Wohnhaus in der Rue des Quatre Cheminées in Boulogne-Billancourt
Selbsttragende Fassade aus vorgefertigtem Stampflehm
Der Einsatz von umweltschonenden, natürlichen Materialien, eine sozialgerechte Architektur und neue Ansätze im urbanen Geschosswohnungsbau – diese drei Prämissen galt es für ein Projekt auf kleinem Grundstück in der Stadt Boulogne-Billancourt südwestlich von Paris zu berücksichtigen. Den 2021 ausgelobten Wettbewerb gewann das noch junge Büro Déchelette Architecture aus Paris und wurde folglich von der Seine Ouest Habitat et Patrimoine (SOHP) beauftragt, die zuvor aus mehreren kommunalen Sozialwohnungsgesellschaften hervorgegangen war.
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Insgesamt umfasst der urbane Lückenfüller in der Rue des Quatre Cheminées 17 rund 400 Quadratmeter Bruttogrundfläche. Das Team rund um die Geschwister Emmanuelle und Philibert Déchelette schuf hier einen Holzbau oberhalb eines steinernen Sockels, der straßenseitig eine selbsttragende Fassade aus vorgefertigten Lehmblöcken aufweist. Die vier Obergeschosse beherbergen acht durchgesteckte Sozialwohnungen, die mit einer gemeinsam nutzbaren, begrünten Dachterrasse abschließen. Das massiv gebaute Erdgeschoss teilen sich eine Gewerbefläche und der Zugang zu den Wohnebenen.
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Lehm, Holz und Stein als natürliche Baukomponenten
Im Erdgeschoss bekleiden helle Natursteinquader die Schnittstelle zur Straße. Der Erschließungsturm bildet den massiven Kern des Gebäudevolumens, wobei der Einsatz von Stahlbeton möglichst geringgehalten werden sollte. Hofseitig ist eine Holzfassade zu sehen, straßenseitig stapeln sich hingegen vorgefertigte Stampflehmblöcke. Laut Architektinnen handelt es sich um die erste Fassade dieser Art im französischen Sozialwohnungsbau.
Für die Realisierung ihres Entwurfs fanden die Planenden den passenden Partner im Unternehmen Terrio, das ebenfalls noch jung auf dem Markt ist und sich auf vorgefertigte Stampflehmelemente und Lehmblöcke spezialisiert hat. Um den innovativen Ansatz und die wegweisenden Konstruktionsmethoden zu unterstützen, übertrug die Stadt Boulogne-Billancourt das Grundstück der SOHP für den symbolischen Wert von einem Euro. Die Baukosten betrugen insgesamt 2,1 Millionen Euro, wovon knapp ein Drittel die Stadt beisteuerte.
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50 Zentimeter dicke Lehmwände an der Straßenfassade
Die Konstruktion der vier Obergeschosse ist bis auf den Kern gänzlich in Holz realisiert. Zum Hof schließen die jeweils zwei gespiegelten Einheiten pro Ebene mit einem Balkon und einer dunklen Holzfassade ab. Dorthin, nach Südost, sind auch die Schlafräume ausgerichtet, während sich die Wohnräume mit Küchen zur westlich gelegenen Straße öffnen. Öffnen lässt sich durchaus wörtlich verstehen, denn tatsächlich maximieren einseitig abgeschrägte Laibungen in den 50 Zentimeter starken Lehmwänden den Lichteinfall in die Wohnungen. Über 12 Meter Höhe und 10 Meter Breite erstreckt sich die selbsttragende Fassade aus vorgefertigtem Stampflehm.
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Erhebliche Bauzeitverkürzung durch Vorfertigung
Die Erde für die Lehmblöcke stammt wie das Unternehmen Terrio selbst aus der Nähe von Lyon. Die durch Schalung in Form gebrachten, stark verdichteten Lehmschichten müssen in der Regel über lange Zeit trocknen. Durch die Vorfertigung sind die Blöcke jedoch bereits vorgetrocknet, was einen weit schnelleren Bauablauf zulässt. So konnten sie nach der Auslieferung in nur wenigen Tagen durch das zuvor geschulte Generalunternehmen STM-LBTP aufgeschichtet werden.
Neben den bauphysikalischen Vorteilen durch feuchtigkeitsregulierende und raumakustische Eigenschaften ist der Baustoff – wenn keine fossilen Additive beigemischt sind – rückstandslos recyclingfähig oder seiner ursprünglichen Form zuführbar. Die Architekt*innen geben einen Fußabdruck von 23 kg CO2 im Fall des Stampflehms gegenüber 250 kg CO2 im Äquivalent für die gleiche Masse Beton an. Insgesamt sind in der 80 Quadratmeter großen Elementfassade 40 Kubikmeter Erde verbaut. Der Holzrohbau ist des Weiteren mit Dämmplatten aus Holzwolle zur Schall- und Wärmeisolierung beplankt. -sab
Bautafel
Architektur: Déchelette Architecture, Paris
Projektbeteiligte: Axoé (Technische Planung – BET); David Billard, Arpège Ingénierie (Terminplanung, Steuerung und Koordination – OPC); STM-LBTP (Rohbau); Terrio (Vorfertigung Stampflehmelemente)
Bauherr*in: Seine Ouest Habitat et Patrimoine – SOHP
Standort: 17 Rue des 4 Cheminées, 92100 Boulogne-Billancourt, Frankreich
Fertigstellung: 2024
Bildnachweis: Salem Mostefaoui, François Baudry (Fotos); Déchelette Architecture (Pläne)
