Hotel Aquaturm in Radolfzell

Weltweit erster Nullenergieturm dank Solarthermie, PV, Wärmepumpe und Windturbine

Industriebetriebe verbrauchten in der Vergangenheit oft viel mehr Wasser, als die öffentliche Wasserversorgung liefern konnte. Eine Lösung war der Bau von eigenen Wasserhochbehältern. In Radolfzell am Bodensee ließ das örtliche Milchwerk 1956 einen 34 Meter hohen Wasserturm errichten. Bereits 1979 wurde er stillgelegt und stand über zwei Jahrzehnte leer, bis ihn die Radolfzeller Architekten Jürgen und Norman Räffle erwarben und größtenteils in Eigenleistung zu einem Hotel im Passivhausstandard umbauten.

Gallerie

Um das begrenzte Raumangebot des achteckigen Turms zu erweitern, wurde er zunächst auf eine Höhe von zwanzig Metern abgetragen und anschließend mit fünf neuen, auskragenden Geschossen auf 14 Etagen aufgestockt. Parallel entstand auf der Nordseite als neuer Zugang ein Erschließungsturm mit Treppenhaus und Lift, der zugleich der Aussteifung dient. Mit dem ehemaligen Wasserturm ist er durch Stege verbunden. Neu angebrachte Wand- und Deckenelemente aus Stahlbeton stabilisieren das historische Turmgebäude zusätzlich von innen gegen Wind- und Erdbebenlasten, denn Radolfzell liegt in der Erdbebenzone 2.

Ziel der Architekten war es, den Energieverbrauch des Turms durch konstruktive Maßnahmen so weit zu senken, dass der Bedarf an Wärme und Strom ausschließlich durch erneuerbare Energien gedeckt werden kann. Der Heizwärmebedarf beträgt 19 kWh pro Quadratmeter und Jahr. Um Wärmebrücken zu vermeiden, wurde die Bewehrung der beiden Türme und der Stege nicht direkt miteinander, sondern über tragende Wärmedämmelemente verbunden. Als zertifizierte Passivhauskomponente sorgen sie für eine thermische Trennung der Bauteile. Die Decken und Wände in Stahlbetonbauweise dienen als passiver Wärme- und Kältespeicher, indem sie tagsüber den solaren Wärmeeintrag aufnehmen und nachts an die Innenräume abgeben.

Zu geringen Wärmeverlusten tragen auch die 155 speziell angefertigten Verbundfenster in Alu-Holz-Konstruktion mit Fünffach-Verglasung bei. Sie unterschreiten den für Passivhäuser vorgeschriebenen U-Wert um dreißig Prozent. Um ein Aufheizen insbesondere der obenliegenden Räume durch Sonneneinstrahlung zu verhindern, sind in die Fensteröffnungen Lichtlenkjalousien mit automatischer Steuerung integriert. An den massiven, mit Mineralwolle gedämmten Außenwänden wurden 700 Quadratmeter Photovoltaikmodule als vorgehängte hinterlüftete Fassade montiert.

Der sanierte Wasserturm kann auf einer Bruttogeschossfläche von 1.458 Quadratmetern mit 15 Doppelzimmern, vier Einzelzimmern sowie einer Suite insgesamt 36 Hotelgäste aufnehmen. Die zum Teil spitz zulaufenden oder runden Grundrisse der Räume erforderten eine maßgefertigte Innenraumausstattung. Verbaut wurden Echthölzer und recycelte Holzwerkstoffe. Die Wände sind zur besseren Feuchtepufferung mit Kalk und Ton verputzt, die Böden bestehen größtenteils aus Naturstein. Es dominieren dezente Beige-, Braun- und Grüntöne. Den oberen Abschluss des Hotelturms bilden im 11. Obergeschoss ein Frühstücksrestaurant mit Terrasse und Whirlpool sowie im 12. Obergeschoss eine 46 Quadratmeter große Spa-Suite. Die Suite besitzt neben einer Dusche mit Licht- und Soundeffekten auch einen Tisch aus Diamantglas, der als beleuchtete Skulptur an der Decke hängt und sich bei Bedarf absenken lässt. Alle oberen Etagen bieten Besuchern weite Ausblicke auf die Altstadt von Radolfzell, den Westteil des Bodensees und das Alpenpanorama.

