Was bedeutet nachhaltiges Bauen?

Auf den Kontext kommt es an

Ökologische Belastungsgrenzen setzen einen Rahmen, der, sofern er nicht überschritten wird, intakte Abläufe für das Leben auf der Erde sicherstellt. Das Überschreiten dieser Grenzen hat mit großer Wahrscheinlichkeit negative Folgen für das Ökosystem. Verschiedene Kategorien der Grenzüberschreitungen wirken sich dabei unterschiedlich auf das Gesamtgefüge aus: Während etwa die Kategorien „Artensterben“ und „Stickstoffkreislauf“ zum größten Teil von der Landwirtschaft beeinflusst werden, steht das Bauen in naher Verbindung mit der Klimakrise. Bei der Konstruktion und der Nutzung von Gebäuden werden etwa gleich große Teile an Treibhausgasen ausgestoßen. Das angestrebte Ziel sollte die Erreichung von Klimaneutralität (Net Zero) im Jahr 2040 sein, was einer Erwärmung des Klimas bis 1.5 Grad Celsius entspricht. Jedoch sieht die Agenda für die Umsetzung davon nicht überall gleich aus. Grob lassen sich zwei Regionen unterscheiden – die des Globalen Nordens und die des Globalen Südens –, welche verschiedene Herausforderungen meistern müssen. Zur Frage „Was bedeutet nachhaltiges Bauen?“ gehört also nicht überall auf der Welt die gleiche Antwort.

Gallerie

Reuse Reduce Recycle
Die Gebäude im Globalen Norden sind in der Regel beheizt. Daher ist für diese Region die anzugehende Herausforderung der energieeffiziente Betrieb der Bauten sowie die Isolierung und Sanierung des bestehenden älteren Gebäudebestands zentral. Als grundsätzliche Strategie für ein Net-Zero-Gebäude im Globalen Norden gilt: zuerst die passiven Designstrategien ausnutzen, um den Energiebedarf zu senken und für den restlichen Energiebedarf ein effizientes System entwerfen. Um passive Designstrategien zu nutzen, ist es wichtig, sich mit dem Klima des Standorts, der Ausrichtung und der Form des Gebäudes zu befassen. So lässt sich mit der Form und der Orientierung des Baus etwa die natürliche Querlüftung optimieren. Mit der thermischen Masse eines Bauwerks kann man den Heizbedarf reduzieren, ebenso wie mit der Wahl der Größe und Art der Verglasung und des Sonnenschutzes. Auch die Begrünung kann als passive Designstrategie genutzt werden. Erst danach sollte ein effizientes Energiesystem entworfen werden, welches auf den minimierten Bedarf durch passive Strategien dimensioniert ist. 

Berücksichtigt werden dabei alle Lebenszyklusphasen eines Gebäudes. Dabei wird die Optimierung sämtlicher Einflussfaktoren auf den Lebenszyklus angestrebt: von der Rohstoffgewinnung über die Errichtung bis zum Rückbau. Als durchschnittliche Nutzungszeit eines Hauses werden ca. 50 - 100 Jahre angenommen.

Folgende Faktoren sind beim nachhaltigen Bauen insbesondere im Globalen Norden zu berücksichtigen:

  • Senkung des Energiebedarfs
  • Senkung des Verbrauchs von Betriebsmitteln
  • Einsatz wiederverwertbarer Baustoffe und Bauteile
  • Vermeidung von Transportkosten (der eingesetzten Baustoffe und Bauteile)
  • gefahrlose Rückführung der verwendeten Materialien in den natürlichen Stoffkreislauf
  • Nachnutzungsmöglichkeiten
  • Schonung von Naturräumen
  • Flächen sparendes Bauen

