Schloss Rapperswil in der Schweiz
Erschließungselemente aus Beton
Eine spitze Landzunge ragt in den südlichen Zürichsee, dort thront seit rund sieben Jahrhunderten das Schloss Rapperswil. Zuvor noch als Burg, die im Zuge eines Rachefeldzugs niederbrannte und im 14. Jahrhundert neu errichtet wurde, erlebte das historische Gemäuer eine bis heute bewegte Geschichte. Noch viel weiter zurück reichen die geologischen Veränderungen, die zur Bildung des Zürichsees und der Ufertopografie führte. Nach der letzten Eiszeit formte der Rückzug des Linthgletschers die heutige Landschaft im Limmattal und dadurch auch die markante Halbinsel, auf der das Schloss und die heutige Gemeinde Rapperswil-Jona im Kanton St. Gallen stehen.
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Gletschermühlen und -spalten sollten auch als Motiv für die jüngsten Modernisierungsmaßnahmen dienen, die das Schloss Rapperswil zuletzt erfuhr. Das Büro PARK ARCH aus Zürich konnte infolge eines Wettbewerbs die Intervention für eine neue Erschließung im Schloss vornehmen. Der Komplex beherbergt eine kulturelle Nutzung und ist im schweizerischen Inventar für Kulturgüter von nationaler Bedeutung. Rund 150 Jahre lang – bis 2022 – beherbergte das Schloss Rapperwil das Polenmuseum. Es gilt als Symbol der Verbindung zwischen den beiden Ländern und wahrte auch das Bauwerk vor dem Verfall. Heute widmet sich die Ausstellung der jahrhundertealten Geschichte des Schlosses, ferner beherbergt es repräsentative Veranstaltungssäle und Gastronomie.
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Bestand mit drei Hochpunkten
Die Form des Schlosses kann als Bezug zur spitzen Landzunge gelesen werden, auf der es sich befindet. Die Grundfläche bildet ein nahezu gleichschenkliges Dreieck aus, dessen Eckpunkte jeweils von einem hohen Turm markiert werden und in der Mitte einen Innenhof umschließen. Zwischen den beiden südlichen Türmen befindet sich das Schlosshauptgebäude samt dem prächtigen Saalbau, der Palas. Bedeutend in seiner Ausprägung sind auch der Rittersaal und die drei Türme, die unterschiedlich ausgebildet sind. Der höchste, im Westen wird Gügeliturm genannt, was auf die historische Funktion als Sitz des Hochwächters hindeutet. Der Pulverturm im Norden ist dem See zugewandt. Zur Stadt hin nach Südosten ist schließlich der fünfeckige Zeitturm von zentraler Bedeutung. Er zeigt sich mit zwei großen Turmuhren, einer Sonnenuhr und drei Glocken. Beidseitig des Palas befinden sich auch die neuen Erschließungselemente, die auf die Vertikale der Türme und die Historie des Ortes in moderner Architektursprache eingehen.
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Neustrukturierte Wegführung und behutsame Eingriffe
Insgesamt präsentiert sich die von PARK ARCH vorgeschlagene und
im Wettbewerb erfolgreiche Neustrukturierung der Anlage nach außen
eher behutsam. Der von der Stadt erfolgende Aufstieg führt zunächst
auf die Westseite und von dort durch ein Portal in den Innenhof.
Hier ergänzte das Planungsteam eine kleine Wirtschaft,
schweizerisch Buvette, sowie Toilettenanlagen in Form schlichter,
holzbekleideter Anbauten. Darüber, sichtbar zum Hof, befindet sich
eine neue Stahltreppe, die einerseits als Fluchttreppe im Westen
des Palas dient und gleichzeitig den Gügeliturm erschließt bzw. im
2. Obergeschoss den Ausstellungsrundgang von Palas zum westlichen
Wehrgang verbindet.
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Zum zentralen Erschließungselement wird jedoch eine neue Treppe im Osten des Palas. Diese ist in Beton ausgebildet und präsentiert sich als eigene Konstruktion mit materiellen Bezügen zum Bestand. Ein elementarer Bestandteil der neukonzipierten Erschließung war ebenfalls die Integration eines Personen- sowie eines Warenaufzugs, die von der neuen Treppenanlage umspielt werden. Der Warenaufzug verläuft streng vertikal, während der Personenaufzug leicht geneigt ist. Der Zwischenraum zwischen den beiden Liftschächten, der partiell vom Treppenverlauf durchbrochen wird, öffnet sich nach oben und lässt Licht eintreten. Hier wird der Bezug zur Gletscherspalte und durch den unregelmäßigen Verlauf der Treppe die Assoziation von Gletschermühlen – jenen verflochtenen Hohlräumen im ewigen Eis – präsent.
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Unterschiedliche Betonoberflächen mit Bezug zum Bestand
Die Einschübe aus Beton greifen das steinerne Gemäuer auf unterschiedliche Art auf. Die Architekt*innen ließen die historischen Schlosswände von Putz befreien, sodass der verwendete Bollinger Sandstein samt all seinen im Verlauf der Geschichte erfolgten Naht- und Ausbesserungsstellen sichtbar wird. Demgegenüber stehen einerseits die schalungsglatten Betonwände der Liftschächte, die das äußere Bild einer horizontalen Bretterschalung aufweist. Die glatten Flächen sollen die Eiswände in Gletscherspalten zitieren. Die Treppenbrüstungen selbst hingegen sind nachträglich handwerklich bearbeitet und gestockt. Hier zeigt sich eine Interpretation des historischen Bruchstein-Mauerwerks sowie abermals die langsam von Schmelzwasser und Gestein ausgeschliffenen Gletschermühlen. Dem verwendeten konventionellen, selbstverdichtendem Beton wurde Sandsteinsand und Sandsteinbruchkies zugefügt. Den gänzlich in Ortbeton hergestellten Elementen gingen mehrere Bemusterungen voraus. -sab
Bautafel
Architektur: PARK ARCH, Zürich (Markus Lüscher, Gilbert Isermann, Felix Matschke, Josip Jerković, Simone Bänziger, Andrea Kunz, Julia Mair, Maciej Grajek)
Projektbeteiligte: PU Philip Ursprung (Architekturgeschichte); JACO Jaeger Coneco (Baumanagement); Ulaga Weiss (Tragwerksplanung); Vogt Landschaftsarchitekten (Landschaftsplanung); Makiol Wiederkehr (Brandschutzplanung); Elektro-Ingenieure Meyer + Partner (Elektroplanung); matí (Lichtplanung); Kopitsis Bauphysik (Bauphysik und Akustikplanung); Bernet Bau (Baumeister); J. & A. Kuster Steinbrüche (Naturstein); Pfister Metallbau (Stahlbau); EMCH Aufzüge (Aufzüge); Baur Metallbau (Metallbau); Ambühl & Vogelsang (Restaurierung); Brigitte Moser (Bauforschung); Laboratoire Romand de Dendrochronologie (Dendrochronologie); Kantonale Denkmalpflege St. Gallen (Denkmalpflege)
Bauherr*in: Ortsgemeinde Rapperswil-Jona
Standort: Lindenhügel, 8640 Rapperswil-Jona, Schweiz
Fertigstellung: 2024
Bildnachweise: Valentin Jeck, Stäfa (Fotos); PARK ARCH (Pläne)
