Labyrinth Teil 2: Entwürfe und Vorbilder

Garten- und Heckenlabyrinthe, Filme und Spiele

Gartenlabyrinthe waren zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert eine luxuriöse Mode, die in höfischen Parks und Gärten geradezu zelebriert wurde. Für ihre Anlage und Pflege brauchte es Fachleute: Personen, die mit Geometrie und Vermessung vertraut waren, Gärtner für den Schnitt der Sträucher oder Bäume, das Harken der Wege und das Entfernen von Unkraut und Laub, Architekten und Handwerker für die Errichtung von Pavillons und anderer Schmuckbauten am Zielpunkt des Labyrinths. Hinzu kam Personal für Musik und Gastronomie, um perfekte Gartenfeste auszurichten. Doch viele Gartenlabyrinthe überlebten politische und gesellschaftliche Umbrüche nicht.

Labyrinth-Entwürfe, Sebastiano Serlio, 4. Buch aus I sette libri dell'architettura (1537)
Labyrinth von Schloss Gunterstein in Breukelen, Joseph Mulder etwa 1680-1696, Stich 132 mm x 158 mm
Grundriss Gartenlabyrinth mit Springbrunnen für den Versailler Schlossgarten, Sébastian Leclerc 1677, Stich 153 mm x 95 mm

Verbreitung von Labyrinthen

Entwürfe von Labyrinthen, meist einfach zu vervielfältigende Drucke von Kupferstichen und Holzschnitten, kursierten in ganz Europa. Sie verbreiteten Muster und Vorbilder, die kopiert oder individuell an die örtlichen Gegebenheiten angepasst wurden. Das Spektrum reichte von architektonischen Anleitungen, wie Filaretes Trattato di architettura (um 1464) oder Sebastiano Serlios I sette libri dell'architettura (1537) bis zu Ratgebern für geometrisch anzulegende Hecken aus Buchsbaum, Eibe oder Hainbuchen mit Pavillons oder Brunnen im Zentrum.

Le Bosquet du Labyrinthe, Versailles  

Der Grundriss des Gartenlabyrinths Le Bosquet du Labyrinthe (Labyrinth-Wäldchen) im Park von Versailles, graviert, gedruckt und vervielfältigt von Sébastian Le Clerc (1677), dem Kupferstecher des Königs, variiert das Prinzip, indem in einem dichten Baumbestand an jedem Richtungswechsel und jeder Weggabelung eine von 39 Fontänen stand. Das Labyrinth wurde bis etwa 1681 nach Anweisungen des königlichen Gartenarchitekten André Le Nôtre gepflanzt und mit den Brunnen hydrotechnisch vervollständigt. Als Wasserspeier dienten allegorische Tierfiguren aus den Aesop-Fabeln des zeitgenössischen Schriftstellers Jean de La Fontaine. Zusätzlich trug jeder Springbrunnen eine Bronzetafel mit Zitaten aus den jeweiligen Fabeln.

Die etwa 2,6 Hektar große Gartenanlage war weniger ein Labyrinth als ein höfisches Erziehungs- und Gesellschaftsspiel. Eine Spielanleitung forderte die Besucher auf, an allen Springbrunnen die Fabeln zu lesen, jeden jedoch nur einmal aufzusuchen. Heute würde man die Anlage als interdisziplinäres Werk bezeichnen, denn sie verband Gartenbau und Botanik, Geometrie und Geodäsie, Literatur und Grafik, bildende Kunst und baukonstruktiv-hydraulische Technik.

Knapp 100 Jahre später war das Labyrinth allerdings so verwildert, dass es durch ein Arboretum ersetzt wurde. Die Brunnen mit den Tierfiguren gingen verloren und wurden vermutlich eingeschmolzen. Exemplare der Stiche von Le Clerk erzielen gegenwärtig hohe Preise auf dem Kunstmarkt.

