Boiserie
Holzvertäfelung, hölzerne Schnitzereien, All-over-Gesamtkonzept
Boiserie leitet sich von der französischen Vokabel bois (Holz, Gehölz) und dem etymologisch noch älteren lateinischen boscus (Wald) ab. Boiserie bedeutet übersetzt Holzvertäfelung, Wandverkleidung, ist jedoch in der französischen Fassung nicht nur in Deutschland ein architekturgeschichtlicher und kulturwissenschaftlicher Fachbegriff.
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All-over-Gesamtkonzept
Wandverkleidungen mit Brettern, Verschalungen, Paneelen und Wandteppichen dienten bereits im Mittelalter und möglicherweise noch viel früher als Wärmedämmung von Innenräumen. Im 17. Jahrhundert wurden diese Elemente in Versailles, dem Hof der französischen Könige, wesentlich verfeinert und weiterentwickelt. Sie kamen als raumfüllende und beeindruckende Dekoration in Mode. Raumfüllend bedeutet dabei die gestalterische Einbeziehung und Überformung von verschiedenen Elementen wie Wänden, Decken, Türen und Fenstern, teilweise bis zu den Beschlägen, dem Parkett, Sitznischen und dem Mobiliar. Es entstand ein auf Holz basiertes All-over-Gesamtkonzept, das in ganz Europa in Schlössern, Palästen, Herrenhäusern und Rathäusern kopiert wurde.
Rahmen, Füllungen und Paneele
Boiserien sind aus Holz gearbeitet und setzen sich aus Rahmen, Füllungen und Paneelen zusammen, ähnlich dem Aufbau einer Tür. Die Konturen von Fenstern und Türen passen sich der jeweiligen stilistischen Mode an, indem sie gebogen oder mehrfach geschweift Rundungen, Scheingiebel und ähnliche Ornamente nachformen. Felder und Füllungen aus kostbaren oder seltenen Hölzern sind sichtbar, sonst oft bemalt, lackiert oder als luxuriöser Akzent vergoldet und versilbert. Intarsien aus kontrastierenden Hölzern, farbigen Steinen oder besonderen Maserungen wie Wurzelholz stellen besonders kunstvolle Verzierungen dar. In die Wand- und Türflächen integrierte Spiegel dienen der Reflexion von Kerzenlicht. Plastische Akzente und flächige, rahmenartige Felder bilden einen Rhythmus. Blindfenster oder Tapetentüren kaschieren Fehlstellen und erweitern so den Rhythmus.
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Beispiel Schloss Solitude, Baden-Württemberg
Im nahe bei Stuttgart liegenden Schloss Solitude sind mehrere eindrucksvolle Boiserien zu besichtigen. Herzog Carl Eugen von Württemberg beauftragte 1763 den Architekten Philippe de la Guêpière mit dem Entwurf und der Ausstattung des Lustschlosses. Boiserien befinden sich beispielsweise im Assemblézimmer, im Palmensaal und in mehreren Kabinetten. Das Assemblézimmer ist mit einer Boiserie aus goldenen Ranken auf hellblauen Feldern verkleidet, die Teile der Decke mit einschließt. Im Palmensaal imitieren Paneele mit plastischen Schnitzereien in verschiedenen Goldnuancen einen laubenartigen Pavillon, der mit bodentiefen Glastüren noch luftiger wirkt.
Nachwirkungen und High-Fashion-Raumkonzepte
In reduzierter Weise, insbesondere als hölzerne Sockelverkleidungen in Treppenhäusern von Mehrfamilienhäusern, waren Täfelungen bis Anfang des 20. Jahrhunderts beliebt. Innentüren wurden dagegen immer weniger als bewegliche Oberflächen einer Wand verstanden, sondern als eigenständige Bauteile wahrgenommen. Erst im späten 20. Jahrhundert werden Boiserien als hölzernes Raumgefüge wiederentdeckt. Flagshipstores namhafter Designer*innen orientieren sich an höfischen Architekturelementen, indem sie Boiserien als Verweis auf Tradition und Wertigkeit ihrer Produkte zitieren und in ihre Läden mitsamt Türen und Mobiliar einfügen. Auch gehobene und luxuriöse Hotels, die zeitweise eine gestalterische Reduktion im Sinne des Minimalismus favorisierten, rekultivieren Boiserien in ihrem Interior Design. -sj
Fachwissen zum Thema
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