Wohn- und Geschäftshaus Malplaquetstraße 19 in Berlin

Re-Use eines historischen Fabrik-Portals

Ein historisches Portalfragment erzählt vom Wandel der Zeiten, in dem es als eindrucksvoll gestalteter Eingang für das Wohn- und Geschäftshaus einer Baugemeinschaft in der Berliner Malplaquetstraße 19 wiederbelebt wurde.

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Industriedenkmal

Die heute denkmalgeschützten Osram-Höfe sind ein Gebäudekomplex zwischen den Straßen Oudenarder, See, Malplaquet, Liebenwalder und Groninger im Berliner Bezirk Wedding. Seit 1905 wurden auf dem Areal Glühlampen produziert. Das für die Höfe namensgebende Osram ist ein zusammengesetztes Kunstwort aus Osmium (im Periodensystem = Os) und Wolfram, den beiden Metallen, aus denen der Glühfaden der Lampe  hergestellt wurde. Osram ist sowohl der Markenname einer ganz bestimmten Glühlampe mit eben diesem Glühfaden als auch der Name der Firma, die diese Lampen produzierte. Die Firma hatte das Fabrikareal in Berlin vom ursprünglichen Gründer Sigmund Bergmann erworben, der zuvor in New York eng mit Thomas Alva Edison zusammengearbeitet hatte, dem Ahnherren der Telekommunikation und der Elektrifizierung.

Die Fabrik wurde bis in die 1930er-Jahre kontinuierlich zum zeitweise größten Glühlampenwerk Europas erweitert. Ende der 1980er-Jahre wurde die Produktion an einen anderen Standort verlagert und das Werk im Wedding geschlossen. Es erfolgte eine Konversion des Ensembles zu einer Mischung aus Einzelhandel, Dienstleistungen, Büros und Nutzungen durch wissenschaftliche und forschungsorientierte Institutionen.

Die Osram-Höfe gelten heute als bedeutender historischer Standort der elektrotechnischen Industrie in Berlin. Das denkmalgeschützte Ensemble verdeutlicht architektonisch den Übergang von gelben Klinkerbauten mit einzelnen Jugendstilornamenten zu sachlich-funktionalen Stahlskelettkonstruktionen, die in eine gründerzeitliche Blockrandbebauung integriert waren. Zahlreiche Weddinger Straßennamen aus der Gründerzeit und damit der Hochphase des deutschen Historismus verweisen auf die noch ältere preussisch-brandenburgische Militärgeschichte. So ist die Malplaquetstraße nach einer Schlacht des Spanischen Erbfolgekriegs benannt, der unter preußischer Beteiligung im heutigen Grenzgebiet zwischen Frankreich und Belgien stattfand.

Portalfragment

Flankiert von Gründerzeitwohngebäuden befand sich in der Malplaquetstraße 19 einer von mehreren Eingängen in das Areal der Glühlampenfabrik. Das Portal, ursprünglich Teil eines Pförtnerhauses, war jedoch nur noch ein Wandfragment mit zugemauerten Blindfenstern; der Ort wirkte eher wie eine Baulücke. Eine Gruppe engagierter Wohnungssuchender nahm sich dieser städtebaulich wie historisch einzigartigen Situation an und gründete eine Baugemeinschaft, um für sich selbst Wohnungen und Gewerbeflächen zu schaffen. Die architektonische Federführung für diese innerstädtische Nachverdichtung übernahmen die beiden Architekten Bettina Kraus und Thomas Baecker.

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„Wiederbelebung“

Das Portal einschließlich der erhaltenen Außenwand eines ursprünglichen Mezzaningeschosses wurde nicht nur als authentische Bausubstanz respektiert, sondern als wesentlicher und prägender Bestandteil des Ortes erkannt. Konsequenterweise ist der historische Torbogen der Einfahrt heute der Eingang des neuen Hauses. Die Laibung samt Sturz und einem halbrunden Oberlicht ist mit Sichtbeton gerahmt, wodurch – neben der baukonstruktiven Ertüchtigung – die Proportion des Tors als Element der ehemaligen Industriearchitektur betont wird.

Außerdem ist die Höhe der Backsteinwand die funktionale wie visuelle Vorgabe für die vertikale Aufteilung in die beiden Nutzungen. Die neu geschaffenen Büroräume befinden sich in Anlehnung an das ehemalige Pförtnerhaus unmittelbar hinter den Wandresten bis zur Höhe der historischen Traufe. Oberhalb dieser geometrischen wie historischen Linie sind die Wohnungen in vier neuen Geschossen plus Dachterrasse gestapelt. Diese beiden Teile der Fassade bilden zusammen ein blockrandschließendes Vorderhaus, in dem sich alle Wohnungen nach Südwesten zur Straße ausrichten.

