Gartenlabyrinthe waren zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert eine
luxuriöse Mode, die in höfischen Parks und Gärten geradezu
zelebriert wurde. Für ihre Anlage und Pflege brauchte es Fachleute:
Personen, die mit Geometrie und Vermessung vertraut waren,
Gärtner für den Schnitt der Sträucher oder Bäume, das Harken der
Wege und das Entfernen von Unkraut und Laub, Architekten und
Handwerker für die Errichtung von Pavillons und anderer
Schmuckbauten am Zielpunkt des Labyrinths. Hinzu kam Personal
für Musik und Gastronomie, um perfekte Gartenfeste auszurichten.
Doch viele Gartenlabyrinthe überlebten politische und
gesellschaftliche Umbrüche nicht.
Entwurf eines virtuellen unendlichen Labyrinths, 2026
Bild: Hamdan Abo Assaf mit KI-Tools
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Verbreitung von Labyrinthen
Entwürfe von Labyrinthen, meist einfach zu vervielfältigende
Drucke von Kupferstichen und Holzschnitten, kursierten in ganz
Europa. Sie verbreiteten Muster und Vorbilder, die kopiert oder
individuell an die örtlichen Gegebenheiten angepasst wurden. Das
Spektrum reichte von architektonischen Anleitungen, wie Filaretes
Trattato di architettura (um 1464) oder Sebastiano Serlios
I sette libri dell'architettura (1537) bis zu Ratgebern für
geometrisch anzulegende Hecken aus Buchsbaum, Eibe oder Hainbuchen
mit Pavillons oder Brunnen im Zentrum.
Entwurf eines virtuellen unendlichen Labyrinths, 2026
Bild: Hamdan Abo Assaf mit KI-Tools
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Le Bosquet du Labyrinthe, Versailles
Der Grundriss des Gartenlabyrinths Le Bosquet du
Labyrinthe (Labyrinth-Wäldchen) im Park von Versailles,
graviert, gedruckt und vervielfältigt von Sébastian Le Clerc
(1677), dem Kupferstecher des Königs, variiert das Prinzip, indem
in einem dichten Baumbestand an jedem Richtungswechsel und jeder
Weggabelung eine von 39 Fontänen stand. Das Labyrinth
wurde bis etwa 1681 nach Anweisungen des königlichen
Gartenarchitekten André Le Nôtre gepflanzt und mit den Brunnen
hydrotechnisch vervollständigt. Als Wasserspeier dienten
allegorische Tierfiguren aus den Aesop-Fabeln des
zeitgenössischen Schriftstellers Jean de La Fontaine.
Zusätzlich trug jeder Springbrunnen eine Bronzetafel mit Zitaten
aus den jeweiligen Fabeln.
Entwurf eines virtuellen unendlichen Labyrinths, 2026
Bild: Hamdan Abo Assaf mit KI-Tools
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Die etwa 2,6 Hektar große Gartenanlage war weniger ein Labyrinth
als ein höfisches Erziehungs- und Gesellschaftsspiel. Eine
Spielanleitung forderte die Besucher auf, an allen Springbrunnen
die Fabeln zu lesen, jeden jedoch nur einmal aufzusuchen.
Heute würde man die Anlage als interdisziplinäres Werk bezeichnen,
denn sie verband Gartenbau und Botanik, Geometrie und Geodäsie,
Literatur und Grafik, bildende Kunst und
baukonstruktiv-hydraulische Technik.
Knapp 100 Jahre später war das Labyrinth allerdings so
verwildert, dass es durch ein Arboretum ersetzt wurde. Die Brunnen mit den
Tierfiguren gingen verloren und wurden vermutlich eingeschmolzen.
Exemplare der Stiche von Le Clerk erzielen gegenwärtig hohe Preise
auf dem Kunstmarkt.
