Stadtbibliothek in Mittweida
Umbau eines Lichtspielhauses zur Bibliothek
Wo Theater, Kinos oder Gemeinderäume schließen, müssen verbleibende Räume mehr leisten, um multifunktional die Gemeinschaft und Kultur zur fördern. So erging es auch der sächsischen Stadt Mittweida und ihrem um 1860 gebauten Theater und Lichtspielhaus. Denn mit dem Strukturwandel nach der Wende und dem Fortzug vieler Menschen und Unternehmen musste das baufällige Gebäude 1993 seinen Betrieb einstellen und stand danach, wie viele andere Gebäude in der Region, leer. Mithilfe von verschiedenen Städtebauförderungen konnte in den letzten Jahren die Kernstadt saniert und belebt werden. Eines der geförderten Projekte ist der Umbau des alten Lichtspielhauses zur multifunktionalen Stadtbibliothek Erich Loest.
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Neubau mit Sanierung
Tatsächlich gleicht der in einem beschränkten Wettbewerb ermittelte Sanierungsentwurf vom Architekturbüro Raum und Bau eher einem Neubau. Denn das Gebäude war so marode, dass fast alle Bauteile rückgebaut werden mussten; weder Fassade noch Dach blieben bestehen. Einzig das steinerne Treppenhaus samt Ornamentfliesen und glasbemaltem Rundbogenfenster konnte erhalten werden. Zahlreiche Einzelteile des Altbaus, wie Holzbalken, Ziegel und Steine, alte Brüstungen und Türen wurden ausgebaut, restauriert und in neuem Kontext wieder verbaut. So bleibt die Geschichte des Gebäudes ablesbar, und zugleich entsteht eine zeitgenössische Architektur, welche die vielen funktionalen Anforderungen an eine Bibliothek erfüllt.
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Bezug zur alten Dachlandschaft
Auch die Fassadengliederung und die Kubatur des neuen Daches nimmt einen Bezug zum Altbau und seiner markanten Dachlandschaft: Statt der sechs verzierten, trutzigen Zeltdachgauben im alten Mansarddach bringen nun drei steile Giebeldächer mehr Licht ins Innere. Anstelle des alten Eckrisalits mit Turm bildet ein asymmetrisches, verglastes Über-Eck-Giebeldach eine einladende, offene Geste am Stadteingang. Das ungewöhnlich geformte, stählerne Dachtragwerk ist mit champagnerfarbenen Metallpaneelen bekleidet. Nachts leuchtet das Dach durch die großformatigen Verglasungen wie eine Laterne.
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Bibliothek als multifunktionaler Kulturort
Die neue Bibliothek fasst 30.000 Medien, im Vergleich mit anderen Büchereien ist das überschaubar. Aber die Verfügbarkeit des Medienbestandes ist durch zentral vernetzte Bestellsysteme ohnehin unbegrenzt. Als Archiv verlieren viele Bibliotheken an Bedeutung, als Erlebnisort und Ort der Gemeinschaft hingegen werden sie wichtiger, gerade in Kleinstädten und auf dem Land. Daher plante das Team in Mittweida erdgeschossig ein großes Foyer, ein öffentliches Lesecafé, einen multifunktionalen Veranstaltungsraum und mehrere Büroräume. Eine breite, in Holz gekleidete Treppe leitet zum Lesesaal im ersten Obergeschoss – das identitätsstiftende Highlight des Gebäudes. Denn wie der alte Ballsaal erstreckt er sich über zwei Geschosse, von denen das obere über eine barock anmutende, teilweise noch original verzierte Galerie zu den Bücherregalen führt.
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Wirkung von Licht, Weite und Form
Licht, Raumhöhe und Formen, sowie große Fensterausschnitte prägen das Raumerlebnis. Farblich hingegen sind die Räume zurückhaltend mit Einbauten aus Eichenholz und weiß verputzten Flächen angelegt. Dazu kommen Beschriftungen, Handläufe, filigrane Stühle und Ablagetischchen in Schwarz. Mehr Buntheit ist nicht nötig, denn die kommt mit den Büchern und breitet sich Stück für Stück über die Regale und Wände aus. Die Raummitte bleibt frei für eine Sitzlandschaft, auf den seitlichen anschließenden Flächen befinden sich Arbeitsplätze und die Lümmelflächen der Kinder- und Jugendbereiche.
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Anspruchsvolle Gebäudetechnik
Die Gebäudetechnik für den Betrieb einer Bibliothek ist anspruchsvoll: Es gibt hohe Brandschutzauflagen und akustische Anforderungen. Es braucht viel Medientechnik und eine ausgewogene Belichtung und Beleuchtung, damit Bücher keinen Schaden nehmen und konzentriertes Lesen möglich ist. Zugunsten eines weiten Raumerlebnisses verschwand die gesamte Technik hinter einer abgehängten Rasterdecke. Sie ermöglicht eine freie und unauffällige Integration von Absorberflächen, Spotleuchten, Rauchmeldern und Zu- und Abluftöffnungen sowie den dazugehörigen Leitungsführungen.
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Gestalterische Integration von Technik
Die sichtbare Technik, wie die Lichtschalter und Steckdosen, die Technikwand im Lesecafé, die Rechner und Leuchten an den Ausleihstationen und Arbeitstischen und die Aufzugtüren sind ebenfalls einheitlich in Schwarz gehalten und passen sich der Farbgebung von Möbel, Leitsystem und dem alten Treppengeländer an. Die Beleuchtung lässt sich zentral steuern, hilft so verschiedene Nutzungen atmosphärisch zu unterstützen und die Bibliothek zu einem wandelbaren Kulturort zu machen. Das Projekt wurde ausgezeichnet mit dem Architekturpreis des BDA Sachsen 2024.
Bautafel
Architektur: Raum und Bau, Dresden
Projektbeteiligte: IB Wilhelm, Dresden (Tragwerksplanung), IB Heilmann, Chemnitz (Elektroplanung), IB Heinrich, Chemnitz (TGA Planung), Genest und Partner, Dresden (Bauphysik), Borchert und Bucher, Dresden (Brandschutzplanung), IR Röder, Dresden (Bauüberwachung), Beyer & Lohs, Frankenberg (Ausführung Elektroinstallation), Lammhults, Lammhult (Stühle), Vitra, Weil am Rhein (Polstermöbel), JUNG, Schalksmühle (Lichtschalter und Steckdosen)
Bauherrin: Stadtverwaltung Mittweida
Fertigstellung: 2023
Standort: Technikumplatz 1a, 09648 Mittweida
Bildnachweis: Robert Gommlich, Dresden; Henrik Schipper Photography, Dortmund
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