Domcenter in Linz
Drei Baldachine für den Mariendom
Mit dem Mariä-Empfängnis-Dom in Linz, auch Mariendom oder Neuer Dom genannt, plante der Kölner Baumeister Vincenz Statz im Jahr 1859 eines der bedeutendsten und größten Kirchenbauwerke Österreichs. Vier Jahre zuvor hatte der römisch-katholische Bischof Franz Joseph Rudigier die im neugotischen Stil errichtete Kathedrale in Auftrag gegeben. Doch sie sollte erst 1924 geweiht und in den 1930er-Jahren final fertiggestellt sein. Zu der Zeit entstand auch der Linzer Domplatz an der Ostseite, welche nun wiederum um eine außergewöhnliche bauliche Ergänzung reicher ist.
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Das Münchner Architekturbüro rund um Peter Haimerl durfte im Auftrag der Diözese Linz einen Entwurf realisieren, das dem historischen Bauwerk eine funktionale Erweiterung beschert – und eine kunstvolle architektonische Ergänzung zugleich. Das neue, an das Kirchengebäude angeschmiegte Domcenter integriert ein Café und einen Büchershop und ordnet den Zugang zu einer Sehenswürdigkeit im Inneren der Kirche: die Ausstellung des Domschatzes sowie weiterer sakraler Kulturgüter. Als „progressiv und innovativ“ attestiert der Architekt die auftraggebende Rudigier-Stiftung, eine selbständige kirchliche Einrichtung der Diözese Linz. So liest sich der Linzer Anbau als Brücke – nicht nur zwischen historischer und zeitgenössischer Baukunst, sondern auch zwischen der sakralen und einer weltlichen Widmung.
Konstruktive Trennung zwischen denkmalgeschützter Kirchenfassade und Anbau
Tatsächlich berührt der unterkellerte Anbau die Ostfassade des Mariendoms nur unmerklich. Bis zu sechs Zentimeter misst die ausgedämmte Fuge zwischen der Kirchenfassade und den drei schlanken Baldachinen, die sich an den Strebepfeilern hochziehen, getrennt von gläsernen Oberlichtbändern. In ihrer Formgebung und filigranen Ausführung erinnern die Betondächer an gotische Gewölbe. Der Lastabtrag erfolgt gänzlich über in Ortbeton realisierte Stützen im Erweiterungsbau. Die außen sichtbaren, sechs dünnen Stützen, die die fließende Figur der auskragenden Baldachine zum Platz hin erden, nehmen lediglich Zugkräfte auf. Auch die eingerückte Glasfassade kennzeichnen schlanke Profile, sodass die Ansicht zur denkmalgeschützten Kirchenfassade partiell erhalten bleibt und der Minimalismus unterstrichen wird.
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Besondere geometrische Figur im Ausstellungsdesign
Über einen Aufzug bietet das Domcenter auch einen barrierefreien Zugang vom Platz auf die Kirchenebene. Er erschließt auch das neue Untergeschoss, das einen Technikraum, Toiletten, Abstell- und Lagerflächen beherbergt. Innerhalb der Kirche durfte das Büro Peter Haimerl Architektur weitere kunstvolle Installationen beitragen, in Form von Ausstellungsmöbeln und Vitrinen für den Domschatz, die in der Turmkapelle Ost zu finden sind.
Dabei griff der Architekt auf eine geometrische Form zurück, die erst 2023 von Wissenschaftlern rund um David Smith vorgestellt wurde und eine Lösung für ein mathematisches Problem darstellt. Für eine Parkettierung, also das lückenlose Ausfüllen einer Fläche mit nicht wiederholend bzw. regelmäßig angeordneten Mustern, bietet die sogenannte Hut-Kachel eine mögliche Lösung. Der besagte Einstein, nur namentlich an Albert Einstein erinnernd, hat eine unregelmäßige polygonale Grundfläche. Die zu dreidimensionalen Objekten skalierte Form findet sich sowohl in den Rauminstallationen für die teils interaktive Ausstellung als auch in kleineren Präsentationstischen im Café und Buchladen wieder.
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Herausfordernde Vorfertigung
Bei den Baldachinen handelt es sich um zweischalige Betonfertigteilkonstruktionen: Die untere Tragschicht ist doppelt gekrümmt, darauf folgt eine Dämmschicht und dann die einfach gekrümmte Deckschale. Sie zeichnet das umgekehrte Gewölbe nach und wird mittig entwässert. Die Vorfertigung übernahm das Unternehmen Puracrete aus Übelbach nördlich von Graz, das laut Architekt als einziges der komplexen Schalung und Montage gewachsen war. Den Entwurf des Architekturbüros übersetzte der Hersteller in die parametrische Ebene und fertigungstechnische Schritte. Dabei unterteilte man die drei Schalen in jeweils sieben, nicht baugleiche Segmente. Diese wurden dann stehend betoniert, ähnlich einer herkömmlichen Wand.
Besondere Schalung und höchste Anforderungen an den Sichtbeton
Die Schalung selbst besteht aus einem frei formbaren, mineralischen Werkstoff, der vom Hersteller selbst entwickelt wurde und den gleichen Namen trägt. Dabei handelt es sich um selbsttragende, massive Blöcke aus einem verdichteten Material. Die Mindestdicke der Schalung beträgt 8 cm, die betonierten Fertigteile für das Linzer Domcenter weisen unterschiedliche Querschnitte von 6 bis 36 cm auf.
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Vor Ort wurden die Einzelelemente durch Verschweißen der Kopfplatten montiert. Durch ein Lösen der Schweißnäte lässt sich die Konstruktion wieder rückbauen – so wie das gesamte Domcenter. Anshcließend wurden untere Tragschale, Dämmschicht und Deckschale zusammengefügt und dann das gesamte Dach über Schraubanschlüsse mit den Stützen verbunden. Die Schalen selbst sind über Streben miteinander verbunden, was einer Verformung entgegenwirkt. Über eine elastische Abdichtung zieht sich die eigenständige Konstruktion schließlich bis an die Domwand.
Hohe Anforderungen galten ebenso an die Beschaffenheit des Betons sowie die Oberfläche. Verwendet wurde ein Ultrahochfester Beton (Ultra High Performance Concrete – UHPC) mit hohem Anteil an Weißzement. Die gewünschte schalglatte Ausführung ließ sich mit einer Beschichtung erzielen, die auch den Ausschalprozess begünstigte. Andernfalls hätte die unbeschichtete, proenfreie Puracrete-Schalung eine samtmatte Oberfläche erzeugt. Im Ergebnis zeigen sich die Baldachine als homogene Einheit – eine fließende, fast zeltartige Figur. Verglichen mit der massiven, steinernen Hülle des Doms sowie dem unscheinbaren Glasbau stellen sie farblich und formal einen deutlichen Kontrast dar, ohne sich jedoch in der Gesamtansicht aufzudrängen. -sab
Bautafel
Architektur: PETER HAIMERL. ARCHITEKTUR, München
Projektbeteiligte: Gernot Baumann, Felix Meyer-Sternberg (Mitarbeiter Peter Haimerl. Architektur), Michael Hager (Dombaumeister), Studio Clemens Bauder (Bauleitung, Ausstellungsdesign), DI Weilhartner ZT (Statik), PURAcrete (Herstellung Betonfertigteile)
Bauherrin: Bischof-Rudigier-Stiftung
Standort: Herrenstraße 26, 4020 Linz, Österreich
Fertigstellung: 2024
Bildnachweis: Edward Beierle, Gregor Graf, PURAcrete GmbH (Fotos); PETER HAIMERL. ARCHITEKTUR, München (pläne)
