Gut Hellersdorf in Berlin-Marzahn

Weiterbauen im denkmalgeschützten Ensemble

In den äußeren Bezirken Berlins stößt man inmitten gründerzeitlicher Blockrandbebauung oder Wohnsiedlungen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf vereinzelte historische landwirtschaftliche Bauten, die wie versehentlich zurückgelassene Relikte wirken. Sie erinnern daran, dass auf dem Gebiet der heutigen Metropole bis vor hundert Jahren Bauern ihr Feld bestellten. Denn bis 1920 setzte sich das Berliner Stadtgebiet aus acht Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken zusammen. Ein solches Relikt ist auch das Gut Hellersdorf im Bezirk Marzahn-Hellersdorf am östlichen Stadtrand. Das einstige Rittergut ist heute von Großsiedlungen in Plattenbauweise und Neubauquartieren umgeben – ein größerer baulicher Kontrast ist kaum vorstellbar.

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Im Zuge einer umfassenden städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme soll das Gutsgelände schrittweise revitalisiert werden. Ziel ist es, ein lebendiges Quartier mit bezahlbarem Wohnraum sowie kulturellen, sozialen und gewerblichen Nutzungen zu etablieren. Den Auftakt zur Transformation des Areals bilden die Gestaltung eines neuen Stadtplatzes sowie ein Neubau mit Werkstatt- und Büronutzung. Weitere Bauabschnitte sind in Planung.

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Neubau in historischem Ensemble

Der Neubau nach Plänen von Therese Strohe Michael Ullrich Architekten vermittelt räumlich zwischen den historischen Wirtschaftsgebäuden und der angrenzenden viergeschossigen Wohnbebauung. Seine Kubatur orientiert sich an den traditionellen Scheunen- und Speicherbauten der Anlage: Ein massiver Mauerwerkssockel bildet die robuste Basis des Gebäudes, ein weit auskragendes Dach überspannt das Obergeschoss in Holzbauweise. Die reduzierte Materialpalette und die einfache Formensprache ermöglichen eine zurückhaltende Einfügung in das denkmalgeschützte Ensemble.

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Tragwerk und Konstruktion

Im Erdgeschoss erlaubt ein Tragwerk aus Stahlbeton mit weit spannenden Verbundträgern und -stützen flexible Grundrisse für gewerbliche Nutzungen. Die Betonbauteile bestehen überwiegend aus Recyclingbeton mit einem Anteil von 25 Volumenprozent rezyklierter Gesteinskörnung – das entspricht der nach DIN maximal zulässigen Menge. Das Obergeschoss wurde dagegen in Holzbauweise mit vorgefertigten Holztafelwänden und Brettsperrholzelementen errichtet. Die Konstruktion folgt den Prinzipien des zirkulären Bauens: Die Bauteile sind möglichst trennbar und demontierbar ausgeführt, die Installationen verlaufen sichtbar in Aufputzmontage. Für sommerliche Behaglichkeit sorgt eine einfache Low-Tech-Strategie aus ventilatorgestützter Nachtauskühlung und Spaltlüftung.

Zweischaliges Sichtmauerwerk

Die Außenwände sind zweischalig ausgeführt. Die tragenden Betonstützen des Erdgeschosses wurden mit Hochlochziegeln ausgefacht und im Dünnbettverfahren vermauert. Die Wandflächen sind raumseitig unverputzt und bilden ein robustes Sichtmauerwerk, das die handwerkliche Materialität des Gebäudes betont. Die hinterlüftete Vormauerschale besteht aus braunbeigen Kohlebrandklinkern im Wilden Verband. Die Spuren des Kohlebrands sind deutlich erkennbar und verleihen dem Neubau eine erdverbundene, beständige Anmutung.

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Auch die Innenwände bestehen überwiegend aus Hochlochziegeln, die ebenfalls im Dünnbettverfahren als Sichtmauerwerk ausgeführt wurden. Die verwendeten Ziegel sowie spezielle Formsteine – darunter Flachstützen und U-Schalen – stammen aus einer Produktion mit Ton aus einer einzigen Grube, wodurch eine einheitliche Farbigkeit gewährleistet wurde. Im Bereich des Treppenhauses kommen mit Beton verfüllte Planfüllziegel zum Einsatz. Diese Bauweise erhöht sowohl den Schallschutz als auch den Brandschutz der vertikalen Erschließung. Der Aufzugsschacht wurde hingegen aus Doppelwandelementen mit Betonfüllung hergestellt und als Sichtbetonoberfläche belassen.

Die massive Ziegelkonstruktion erfüllt neben ihrer raumbildenden Funktion auch bauphysikalische Aufgaben. Die schweren Außenwände tragen wesentlich zur Reduktion der Schallemissionen aus der Werkstattnutzung im Erdgeschoss bei. Gleichzeitig gewährleisten die unverputzten Mauerwerksflächen eine hohe Robustheit und Langlebigkeit. Insgesamt entsteht somit ein dauerhaftes und wartungsarmes System, das sowohl konstruktiv als auch gestalterisch an die Bautradition des Ortes anknüpft.

Bautafel

Architektur: Therese Strohe Michael Ullrich Architekten
Projektteam: Jakob Findeisen, Jingjing Du
Projektbeteiligte: JUCA Landschaft und Architektur, Berlin (Freianlagenplanung); Ingenieurbüro Rüdiger Jockwer, Berlin (Tragwerksplanung); a++, Berlin (Haustechnikplanung); Ingenieurbüro Jesorlowitz, Berlin (Haustechnikplanung); mib märkische ingenieur bau gmbh, Wriezen (Generalunternehmer)
Bauherr*in: Gesobau AG, Berlin
Standort: Bezirk Marzahn-Hellersdorf, 12629 Berlin
Bildnachweis: Till Schuster

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