Erweiterungsbau des Rathauses in Brühl

Monolithische Präsenz durch geschlämmte Ziegel

Die Herausforderung beim Bauen in historisch gewachsenen Stadtzentren liegt insbesondere darin, sensibel auf das Umfeld zu reagieren und dennoch architektonisch eigenständig zu bleiben. Ein gelungenes Beispiel dafür, wie dieser Spagat gelingen kann, ist der 2023 vollendete Erweiterungsbau des Rathauses in Brühl. Der Wettbewerb, den das Büro JSWD für sich entschied, forderte darüber hinaus, den denkmalgeschützten Bestand zeitgemäß umzubauen sowie den angrenzenden Janshof neu zu gestalten.

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Das neue Gebäude ersetzt einen Anbau aus den 1960er-Jahren und orientiert sich an der ortstypischen Maßstäblichkeit der Brühler Altstadt. Das Volumen scheint sich aus drei ineinander verzahnten Satteldachhäusern zusammenzusetzen und lehnt sich damit in Kubatur und Proportion an das alte Rathaus am Marktplatz an. Während die historische Schaufassade zur Marktseite orientiert ist, entwickelt der vollständig in cremefarbene Ziegel gehüllte Neubau eine eigene Präsenz entlang des Steinwegs und zum neu gestalteten Janshof auf der Rückseite.

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Funktionale Entflechtung

Der Hauptzugang erfolgt nun über den Erweiterungsbau – ein Foyer mit einer großzügigen Theke nimmt Bürgerservice und Touristikinformation auf. Ein metallischer Netzvorhang erlaubt das Verschließen dieser Zone außerhalb der Öffnungszeiten. Auch alle weiteren Bereiche, wie das Trauzimmer, der Multifunktionssaal und die Bibliothek, sind so organisiert, dass sie unabhängig voneinander betreten werden können. Die entflochtene Erschließung schafft Flexibilität im Betrieb und erlaubt eine autarke Nutzung einzelner Raumgruppen.

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Die neue Stadtbibliothek ist auf mehrere Geschosse verteilt. Ihre räumliche Organisation berücksichtigt akustische Anforderungen, sodass konzentriertes Arbeiten und kommunikative Angebote gleichermaßen möglich sind. Im Untergeschoss befindet sich die Kinderbibliothek mit begehbaren, farbig gestalteten Einbaumöbeln und einem natürlich belichtetem Lesehof. Insgesamt umfasst der Erweiterungsbau eine Bruttogrundfläche von ca. 5.200 Quadratmetern.

Aufwertung des Stadtraums

Der umgestaltete Janshof zeigt beispielhaft, wie öffentliche Räume durch architektonische und freiraumplanerische Interventionen aufgewertet werden können. Der vormalige Parkplatz erhielt einen durchgängigen, barrierefreien Pflasterbelag. Die Trennung zwischen Fahrzeug- und Fußgängerverkehr wurde aufgehoben. Durch die Gleichstellung der Verkehrsteilnehmenden soll sich die Fahrgeschwindigkeit deutlich reduzieren. Die nördliche, dem Rathaus zugewandte Platzseite ist autofrei und eignet sich für Außengastronomie. Zehn reguläre und zehn rollstuhlgerechte PKW-Stellplätze befinden sich im südlichen Bereich – unter einem lockeren Hain aus Stadtbäumen. Die Barrierefreiheit ist im gesamten Gebäude – einschließlich der Freiräume – gewährleistet. 

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Monolithische Präsenz 

Prägendes gestalterisches Element des Erweiterungsbaus, das ihn dazu formal deutlich vom Bestand abhebt, ist das durchgängige Sichtmauerwerk aus geschlämmten Ziegeln. Es umfasst nicht nur die Fassaden, sondern auch die geneigten Dachflächen – was dem Baukörper eine monolithische Wirkung verleiht. Durch die einheitliche Materialität entsteht eine skulpturale Präsenz, die sich zugleich harmonisch in das historische Umfeld integriert.

Außen ablesbare Organisation

Die differenzierte Fassadengestaltung macht die Nutzungszonen des Neubaus ablesbar: Großzügige Einschnitte markieren die Eingänge, Lochfassaden mit hochformatigen, zweiflügeligen Fenstern die Büroetagen. Filtermauerwerk schirmt die dahinterliegende Bibliothek atmosphärisch ab und reduziert den Tageslichteinfall. Die Ziegel sind im Wilden Verband vermauert, wobei das perforierte Mauerwerk nur mit Läufern ausgeführt wurde, die jeweils im Abstand von ungefähr einer Binderbreite gesetzt sind. Fensterfaschen aus Betonfertigteilen korrespondieren farblich mit dem Mauerwerk und orientieren sich formal an der historischen Rathausfassade.

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Energetische Effizienz

Das Gebäude erfüllt hohe energetische Standards. Die Wärmeversorgung erfolgt über ein Blockheizkraftwerk. Dreifach verglaste Fenster, außenliegender Sonnenschutz, eine hohe Tageslichtausbeute sowie eine Betonkernaktivierung zur Temperaturregulierung ergänzen das Energiekonzept. Die hohe thermische Masse der Mauersteine unterstützt ebenfalls die passive Temperaturregulierung in Kombination mit der Betonkernaktivierung. 

Durch das Spiel mit Massivität und Perforation entsteht ein Baukörper, der trotz seines Volumens Leichtigkeit ausstrahlt – unterstützt durch die helle Farbigkeit der Ziegel. Somit gelang den Architekt*innen ein zurückhaltender, aber kraftvoller Beitrag zur Brühler Innenstadt.

Bautafel

Architektur: JSWD Architekten, Köln
Projektbeteiligte: mo architekten, Köln (Objektplanung ab LP6); UKW Innenarchitekten, Krefeld (Interior + Bibliotheksplanung); RMPSL Landschaftsarchitekten, Bonn (Freianlagen); DEERNS, Köln (TGA- und ELT-Planung); Kempen Krause Ingenieur, Aachen (Statik, Bauphysik, Brandschutz); Schmitz.Reichard, Aachen (Projektsteuerung); R.B. Bau / MBS Baugesellschaft (Rohbau); MF Fassadentechnik (Fenster und Außentüren); MBS Baugesellschaft (Mauerwerk)
Bauherr*in: Stadt Brühl
Fertigstellung: 2023
Standort: Steinweg 1, 50321 Brühl
Bildnachweis: JSWD/Franco Casaccia; Christa Lachenmaier; Taufik Kenan; Schmitz.Reichard

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