Hampton Court Maze

1690, also etwa zeitgleich zum Labyrinth in Versailles, ließ König William III. in der „wilderness“ seines Hampton Court Palasts ein Heckenlabyrinth anlegen. Statt eine kreisförmigen oder quadratischen Grundrisses schufen die Gartenarchitekten George London und Henry Wise ein trapezförmiges Labyrinth mit einer Fläche von 1.350 Quadratmetern. Das Hampton Court Maze ist eigentlich ein Hecken-Irrgarten, der dem königlichen Paar und der Hofgesellschaft spielerisch-lustvolle Unterhaltung durch Verirren, Verstecken und Suchen bot. Heute ersetzen knapp 5,50 m hohe Eiben die ursprünglich gepflanzten Hainbuchen und einzelnen Ulmen.

1838 öffnete Queen Victoria den Garten samt Labyrinth für die Öffentlichkeit. Er entwickelte sich daraufhin zu einem bis heute beliebten Ausflugsziel, zumal Richmond Upon Thames als Teil von Greater London verkehrstechnisch gut erschlossen ist. Das Hampton Court Maze gilt als das älteste erhaltene Heckenlabyrinth Großbritanniens. Mehrere Gärtner*innen kümmern sich um den Formschnitt und die Pflege.

Schlosspark Schönbrunn  

Ab etwa 1700 ließ der österreichische Kaiser Karl VI., später Kaiserin Maria Theresia, im Park von Schloss Schönbrunn innerhalb eines barocken Gefüges aus Alleen und Sichtachsen ein Heckenlabyrinth anlegen. Es bestand aus vier Teilen, die als langer Wandelgang zu einem Pavillon in der Mitte führten. Um 1892 wurde es aufgegeben und überformt, aber ab 1999 in Teilen rekonstruiert und um den experimentellen Spielplatz Labyrinthikon ergänzt. Heute bilden knapp 1.000 neu gepflanzte Eiben mit einer Höhe von 1,90 Meter eine 630 Meter lange Hecke; die Wege aus weißem Kies zwischen den Hecken sind 1,70 Meter breit. Schloss und Park gehören als Ensemble zum UNESCO-Welterbe und sind öffentlich zugänglich.

Kloster und Schloss Salem  

Das Zisterzienserkloster Salem wurde in Phasen zwischen dem 13. und dem 18. Jahrhundert gebaut, 1802 zum Schloss der Markgrafen von Baden und 1920 in ein Schulinternat umgewandelt. Die Mönche beschäftigten sich mit Obst-, Wein- und Getreideanbau, mit Forstwirtschaft und Fischzucht. Der im Laufe der Zeit mehrfach umgestaltete Park, der das Ensemble aus Kloster, Kirche, Schloss und Wirtschaftsgebäude umgab, enthielt verschiedene Nutz- und Ziergärten. In den 1990er-Jahren rekonstruierte man nach barocken Vorbildern zwei Heckenlabyrinthe und zwei spiegelsymmetrische Blumenparterre auf einer nahezu quadratischen Grundfläche. Buchsbaumhecken formen nun ein geometrisches Labyrinth und einen rocaillenartig organischen Irrgarten. Brunnen und Gitterpavillons markieren die Mittelpunkte der beiden Quadranten. Garten und Labyrinthe können besichtigt werden.

Labyrinthe in Filmen und Spielen

Labyrinthe spielen in vielen Filmen eine zentrale, für die Spannung wichtige Rolle, etwa in Shining (1980), Inception (2010) und Maze Runner (2014). In Harry Potter und der Feuerkelch (2005) findet der Showdown in einem Heckenlabyrinth statt – das allerdings eine Studiokulisse ist.

Virtuelle dreidimensionale, mutierende, sich drehende und auffaltende Labyrinthe finden sich auch in unzähligen Video- und Computerspielen. Unabhängig von den jeweiligen Animationseffekten folgt die Handlung meist dem Mythos des Minotaurus: Die aktivierte Figur – der Spieler oder die Spielerin – muss etwas in einem Labyrinth finden, vernichten oder retten, oft mithilfe von speziellen Eigenschaften und Gegenständen. Doch schon William Shakespeare warnte in König Heinrich VI, Erster Teil: „Thou mayst not wander in that labyrinth; There Minotaurs and ugly treasons lurk.“

Autorin: Prof. Dr.-Ing. Susanne Junker, Berlin

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