Erweiterung der Handelskammer in Amiens

Großes Bauvolumen unter dichtem Bewuchs

Seit den 1970er-Jahren hat die Industrie- und Handelskammer der französischen Region Picardie ihren Sitz in der Stadt Amiens. Hier residiert sie im Hôtel Bouctot-Vagniez, einem prächtigen Wohnhaus, das der Architekt Louis Duthoit 1911 für ein wohlhabendes junges Paar errichtete. Die Bauherren André Bouctot und Marie-Louise Vagniez ließen dem Planer bei der Gestaltung weitgehend freie Hand. Eine ihrer wenigen Bedingungen war es, jeden Raum mit einem anderen floralen Motiv auszuschmücken. Heute gilt das Gebäude mit seinen neogotischen Fassaden, der aufwendigen Innendekoration und dem malerischen Garten als einer der schönsten Bauten der Art noveau in Frankreich und wurde deshalb unter Denkmalschutz gestellt.

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Sechsgeschossiger Erweiterungsbau von Chartier-Corbasson

Der Handelskammer genügte jedoch irgendwann der Platz nicht mehr; den repräsentativen Sitz in der Rue des Otages wollte sie indes nicht aufgeben. Schließlich bot sich die Gelegenheit, ein Grundstück in der Promenade Mail Albert 1er zu erwerben, das rechtwinklig an den Garten des Hôtel Bouctot-Vagniez grenzt und sich damit für einen Erweiterungsbau anbot. Nach dem Freimachen der Parzelle ließ sich die Kammer von dem Pariser Architekturbüro Chartier-Corbasson einen Neubau planen, der auf einer Fläche von 1.800 Quadratmetern Büros, Sitzungssäle und ein Auditorium für 189 Personen beherbergt. Obwohl der große Saal unter die Erde versenkt wurde, wo sich auch der Zugang vom Altbau befindet, blieb immer noch ein stattliches Volumen, das mit dem Bestand und seinem Kontext in Einklang zu bringen war.

Die Architekten reagierten darauf mit einer differenzierten Ausformung des sechsgeschossigen Baukörpers. Zur südlichen Promenade zeigt er sich in voller Höhe, auch wenn ein rot und braun gefärbtes Sonnenschutzgitter die einzelnen Etagen der dahinter liegenden Glasfassade überspielt. Außermittig ist die Fassade durch eine breite Fuge zweigeteilt, die den Eingang und Nebenräume aufnimmt. Der östliche Gebäudetrakt gleicht einer vertikalen Scheibe und stellt den Anschluss an den Nachbargiebel her; der linke Trakt erhebt sich auf winkelförmigem Grundriss. Von dem ist straßenseitig allerdings nur die schmalere Stirnseite sichtbar, der Rest schließt direkt an die benachbarten Gebäude an. Gänzlich anders tritt der Erweiterungsbau der Handelskammer auf der Gartenseite zum denkmalgeschützten Bestand im Norden in Erscheinung. Polygonal geformt, senkt er sich von sechs Geschossen bis zu den niedrigen Hinterhäusern hinab. Die Anzahl der Geschosse ist gut kaschiert: Im Gegensatz zu den Blumendekorationen im Inneren des Altbaus gestalteten Chartier und Corbasson die Außenhaut des Erweiterungsgebäudes mit echter Flora.

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Fassade als begrünter Hügel

Die organisch geformte Gartenseite ist wie ein begrünter Hügel komplett bewachsen. Großformatige Fensteröffnungen verschiedener Proportion und Ausrichtung stechen mit tiefen Laibungen aus dem grünen Dickicht hervor, um sich in den obersten Ebenen als Stirnverglasung metallisch brauner Kuben freizuschälen. Die starke Gliederung des Baukörpers und der Pflanzenbewuchs verbergen geschickt die wahre Gebäudemasse. Durch das Weglassen einer geschossbezogenen Gebäudefront vermieden die Architekten jede Konkurrenz zur Jugendstil-Fassade des historischen Wohnhauses gegenüber. Vielmehr entsteht der Eindruck, der Garten klappt in die Vertikale, wodurch der fast den gesamten Block einnehmende Grünraum eine attraktive Erweiterung erfährt.

Für die grüne Hülle der Gartenseite wurde ein vielfach geknicktes Stahltragwerk vor den Betonbau gehängt. Auf trogförmigen Blechen lagert eine PU-Dämmung, mit einer mehrschichtigen Abdichtung als wasserführende Schicht. In einem Abstand darüber befindet sich eine weitere Tragkonstruktion aus Stahl, an der die einzelnen Pflanzkörbe fixiert sind. -pn

Bautafel

Architekten: Chartier-Corbasson, Paris
Projektbeteiligte: Betom, Versailles (Tragwerksplanung); Cap Terre, Viroflay (Gebäudetechnik); Robert Jan van Santen, Lille (Berater Fassadenbegrünung), JP Lamoureux, Paris (Akustik); Ducks, Villeurbanne (Szenografie)
Bauherr: Chambre de Commerce et d'Industrie (CCI) de Région Picardie, 36 rue des Otages, Amiens
Fertigstellung: 2012
Standort:  87 Mail Albert 1er, F-80000 Amiens, Frankreich
Bildnachweis: Romain Meffre & Yves Marchand Photography für CCI Picardie

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