trägt sie jedoch erst seit 2016. Die Bücherei ist Teil einer für diesen kleinen Ort ungewöhnlich ausgeprägten sozialen Infrastruktur mit Kino, Theater, Kulturzentrum, Schulen und Kitas, Pflegeheim und Arztversorgung. Trotzdem ist, wie für ländliche Regionen typisch, die Bevölkerungszahl rückläufig. Die Sanierung der Bibliothek war insofern nicht nur baulich notwendig, sondern auch ein wichtiger Baustein, um das städtische Angebot attraktiver und zukunftsgerichteter zu gestalten.
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Die Stadt beauftragte das Prager Architekturbüro Papundekl Architekti mit der Umgestaltung der Bibliotheksräume sowie der energetischen Sanierung der Fassade. In der Bestandsuntersuchung wurde aber klar: Trotz mehrfacher Eingriffe und Umgestaltungen im vergangenen Jahrhundert benötigte das Gebäude eine umfassende Kernsanierung, um sich in der Statik und den Installationen an eine zeitgemäße Nutzung anzupassen.
Daher wurde beispielsweise die alte Holzbalkendecke zum ersten Obergeschoss durch eine Betonrippendecke ersetzt, die die Lasten der Buchmagazine tragen kann. Die Geschossdecke darüber wurde bereits vor zehn Jahren durch eine Holz-Beton-Verbunddecke ersetzt und war daher statisch belastbar. Die originären Mauerwerkswände blieben erhalten, wurden außenseitig mit einer Polystyrol-Dämmung versehen und erhielten dann eine gestalterisch zeitgemäße Putzfassade mit außenliegendem Sonnenschutz vor den Fenstern. Die gesamte Installation wurde erneuert: Elektroleitungen wurden neu verlegt und an aktuelle Anforderungen für die Mediaverkabelung und Lichtsteuerung angepasst. Auch das Wasser- und Heizungssystem wurde in Gänze erneuert: Die Räume werden nun über eine Unterflurheizung temperiert, die ihre Energie aus einer Luft-Wasser-Pumpe bezieht. Auch dafür mussten Rohre und Elektroinstallationen neu verlegt werden. Die Kernsanierung machte die Integration dieser neuen Installationen im Bestand einfacher; Kabel und Rohre konnten bei der Gestaltung früh berücksichtigt werden und verlaufen nun unsichtbar und brandschutzsicher unter Putz und hinter Verkleidungen.
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Zugleich sollte die Bibliothek durch ihre Gestaltung als wichtiger kultureller Stadtbaustein auffallen. Die mit alabasterweißem Putz errichtete Fassade ist auf die wichtigsten bauzeittypischen Merkmale Fenster, Gesimse, Sockel und angedeutete Pilaster reduziert und insgesamt schlicht gehalten. Umso auffälliger sind die raumhohen Falttüren aus pfirsichfarbenem Metall, die, einmal aufgefaltet, in einen ebenfalls pfirsichfarbenen Durchgang einladen. Es ist der Auftakt zu einem multiplen Kulturort: Hier im Außenraum ist Platz für Ausstellungen und niedrigschwellige Veranstaltungen. Ein großes Schaufenster lässt tief in die Bibliothek blicken; daneben führen ein Aufzug und eine kleine Treppe mit anschließendem gläsernem Eingang ins Innere des Gebäudes. Am Ende des Durchgangs falten sich erneut Türen auf und leiten in den Garten.
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Durchblicke, Sichtbezüge und Raumverknüpfungen sind das gestalterische Motiv, das den Umbau prägte. Im Innern ergeben sich dank der tragfähigen Betondecken ohnehin weite Innenräume, die dank der teils gläsernen Durchgänge und Trennwände noch weiter und lichter wirken. In Erd- und Obergeschoss liegt je ein straßenseitiger Saal, der sich flexibel nutzen lässt. Denn die Buchmagazine sind auf Rollen gelagert und die Leuchten sind teilweise über ein Schienensystem flexibel positionierbar, sodass Platz ist für unterschiedliche Nutzungen wie für unbestuhlte oder bestuhlte Veranstaltungen sowie für den regulären Bibliotheksbetrieb. Von der lichten Raumhöhe im Dachgeschoss profitiert ein dort verorteter Medien- und Vortragsraum. Auch im Innern findet sich die pudrige Farbigkeit: die Böden in einem hellen Pfirsichton, die Wände in Alabasterweiß, Wandverkleidungen und Vorhänge in Grau, dazu mobile Regal-Sitzmöbel in Terrakottarot. Letzteres ist ein Bezug zur Geschichte des Ortes: Kostelec trägt den Beinamen Červený, zu deutsch Rot, wegen seiner ziegelroten Pfarrkirche, die bis heute geographisches und identitätsstiftendes Zentrum des Städtchens ist. ~rg
Bautafel
Architektur: PAPUNDEKL ARCHITEKTI, Prag (Jan Bárta, Šimon Bierhanzl, Marek Fischer)
Projektbeteiligte: Elif Avci, Lucia Čierna, Pavla Kejdanová, Kateřina Kollárová; David Babka, Ilja Bažanov (Grafikdesign); Linda Retterová (ROE) + Kinder vom ZUŠ Červený Kostelec (Gestaltung Textildecke), JUNG, Schalksmühle (Schalter)
Bauherr*in: Stadt Červený Kostelec
Fertigstellung: 2025
Standort: Sokolská 293, 549 41 Červený Kostelec, Tschechien
Bildnachweis: Alex Shoots Buildings
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