Entwurf eines virtuellen unendlichen Labyrinths, 2026
Bild: Hamdan Abo Assaf mit KI-Tools
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Hampton Court Maze
1690, also etwa zeitgleich zum Labyrinth in Versailles, ließ
König William III. in der „wilderness“ seines Hampton Court
Palasts ein Heckenlabyrinth anlegen. Statt eine kreisförmigen oder
quadratischen Grundrisses schufen
die Gartenarchitekten George London und Henry
Wise ein trapezförmiges Labyrinth mit einer Fläche von 1.350
Quadratmetern. Das Hampton Court Maze ist
eigentlich ein Hecken-Irrgarten, der dem königlichen Paar und der
Hofgesellschaft spielerisch-lustvolle Unterhaltung durch Verirren,
Verstecken und Suchen bot. Heute ersetzen knapp 5,50 m hohe
Eiben die ursprünglich gepflanzten Hainbuchen und einzelnen
Ulmen.
Entwurf eines virtuellen unendlichen Labyrinths, 2026
Bild: Hamdan Abo Assaf mit KI-Tools
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1838 öffnete Queen Victoria den Garten samt Labyrinth
für die Öffentlichkeit. Er entwickelte sich daraufhin zu einem bis
heute beliebten Ausflugsziel, zumal Richmond Upon Thames als Teil
von Greater London verkehrstechnisch gut erschlossen ist. Das
Hampton Court Maze gilt als das älteste erhaltene Heckenlabyrinth
Großbritanniens. Mehrere Gärtner*innen kümmern sich um den
Formschnitt und die Pflege.
Entwurf eines virtuellen unendlichen Labyrinths, 2026
Bild: Hamdan Abo Assaf mit KI-Tools
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Schlosspark Schönbrunn
Ab etwa 1700 ließ der österreichische Kaiser Karl VI., später
Kaiserin Maria Theresia, im Park von Schloss Schönbrunn innerhalb
eines barocken Gefüges aus Alleen und Sichtachsen ein
Heckenlabyrinth anlegen. Es bestand aus vier Teilen, die als langer
Wandelgang zu einem Pavillon in der Mitte führten. Um 1892 wurde es
aufgegeben und überformt, aber ab 1999 in Teilen
rekonstruiert und um den experimentellen Spielplatz
Labyrinthikon ergänzt. Heute bilden knapp 1.000 neu
gepflanzte Eiben mit einer Höhe von 1,90 Meter eine 630 Meter lange
Hecke; die Wege aus weißem Kies zwischen den Hecken sind 1,70 Meter
breit. Schloss und Park gehören als Ensemble zum UNESCO-Welterbe
und sind öffentlich zugänglich.
Entwurf eines virtuellen unendlichen Labyrinths, 2026
Bild: Hamdan Abo Assaf mit KI-Tools
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Kloster und Schloss Salem
Das Zisterzienserkloster Salem wurde in Phasen zwischen dem 13.
und dem 18. Jahrhundert gebaut, 1802 zum Schloss der Markgrafen von
Baden und 1920 in ein Schulinternat umgewandelt. Die Mönche
beschäftigten sich mit Obst-, Wein- und Getreideanbau, mit
Forstwirtschaft und Fischzucht. Der im Laufe der Zeit mehrfach
umgestaltete Park, der das Ensemble aus Kloster, Kirche, Schloss
und Wirtschaftsgebäude umgab, enthielt verschiedene Nutz- und
Ziergärten. In den 1990er-Jahren rekonstruierte man nach
barocken Vorbildern zwei Heckenlabyrinthe und zwei
spiegelsymmetrische Blumenparterre auf einer nahezu quadratischen
Grundfläche. Buchsbaumhecken formen nun ein geometrisches Labyrinth
und einen rocaillenartig organischen Irrgarten. Brunnen
und Gitterpavillons markieren die Mittelpunkte der beiden
Quadranten. Garten und Labyrinthe können besichtigt werden.
Entwurf eines virtuellen unendlichen Labyrinths, 2026
Bild: Hamdan Abo Assaf mit KI-Tools
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Labyrinthe in Filmen und Spielen
Labyrinthe spielen in vielen Filmen eine
zentrale, für die Spannung wichtige Rolle, etwa in
Shining (1980), Inception (2010) und Maze
Runner (2014). In Harry Potter und der Feuerkelch (2005)
findet der Showdown in einem Heckenlabyrinth statt – das allerdings
eine Studiokulisse ist.