Baumaterialien mit niedriger Kohlenstoffintensität
Aufgrund des starken Urbanisierungstrends und der höheren Temperaturen gilt es, im Globalen Süden die Kohlenstoffintensität von Baumaterialien zu senken sowie die Gebäude an das wärmer werdende Klima anzupassen. Jedes Baumaterial bindet Kohlenstoff sowohl als Speichermedium als auch durch dessen Herstellung (Graue Energie). Um den in Baumaterialien verkörperten CO2-Ausstoß (embodied carbon) zu reduzieren, muss man sich die zwei natürlichen Kohlenstoff-Kreisläufe genauer ansehen, die in jedem Baumaterial enthalten sind: den kürzeren biologischen Kohlenstoff-Kreislauf und den längeren geologischen Kreislauf. Durch eine Verlangsamung des biologischen Kreislaufs wird der Kohlenstoff länger im Material gebunden. Dies ist beispielsweise möglich, indem schnell wachsende Pflanzen wie Stroh oder Hanf als Isolationsmaterial für Gebäude genutzt werden. Der in Stroh und Hanf enthaltene Kohlenstoff wird dadurch im Herbst nicht freigesetzt, sondern über längere Zeit im Gebäude gespeichert. Die zweite Möglichkeit ist es, den geologischen Kreislauf zu beschleunigen, sodass in kürzerer Zeit mehr Kohlenstoff langfristig gebunden wird, etwa im Boden. So tüfteln Forschende etwa an Zement, der schneller karbonisiert und auch bei der Herstellung weniger CO2 emittiert.

Jenseits von Net Zero
Es ist zu erwarten, dass 90 Prozent des zukünftigen Städtewachstums in den Städten von Afrika und Asien passieren wird. Dabei wird schätzungsweise 30-40 Prozent des Bauens in informellen Siedlungen stattfinden. In solchen Siedlungen mangelt es an sauberem Wasser, Zugang zu Infrastruktur, Abwasser- und Gesundheitseinrichtungen sowie sicheren Konstruktionen. Das verdeutlicht, dass Nachhaltigkeit nicht nur CO2-Emissionen betrifft, sondern zu gleichen Teilen auf den drei Säulen von Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft ruht. (Siehe Fachwissen zum Thema). 2016 haben die Vereinten Nationen 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, die sogenannten Sustainable Development Goals, veröffentlicht.1 Sie zeigen, dass auf mehreren Ebenen gleichzeitig gedacht werden muss: So sollte ein nachhaltiges Gebäude in einer informellen Siedlung nicht nur CO2-neutral sein, sondern den Bewohnenden auch ermöglichen, damit Geld zu verdienen oder den Zugang zu Bildung, Wasser oder Gesundheitseinrichtungen zu verbessern. Diese Herangehensweise wird als regenerativer Ansatz bezeichnet und schickt sich an, den Begriff Nachhaltigkeit langfristig abzulösen. Der regenerative Ansatz strebt neben Net Zero einen positiven Einfluss in mehreren Belangen an.

Vorsicht vor Greenwashing
Im Bereich des Nachhaltigen Bauens ist es wichtig, die verwendeten Daten und Aussagen genau zu prüfen. Greenwashing – das Propagieren eines umweltfreundlichen Images ohne ausreichende Grundlage – ist auch in der Bauindustrie verbreitet. Es lohnt sich daher, zwei Mal hinzuschauen und die Aussagen kritisch zu hinterfragen, da bereits kleine Veränderungen der gesetzten Grenzen eines bewerteten Systems zu großen Unterschieden in den Resultaten führen können. –sh

1 Der Inhalt dieser Veröffentlichung wurde nicht von den Vereinten Nationen genehmigt und spiegelt nicht die Ansichten der Vereinten Nationen, ihrer offiziellen Vertreter oder Mitgliedstaaten wider. Für weitere Informationen siehe Surftipps.

Fachwissen zum Thema

Zur sozio-kulturellen Bewertung gehören ästhetische und gestalterische Faktoren, aber auch Behaglichkeit und Gesundheitsschutz (im Bild: Modernisierung eines Wohnquartiers aus den 1930er Jahren in Hamburg-Wilhelmsburg, Architektur: kfs - krause feyerabend sippel partnerschaft, Lübeck).

