House for Almost Everything in Wernetshausen

Bühne und Wohnzimmer zugleich

Ein Gebäude, das zugleich Wohnzimmer, sozialer Treffpunkt und Klima-Maschine sein will – ist das möglich? Im Zürcher Oberland haben Comte/Meuwly ein Haus entworfen, das nicht nur den Bewohner*innen, sondern auch der Dorfgemeinschaft Raum bietet: das House for Almost Everything. Ob Theateraufführung, Yogastunde oder gemeinsames Essen: Bewegliche Bauteile, textile Schichten und das transparente Solardach der benachbarten Scheune erlauben es, auf unterschiedliche Nutzungen ebenso zu reagieren wie auf wechselnde Wetterlagen.

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Wohnen, Arbeiten, Begegnen

Das Grundstück liegt am Rand von Wernetshausen, zwischen Obstwiese und lockerer Wohnbebauung. Mit dem Verschwinden des Dorfrestaurants fehlte ein Treffpunkt. Das House for Almost Everything füllt diese Lücke. Der Baukörper wird nach Süden hin schmaler. Auf der Ostseite ist eine sich verjüngende Funktionszone angeordnet, mit Eingang, Schlafzimmer, Bad, Abstellraum und Küchenzeile. Die Westhälfte gehört einem einzigen, großzügigen Wohn- und Veranstaltungsraum. Die Ausstattung bleibt zurückhaltend und flexibel, sodass sich der Raum mit wenigen Handgriffen vom Atelier in einen Konzertsaal oder einen Speisesaal mit langem Gemeinschaftstisch verwandeln lässt.

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Leichte Hülle, bewegliches Dach

Der multifunktionale Hauptraum ist von Glasfaltwänden gefasst, die den Blick auf die Landschaft freigeben und sich vollständig zur umlaufenden, über das Gras kragende Terrasse öffnen lassen. Während die dünne Bodenplatte in Beton erstellt ist, besteht die Hülle aus vorgefertigten Holzrahmenelementen mit Recyclingzellulosedämmung. Die diffusionsoffene Membran im Wandaufbau sorgt für Feuchteaustausch und verhindert Hitzestau in der Hülle, wodurch sich das Innenklima bei sommerlichen Temperaturen besser reguliert.

Über allem spannt ein schlankes Pultdach mit Faltblechdeckung, dessen westlicher Überstand auf hydraulischen Armen gelagert ist. Dieses schwenkbare Dachblatt kann je nach Bedarf weit ausgefahren oder fast geschlossen werden. So wird das Haus mal zur Bühne mit maximalem Landschaftsbezug, mal zum schützenden Kokon. Das System ergänzen mehrere Lagen innen- und außenliegender Vorhänge, die Sicht, Licht und Wind modulieren.

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Bestand gerettet und weitergedacht

Zur Anlage gehört auch eine kleine Scheune, die ursprünglich abgerissen werden sollte. Stattdessen wurde sie zum flexiblen Zusatzraum. Eine auf Höhe der Dachfußpunkte eingezogene Zwischenebene in Form einer abgesenkten Metallbühne verdoppelt die nutzbare Fläche. Eine neue transparente Dachhaut, übersät mit kleinen, quadratischen PV-Modulen lässt Tageslicht ins Innere und erzeugt zugleich Strom. Die so gewonnenen 84 Quadratmeter dienen als Lagerfläche oder für kleinere Veranstaltungen – und erweitern den programmatischen Spielraum der Anlage.

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Sonnenschutz per Hydraulikdach

Das House for Almost Everything kommt ohne energieintensive Kühlung aus. Herzstück des passiven Klimakonzepts ist der auskragende Westüberstand des Pultdachs, der von vier hydraulischen Armen getragen und bewegt wird. Über Metallscharniere und präzise Gelenkverbindungen lässt sich der Neigungswinkel stufenlos einstellen – vom weit ausgefahrenen Sonnensegel als Überkopfverschattung bis zur nahezu geschlossenen Schutzstellung, die kaum Tageslicht in den Raum lässt.

Die Anpassung erfolgt kontrolliert und schnell und reagiert über Sensoren schnell auf Wetterwechsel. Bei starkem Wind wirkt die Hydraulik zugleich als Stabilisierung. Im Sommer verhindert das Dach gezielt Überhitzung, indem es Mittagssonne von oben und tiefe Westsonne am Abend abschirmt. Im Winter und in kühleren Tagesphasen kann es vollständig geöffnet werden, um Wärmegewinne zu maximieren. In den Übergangszeiten erlaubt die flexible Steuerung eine fein abgestimmte Balance zwischen Licht, Ausblick und thermischem Komfort. 

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Querlüftung und textile Schichten

Die raumhohe Verglasung auf der Süd- und Westseite lässt sich vollständig öffnen und verbindet den Innenraum mit der umlaufenden Terrasse. Zusammen mit Öffnungen auf der gegenüberliegenden Seite entsteht eine effiziente Querlüftung, die warme Luft schnell abführt und kühle Luft nachströmen lässt.

Mehrlagige textile Systeme können die Glasfassade verschatten. Außen sind Bahnen aus UV- und witterungsbeständigem Gewebe angebracht, die sich an seitlichen Führungsschienen bewegen und technisch ähnlich wie Faltrollos funktionieren. Die robusten Anlagen filtern Sonnenlicht, reduzieren Blendung und verhindern direkte Einstrahlung auf die Glasflächen. Innenliegende Vorhänge schaffen zusätzlich atmosphärische Lichtstimmungen, ermöglichen Verdunkelung und bieten eine weitere Wärmepufferung. Beide Ebenen sind unabhängig voneinander beweglich, sodass der Grad an Transparenz, Sichtschutz und Lichtdurchlässigkeit präzise gesteuert werden kann.

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Schattenspendende PV-Module

Eine weitere Maßnahme gegen Überhitzung war das Anbringen einer Photovoltaikanlage auf dem transparenten Scheunendach. Die Module wandeln einen Teil der Sonnenstrahlung in Strom um, während durch die breiten Fugen lassen diffuses, weniger wärmendes Licht ins Innere dringt. Durch die hinterlüftete Montage wird eine Aufheizung der darunterliegenden Holzkonstruktion reduziert. So bleibt der Scheuneninnenraum auch an warmen Tagen nutzbar.

Bautafel

Architektur: Comte/Meuwly, Zürich
Projektbeteiligte: Adrien Comte, Adrien Meuwly (Entwurf); Alexander Schmid, Zürich (Projektmitarbeit); Maya Kleiman, Zürich (Projektmitarbeit); Dr. Neven Kostic, Zürich (Tragwerk)
Bauherr*in: privat
Fertigstellung: 2023
Standort: Wernetshausen, Zürcher Oberland, Schweiz
Bildnachweis: Pierre Marmy, Genf (Fotos); Ciro Miguel, Zürich (Fotos); Comte/Meuwly, Zürich (Pläne)

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Bauphysik

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