Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin

Sichtbetontreppen für fließende Übergänge

Kontrovers ist sie, die Geschichte des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin und der gleichnamigen Bundesstiftung. Das in den späten 1920er-Jahren errichtete Gebäude beherbergte einst neben Büros und Tanzlokalen auch das Reichsarbeitsministerium und ist daher eng verknüpft mit den Gräueltaten des Nationalsozialismus. Begleitet von Debatten über die Stiftungsdirektion, die Trägerschaft und die Ausstellungsinhalte wurde das Gebäude von 2013 bis 2021 von Marte.Marte Architekten saniert und erweitert. Auf rund 3.000 Quadratmetern bietet es jetzt unter anderem Raum zum Ausstellen, Archivieren und Gedenken.

Gallerie

Geschichtsträchtige Stadtlandschaft

Wer sich auf den Stufen vor dem zu Stein gewordenen Zirkuszelt des Tempodroms niederlässt, blickt auf ein eigenartiges Stück Stadt: Ein Sportplatz breitet sich wie ein Teppich aus, dahinter schieben sich die Portalruine des Anhalter Bahnhofs und die mit Wolkenbildern verzierten Betonbrüstungen des Excelsiorhauses ineinander. Auf der Straßenseite gegenüber fällt ein weiß verputzter Bau mit Werksteinpfeilern und profilierten Ecken aus rotem Porphyr ins Auge: das Deutschlandhaus.

Einst bildete der fünfgeschossige Flachbau den südöstlichen Flügel des von 1925 bis 1935 errichteten Europahauses. Diesen Namen trägt heute nur noch der benachbarte Elfgeschosser mit den rot durchbrochenen Fensterbändern. Damals muss besonders nachts der Anblick spektakulär gewesen sein, wenn die bunten Neonröhren der großformatigen Reklameschriften das Bahnhofsumfeld erleuchteten. Neben mehreren Industrieunternehmen befanden sich hier Tanz- und Bierlokale, Cafés sowie Varieté- und Lichtspieltheater. Gleichzeitig organisierten in den Büroräumen das Reichsarbeitsministerium und der Reichskommissar für die Festigung Deutschen Volkstums Zwangsarbeit, Umsiedlung und Tod vieler Millionen Menschen. Vom gegenüberliegenden Anhalter Bahnhof führte die SS Deportationen nach Theresienstadt durch.

Im zweiten Weltkrieg wurde das Europahaus stark beschädigt. Die Wiederherstellung des Eckgebäudes erfolgte erst in den Jahren 1959 bis 1960, allerdings leicht verändert. Ab 1961 war es unter dem Namen „Haus der Ostdeutschen Heimat” Sitz der aus Bundesmitteln kofinanzierten Vertriebenenverbände. Seit 1974 heißt es Deutschlandhaus. Damals befanden sich der Mauerstreifen und der Checkpoint Charlie quasi in Sichtweite. Angesichts des historischen Kontexts des Gebäudes entfachte der Bund der Vertriebenen heftige, bis heute anhaltende Diskussionen im In- und Ausland, als er im Jahr 1999 ankündigte, einen Gedenkort zur Erinnerung an Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten des ehemaligen Deutschen Reichs zu planen.

Umbau und Erweiterung

Der denkmalgeschützte, L-förmige Bestand wurde nach Entwürfen von Marte.Marte so erweitert, dass das Gesamtgebäude wieder seine ursprüngliche, nahezu quadratische Grundfläche erhielt. In der neuen Erweiterung schichten sich Räume für Sonderausstellungen und Veranstaltungen, zwei durch eine Wendeltreppe miteinander verbundene Ebenen für die Dauerausstellung sowie ein Geschoss für Archiv und Haustechnik übereinander. Im Erdgeschoss des bestehenden Altbaus befinden sich unter anderem ein Café und der ebenfalls zur Stiftung gehörende Andachtsraum, darüber die Bibliothek und die Büroräume. 

Wer die Ausstellung besucht, betritt zunächst das Bestandsgebäude durch die historische Front an der Stresemannstraße. Dahinter liegt das großzügige Foyer, in den ein monumentaler Aufzugturm eingestellt ist. Der hohe Raum wird von den weiß verputzten Innenfassaden des Bestands sowie den nackten, massiven Betonwänden des sockelartig anmutenden Sonderausstellungsbereichs geformt. Geradezu blicken die Museumsgäste auf das Profil einer mächtigen Freitreppe, um die sie einen leichten Bogen gehen müssen, um den Antritt zu erreichen. Über mehrere Meter breite Stufen wird das Dach des Sonderausstellungsbereichs bestiegen, wo ein stützenfreier Raum von rund 900 Quadratmetern den ersten Teil der Dauerausstellung aufnimmt. Hier taucht eine Wendeltreppe aus Beton auf, die vor den transluzenten Vorhängen des Panoramafensters fast einsam wirkt und durch eine dunkle, kreisrunde Öffnung in der Decke verschwindet. Den Stufen folgend, geht es hinauf in einen zylindrischen Raum, von dem aus der zweite Teil der Dauerausstellung im zweiten Obergeschoss erschlossen wird.

Betonwendeltreppe

Die gleichmäßig gerundete Kreisbogentreppe durchbricht die 140 cm starke Technikdecke exakt zwischen den gekrümmten Betonwänden der Rotunde im zweiten Obergeschoss. Frei von Wangen oder Mittelholm erscheint die Treppe als bestünde sie aus aneinandergefügten einzelnen die massiven Stufen. Tatsächlich ist sie in der Betonspanndecke über dem ersten Obergeschoss verankert und liegt auf der Decke des Sockelgeschosses auf. 

Die Ausführung in Ortbeton erforderte eine besonders sorgfältige Schalung sowie – um eine gleichmäßige Farbigkeit der Flächen zu schaffen – eine anschließende Retusche. Diese Aufgabe übernahm das Büro SB5ÜNF nicht nur für die Wendeltreppe, sondern auch für die Rotunde, die Treppenhäuser sowie die knapp 1.000 m² große Betondecke, die den Raum an manchen Stellen auf einer Länge von 25 m überspannt. Die glatten Oberflächen und die Lage der Wendeltreppe unter der Rotunde sind für eine sichere Benutzung durchaus problematisch. Seitlich einfallende Beleuchtung führt dazu, dass die schmalen Steher des Geländers starke Schlagschatten auf die Stufen werfen. Sie kreuzen sich mit den schwarzen, rutschhemmenden taktilen Kunststoffstreifen an den Stufenkanten und erzeugen so diffuse Konturen. -ml

Bautafel

Architektur: Marte.Marte Architekten, Feldkrich
Projektbeteiligte: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Berlin (Projektmanagement); RW+ Architekten, Berlin (Architektur Leistungsphase 6-9); KuB Fassadentechnik, Schwarzach (Fassadenplanung); Königs Architekten, Köln (Raum der Stille); Raumkonzepte + Interior Design | Zauleck, Berlin mit art vos (Innenausstattung & Bibliothek); Arge Annabau / Lewandowsky, Berlin (Freianlagen/Kunst am Bau); Kemmermann Projektmanagement (Projektsteuerung), Berlin; ZWP, Berlin (Fachbauleitung Technische Gebäudeausrüstung), SB5ÜNF (Betonsanierung und -retusche)
Bauherr/in: Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Bonn, vertreten durch das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), Berlin
Fertigstellung: 2021
Standort: Stresemannstraße 90, 10963 Berlin
Bildnachweis: Marte.Marte Architekten / Jörg Stadler, Feldkirch; Roland Horn, Berlin; SB5ÜNF, Berlin

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