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Einführung

Faktoren/Kategorien des nachhaltigen Bauens

Wie belastend für die Umwelt sind die Baumaterialien, die Errichtung und der Betrieb eines Gebäudes? Welche Kosten sind damit verbunden und wie behaglich lässt sich dort wohnen oder arbeiten?

Das Gebäudeenergiegesetz fasst die bisherigen drei Gesetzestexte in einem modernen Gesetz zusammen.

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Regelwerke

Gebäudeenergiegesetz GEG

Für mehr Transparenz und Vergleichbarkeit fasst das neue GEG bisherige Verordnungen in einem modernen Gesetz zusammen.

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Was bedeutet nachhaltiges Bauen?

Schätzungsweise 30-40 Prozent des zukünftigen Bauens wird in informellen Siedlungen stattfinden.

Schätzungsweise 30-40 Prozent des zukünftigen Bauens wird in informellen Siedlungen stattfinden.

Bauen ist Teil der globalen Nachhaltigkeitsziele. Ob ein Bau nachhaltig ist, hängt unter anderem davon ab, ob er sich im Globalen Norden oder im Globalen Süden des Planeten befindet.

Faktoren/Kategorien des nachhaltigen Bauens

Zur sozio-kulturellen Bewertung gehören ästhetische und gestalterische Faktoren, aber auch Behaglichkeit und Gesundheitsschutz (im Bild: Modernisierung eines Wohnquartiers aus den 1930er Jahren in Hamburg-Wilhelmsburg, Architektur: kfs - krause feyerabend sippel partnerschaft, Lübeck).

Zur sozio-kulturellen Bewertung gehören ästhetische und gestalterische Faktoren, aber auch Behaglichkeit und Gesundheitsschutz (im Bild: Modernisierung eines Wohnquartiers aus den 1930er Jahren in Hamburg-Wilhelmsburg, Architektur: kfs - krause feyerabend sippel partnerschaft, Lübeck).

Wie belastend für die Umwelt sind die Baumaterialien, die Errichtung und der Betrieb eines Gebäudes? Welche Kosten sind damit verbunden und wie behaglich lässt sich dort wohnen oder arbeiten?

Energieverbrauch und Baustandards

Das Hochhaus Bolueta im spanischen Bilbao entspricht dem Passivhaus-Standard.

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Ziel der verschiedenen Kategorien von Gebäuden ist die Minimierung des Energieverbrauchs und eine nach Möglichkeit (mindestens) den Bedarf deckende Erzeugung von Wärme und Strom.

Nachhaltigkeit im Gebäudebestand

Durch innerstädtische Verdichtung und Aufstockung werden vorhandene Strukturen genutzt und Freiflächen geschont (Abb.: Paragon-Apartments in Berlin-Prenzlauer Berg)

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Bauen im 21. Jahrhundert

Blick gen Süden am Bahnhof Ørestad auf das jüngste Stadtviertel Kopenhagens

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Vor dem Hintergrund der globalen Erwärmung erlangen die Fragen einer ressourcenschonenden Energieerzeugung, einer effizienten...

Ursprung des Begriffs Nachhaltigkeit

Übernutzter Wald 1925

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Der Begriff Nachhaltigkeit stammt aus der Forstwirtschaft und wurde im frühen 18. Jahrhundert vor dem Hintergrund einer...

Energiekennzahl

Das Verhältnis Gebäudehülle zu Gebäudefläche hat einen großen Einfluss auf die Energiekennzahl.

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Der jährliche Heizwärmebedarf eines Gebäudes pro Quadratmeter Wohnfläche ist ein wichtiger Vergleichswert.

Energiebilanz

Energiebilanz

Für die Energiebilanz eines Gebäudes ist nicht allein die Nutzungszeit relevant, sondern auch die Graue Energie, Transport und Verkehr sind zu bedenken.

Klimadaten

Die Klimadaten setzen sich zusammen aus der Globalstrahlung, Temperatur, Luftfeuchte und Wind.

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Weltweit werden vier Klimazonen unterschieden: feucht-warm (sutropisch), trocken-heiß (tropisch), gemäßigt und kalt. Um spezifisch...

Vorteile moderner Nullenergieprojekte

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