Virtuelle dreidimensionale, mutierende, sich drehende und
auffaltende Labyrinthe finden sich auch in unzähligen Video- und
Computerspielen. Unabhängig von den jeweiligen Animationseffekten
folgt die Handlung meist dem Mythos des Minotaurus: Die
aktivierte Figur – der Spieler oder die Spielerin – muss etwas in
einem Labyrinth finden, vernichten oder retten, oft mithilfe von
speziellen Eigenschaften und Gegenständen. Doch schon William
Shakespeare warnte in König Heinrich VI, Erster Teil:
„Thou mayst not wander in that labyrinth; There Minotaurs and
ugly treasons lurk.“
Autorin: Prof. Dr.-Ing. Susanne Junker,
Berlin
Fachwissen zum Thema
Ein Arboretum ist eine Art begehbares und sinnlich erfahrbares Lexikon der Bäume und Sträucher.
Bild: Spring Grove Cemetery and Arboretum in Cincinnati, Ohio/USA, Fotografie von Carol M. Highsmith, Library of Congress Washington, Carol M. Highsmith Archive, Repro-No. LC-DIG-highsm-41768, Public Domain
Vegetation
Arboretum
Sammlung von lebenden Bäumen und Sträuchern für botanische respektive gartenbauwissenschaftliche Beobachtungen und Untersuchungen.
Der chinesische Endlosknoten Pán Cháng Jié existiert seit Jahrhunderten
Bild: Susanne Junker, Berlin
Parks und Gärten
Labyrinth Teil 1: Ursprünge, Interpretation, Beispiele
Verschlungene Wege, Spiralen und Knotenformen – von keltischen Rasenlabyrinthen bis zum Mythos vom Labyrinth des Minotaurus.
Bauwerke zum Thema
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Bild: Fernando Alda
Sonderbauten
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Ausgewählte Beispiele für Garten- und Heckenlabyrinthe: Versailles, Hampton Court, Schönbrunn, Salem sowie Labyrinthe in Filmen und Videospielen.
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Bild: Susanne Junker, Berlin
Geschichte und Entwicklung als Lehr- und Lerngarten
Chelsea Physic Garden, London – Teil 2
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Bild: Susanne Junker, Berlin
Viktorianische Gewächshäuser und ihre Restaurierung.
Ha-ha
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Bild: The National Trust Images/John Millar
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Oase
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Bild: Yvonne Kavermann, Berlin
Fruchtbare Wasserstelle in der Wüste, die geologisch wie ökologisch aus der Versorgung mit Süßwasser resultiert und seit Jahrtausenden als wichtiger Knotenpunkt dient.
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Bild: Susanne Junker, Berlin
Entstehung, soziokulturelle Bedeutung und endemische Pflanzen des innerstädtischen Parks, der zur Entwicklung der australischen Metropole beigetragen hat.
Schulgarten
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Bild: Susanne Junker, Berlin
Vom „Paradiesgärtlein“ des 17. Jahrhunderts bis zu Urban Gardening: Schulgärten sind seit der Antike Orte des Lernens und verbinden Natur, Wissenschaft und Kreativität für Artenvielfalt und Klimaschutz.
Shakkei
Der japanische Begriff Shakkei bedeutet „geliehener Blick“ oder „geborgte Szenerie“ und beschreibt ein Prinzip der Gartengestaltung, das die Umgebung miteinbezieht.
Bild: Wu Tao (1840-1895), Gartenszene (1867), Tusche u. Farbe auf Papier, China, Quing Dynastie / The Metropolitan Museum of Art NYC, Objekt-Nr. 2017.724, Public Domain
Japanisches Prinzip der Gartengestaltung, das die Umgebung miteinbezieht und ein harmonisches Ganzes zum Ziel hat
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