Gebäudetechnik
Das Hotelgebäude versorgt sich selbst zu hundert Prozent durch erneuerbare Energien und spart so gegenüber einer konventionellen Energieversorgung jährlich rund 78 Tonnen klimaschädliches CO2 ein. 1.000 Dünnschicht-Photovoltaikmodule an der Fassade mit einer Leistung von insgesamt 75 kWp produzieren jährlich bis zu 39.500 kWh Strom. Weitere 5.400 kWh Strom pro Jahr liefert eine auf dem Dach installierte, vertikale 6-kW-Windturbine mit abklappbarem Mast. Überschüsse der Stromproduktion, die im Gebäude nicht verbraucht werden, speichert ein Lithium-Eisenphosphat Solar-Batteriespeicher, der zudem vier Elektrotankstellen, vier Tesla-Charger und fünf E-Bike-Ladeplätze mit Energie versorgt.

Eine Solarthermieanlage, bestehend aus fünzig Quadratmeter Vakuumröhrenkollektoren an der Südfassade und auf dem Dach deckt mit einem Ertrag von jährlich 32.000 kWh rund fünfzig Prozent des Raumwärmebedarfs und 57 Prozent des Warmwasserbedarfs des Hotels ab. Sie speist die Wärme in einen 10.500 Liter fassenden Solarwärmespeicher mit Schichtenladetechnik, der sich in der Technikzentrale im Erdgeschoss des Hotels befindet. Die Heizwärmeverteilung in die Räume erfolgt durch eine Fußbodenheizung mit intelligenter Einzelraumregelung.

Der verbleibende Wärmebedarf für die Gebäudeheizung und die Trinkwassererwärmung wird durch eine Wasser-Wasser-Wärmepumpe mit 43 kW Leistung abgedeckt, die das Grundwasser anzapft und jährlich 37.000 kWh Wärme liefert. Im Sommer übernimmt die Wärmepumpenanlage auch die passive Raumkühlung und stellt 13.200 kWh jährlich an Kälte bereit. Wasser mit einer Temperatur von 17 Grad strömt dann durch die Fußbodenheizflächen, nimmt die Gebäudewärme auf und leitet sie ins Grundwasser, wo sie abkühlt. Der Verdichter der Wärmepumpe ist dabei nicht in Betrieb, was die Stromkosten senkt. Nur die Umwälzpumpen im Quellen- und Heizkreis arbeiten. Im Sommer stellt das Grundwasser damit einen Kältespeicher und in der kalten Jahreszeit eine Wärmequelle dar.

In den Hotelzimmern erwärmen dezentrale Frischwasserstationen mit Plattenwärmetauschern aus Edelstahl das Trinkwasser im Durchlaufprinzip. Die Wasserhähne sind sehr sparsam und verbrauchen lediglich 0,6 Liter Wasser pro Minute.

Dezentrale Lüftungsanlagen mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung von über neunzig Prozent sorgen für einen kontrollierten Austausch von verbrauchter Luft mit sauerstoffreicher Außenluft, die feinstaub- und pollenfrei durch einen Filter aufbereitet wird. Die Beleuchtung erfolgt zu hundert Prozent mit energiesparender LED-Technologie.

Der Umbau des Wasserturms in ein Hotel wurde vom Bundesumweltministerium als Demonstrationsanlage finanziell gefördert. Wie sich das innovative Energiekonzept bewährt, soll ein dreijähriges Monitoring zeigen.

Bautafel

Architekten: AIR Architektur- und Ingenieurbüro Norman Räffle, Radolfzell
Projektbeteiligte: Baustatik Relling, Singen (Tragwerksplanung); Räffle & Söhne, Radolfzell (Umbau- und Sanierungsarbeiten); Martin T. Lacher, Bisingen (Fensterbau); Schöck Bauteile, Baden-Baden (Wärmedämmelemente); Sto, Stühlingen (Photovoltaikfassade)
Bauherr: Räffle & Söhne, Singen
Fertigstellung: 2017
Standort: Güttinger Straße 15, 78315 Radolfzell
Bildnachweis: Susanne Bechtold – Fotografie Suse vom See, Radolfzell; Räffle & Söhne, Singen

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