Balkon-Loggien und Fenster

Den Wechsel der Nutzung verdeutlicht kontrastierend Material und Farbe – gelber Backstein zu hellgrauem Sichtbeton – sowie eine geometrische Variation von Bögen respektive Halbkreisen und Rechtecken. Die Architektur reagiert zwar auf den Bestand, ist aber keine historisierende Kopie einer wie auch immer gearteten Angleichung an die Nachbargebäude aus der vorletzten Jahrhundertwende. Stattdessen sind wie bei einem überdimensionalen Schachbrett Balkone mit raumhohen Schiebetüren und annähernd quadratische und ebenfalls raumhohe Festverglasungen alternierend angeordnet. Mittels dieses strengen Rhythmus erhält jede Wohnung jeweils zwei Felder bestehend aus einem Balkon und einem Fenster.

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Die Balkone sind jedoch keine „normalen“ Balkone, sondern eine Kombination aus halbkreisförmiger Auskragung und einer ellipsoid geformten Loggia als Nische. Durch dieses geometrische Manöver ist eine plastische Fassade mit ungewöhnlich großen Freisitzen entstanden, die einen Zwischenraum zwischen dem Straßen- und dem Innenraum bilden. Die Architekten vergleichen diese Freisitze mit ähnlich extrovertiert und gleichzeitig introvertierten Logen eines Theaters. Die breiten und nach innen gewölbten Laibungen der Loggien bieten zudem einen Windschutz, während die Auskragungen der Balkone die festverglasten Fenster verschatten. Die raumhohen Fenster sorgen für eine gute Belichtung der teils tiefen Wohnungen mit seitlichen Brandwänden. Die hofseitigen Fassaden führen dieses Prinzip in vereinfachter Art fort.

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Erschließung, Organisation, Flexibilität, Kern und Enfilade

In unmittelbarer räumlicher Verbindung mit dem alten wie neuen Eingang ermöglicht ein mittig angeordnetes Treppenhaus mit Aufzug eine Erschließung als Zweispänner. Im rückwärtigen Hof wird diese Symmetrie durch einen Seitenflügel aufgelöst, der sich an die Brandwand des Nachbarhauses schmiegt. Während in der kompakten Wohnung des Vorderhauses die Verkehrsfläche minimiert ist, sind die Räume im Seitenflügel ähnlich einer Enfilade organisiert, die die Hälfte der Wohnungen in den Hof hinein vergrößert. Zwei grundsätzliche Prinzipien der Grundriss-Organisation – Kern und Enfilade – wurden hier geschickt miteinander verknüpft, um zwei unterschiedliche Wohnungsgrößen zu schaffen.

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Die beiden Architekten haben zudem die individuellen Wünsche und Bedürfnisse der Baugemeinschaft mit einer adaptierbaren Grundriss-Organisation gelöst. Die flexibel zu gestaltenden Grundrisse basieren darauf, dass der Schacht für die Leitungsführung für Bäder und Küchen nicht wie üblich seitlich an einer Wand, sondern nun mittig angeordnet ist – ungewöhnlich aber vorteilhaft. So können Bäder und Küchen beispielsweise als freistehender Raum-in-Raum-Kern, axialer Raumtrenner oder offene Wohnküche mit separierter Nasszelle umgesetzt werden. Ähnlich individuell erfolgte der Innenausbau der Wohnungen je nach Wünschen, Vorgaben oder eigenen Fähigkeiten der Bewohnerinnen und Bewohner.

Diese städtebauliche Nachverdichtung einer Baulücke in Berlin-Wedding erfolgte auf einer Grundstücksfläche von 390 Quadratmetern. Es entstanden drei Gewerbeeinheiten und neun Wohnungen mit einer Wohnfläche von 1.150 Quadratmetern. 2023 wurde das Haus Malplaquetstrasse 19 mit dem Architekturpreis Berlin ausgezeichnet. -sj­­­

Bautafel

Architektur: Thomas Baecker Bettina Kraus Architekten Partnerschaft mbB i.L; Michael Albertshofer, Filip Kujawski, Ole Hallier, Florian Rizek, Sebastian Witzke (Team Architektur)
Ausbau: Bettina Kraus
Projektbeteiligte: Building Applications Ingenieure, Berlin (Gebäudetechnik); Ifb Frohloff Staffa Kühl Ecker (Tragwerk)
Bauherr*in: Malplaquetstraße 19 GbR
Fertigstellung: 2021
Standort: Malplaquetstraße 19 in Berlin-Wedding
Bildnachweis: Marc Timo Berg, Berlin; Thomas Bendel, Berlin

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