Manufaktur von Hermès in Louviers
Arkaden als Hommage an das Pferd
Seit 2010 hat das Luxuslabel Hermès zehn neue Lederwarenmanufakturen in Frankreich eröffnet. Das Unternehmen scheint sämtlichen Branchenkrisen zu trotzen. Gründe dafür sind unter anderem eine künstliche Verknappung und die strikte handwerkliche Fertigung in Manufakturen – vorwiegend in Frankreich. Damit ist Hermès seinen Wurzeln bis heute treu geblieben. Begonnen hatte die Geschichte des Unternehmens mit Zaumzeug und Sätteln: Nach einer Sattlerlehre eröffnete der in Krefeld geborene Thierry Hermes (damals noch ohne accent grave) 1837 in Paris ein Geschäft für Pferde- und Kutschengeschirre. Bis heute gehören Reitwaren aus Leder zum Angebot von Hermès. Mehr als 4.700 Sattler*innen und Lederhandwerker*innen beschäftigt das Unternehmen; 260 von ihnen arbeiten in der 2022 neu eröffneten Manufaktur in Louviers.
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Architektur für das Handwerk
Der Standort dient zugleich als unternehmenseigenes Ausbildungszentrum. Dort erlernen angehende Kunsthandwerker*innen die Fertigung von Taschen, Kleinlederwaren, Sätteln und Zaumzeug. Entworfen wurde die 6.200 Quadratmeter große Manufaktur vom Büro der französisch-libanesischen Architektin Lina Ghotmeh. Das eingeschossige Gebäude mit quadratischem Grundriss und kleinen Innenhöfen wurde auf einer ehemaligen Industriebrache errichtet. Konstruktiv handelt es sich um einen Holzbau, dessen äußere und innere Wandverkleidung von rotem Ziegel bedeckt sind. Die traditionsreiche Sattlerei – das älteste Geschäftsfeld des Unternehmens – nimmt innerhalb des Gebäudes eine zentrale Stellung ein.
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Ressourcenschonendes Gesamtkonzept
Große Fensteröffnungen und Oberlichter versorgen die Werkstätten mit einem gleichmäßigen Lichteinfall und guter Durchlüftung. Dies minimiert den Bedarf an künstlicher Beleuchtung, Heizung und Klimatisierung. Eine Geothermieanlage mit 13 Sonden in 150 Metern Tiefe sowie mehr als 2.300 Quadratmeter Photovoltaikmodule decken den verbleibenden Energiebedarf. Aus dem beim Aushub anfallenden Erdmaterial entstanden, nach den Plänen des belgischen Landschaftsarchitekten Erik Dhont, sanft modellierte Gartenlandschaften. Ein Großteil des vorhandenen Baumbestands blieb dabei erhalten. Die naturnahe Gestaltung und Bepflanzung der Außenanlagen stärkt die Biodiversität; ein integriertes Regenwassermanagement sammelt Niederschläge und führt sie kontrolliert dem Grundwasser zu.
Für dieses Konzept erhielt der Neubau als erstes Industriegebäude Frankreichs die höchste Stufe E4C2 des französischen Zertifizierungssystems für umweltgerechtes Bauen E+C-.
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Eine Hommage an das Pferd
Bis auf ein schmales Aluminiumband an der Dachkante ist das Gebäude vollständig in ein Kleid aus rot bis violett changierenden Ziegeln gehüllt. Ein prägnantes Gestaltungsmerkmal des Bauwerks sind die großen Rundbogenarkaden in der Erdgeschosszone. Sie übernehmen die Funktion von Durchgängen rund um die innenliegenden Höfe sowie – in verglaster Form – von Fenstern vor und zwischen den Werkstätten. Im Interview erzählt Architektin Lina Ghotmeh, dass die Bögen eine Hommage an das Pferd seien und dessen Sprungkurve nachzeichnen. Die Manufaktur in Louviers ist die erste auf Reitsport spezialisierte des Unternehmens außerhalb von Paris. Ihre Architektur soll die große Bedeutung der Sattlerei an diesem Standort zum Ausdruck bringen.
Ziegel aus regionaler Fertigung
Die mehr als 500.000 Ziegel stammen aus einer nur rund siebzig Kilometer entfernten Ziegelei und wurden in einem handwerklich geprägten Prozess gefertigt, wie die Fotos der Herstellung zeigen. Die kurze Transportdistanz reduzierte die Emissionen während der Bauphase und stärkte zugleich das regionale Handwerk.
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Durch den Herstellungsprozess variieren die Ziegel stark in ihrer Farbigkeit; einige sind hell ockerfarben, andere fast schwarz-violett. Auch weisen sie Spuren des Brennprozesses auf, was ihnen eine archaisch-rustikale Anmutung verleiht. Sie wurden im Kreuzverband aufgemauert und geben den großen Fassadenflächen Lebendigkeit und Tiefe. Die Bögen werden je nach Spannweite von drei bis vier Grenadierschichten gefasst.
Die Manufaktur in Louviers verbindet die traditionsreiche Handwerkskunst von Hermès mit einer zeitgemäßen, ressourcenschonenden Architektur. Das Gebäude wird damit selbst zum Ausdruck jener Werte, die das Unternehmen seit fast zwei Jahrhunderten prägen: Qualität, Langlebigkeit und die Wertschätzung für handwerkliche Prozesse.
Bautafel
Architektur: Lina Ghotmeh — Architecture, Paris
Projektbeteiligte: Franck Boutté Consultants, Paris (Umweltplanung und Gebäudetechnik); Erik Dhont, Brüssel (Landschaftsarchitektur); ATEVE, Paris (Verkehrs- und Erschließungsplanung); EVP, Paris (Tragwerksplanung); Clarity, Paris (Akustik); AE75, Paris (Kostenplanung); Systea – Namixis, Paris (Brandschutz); BEGC, Paris (Küche)
Bauherr*in: Hermès International, Paris
Standort: Av. Winston Churchill, 27400 Louviers, Frankreich
Fertigstellung: 2022
Bildnachweis: Iwan Baan; Takuji Shimmura
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