Wilmina in Berlin-Charlottenburg

Transformation eines ehemaligen Frauengefängnisses

Am westlichen Ende der Kantstraße erstreckt sich hinter einer historischen Fassade ein unerwarteter Ort aus üppigen grünen Gärten und ineinanderfließenden Höfen. Ein ehemaliges Gerichtsgebäude und Frauengefängnis ist heute eine Oase der Ruhe und des Rückzugs. Geplant von Adolf Bürckner und Eduard Fürstenau begann die bewegte Geschichte des Ensembles bereits 1896. Während sich der Strafgerichtshof im Vorderhaus befand, bot der zurückgesetzte Backsteinbau Platz für 100 Gefangene. Heute beherbergt das Wilmina Ensemble ein familiengeführtes Hotel, ein Restaurant und einen interdisziplinären Kunst- und Kulturraum. Transformiert von Grüntuch Ernst Architekten ist es eine grüne Insel der Erholung im Getümmel der Stadt. 

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Transformation des Raumprogramms

Je tiefer es in das Ensemble geht, desto weiter scheint man sich von der Stadt zu entfernen. Bereits das erste Stahltor des alten Strafgerichtshofs fungiert als erste Schleuse in die Ruhe. Über den ersten Hof gelangt man durch ein weiteres Tor in den Garten des Wilminas Hotels. In einer üppigen grünen Oase sind hier nur noch die Vögel zu hören. Die Abstufung spiegelt sich auch im Raumprogramm wider: Während der ehemalige Strafgerichtshof, heute als Amtssalon Kunst- und Kulturveranstaltungen beherbergt, findet sich im abgeschiedenen alten Gefängnis die 44 Zimmer und Suiten des Hostels. Ein neuer Verbindungsbau zwischen den beiden Gebäuden beherbergt die Lovis Bar und ist gleichzeitig der Zugang zum Restaurant. Die Erschließung erfolgt über den ersten Hof, sodass der Garten, ein Tor weiter, ausschließlich für die Hotelgäste zur Verfügung steht. Ein dritter Hof befindet sich im Herzen des Hotels. Ergänzend zum Bestand, ist auf dem ehemaligen Gefängnisses ein Penthouse mit Dachterrasse hinzugefügt wurden und bietet Zugang zu Pool und Sauna. 

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Geschichte als architektonisches Mittel

Im Jahr 1985 schloss das Charlottenburger Frauengefängnis und wurde als Archiv des Grundbuchamtes weitergenutzt. Das denkmalgeschützte Ensemble wurde dann von Almut Grüntuch-Ernst und Armand Grüntuch gekauft und nach zehnjähriger Sanierung und Transformation im Jahr 2022 eröffnet. Mit solch einem Bestand und seiner wechselvollen Geschichte umzugehen, stellte die Architekt*innen und Bauherr*innen vor besondere Herausforderungen. Mit dem Anspruch, nicht alle Spuren zu verwischen und einen respektvollen Umgang mit der Architektur und der Geschichte zu pflegen, wurden verschiedene Strategien entwickelt.

Dabei spielten beispielsweise Sichtachsen eine entscheidende Rolle. Während im ehemaligen Gefängnis, Blickbezüge unter den Gefangenen oder ins Freie unterbunden wurden, brachen Grüntuch Ernst Architekten dieses repressive Mittel auf. Die alten Zellenfenster wurden vergrößert und der Luftraum der Lobby am Gartenhof um ein halbes Geschoss erhöht. Zwar wurden einige Zellen zusammengelegt, doch blieben die Grundrisse überwiegend unverändert. Auch die Flure im Zellentrakt behielten ihre charakteristische Form. Über einen Lichthof verbunden, schaffen sie eine Sichtachse über alle fünf Geschosse.

Im Atrium wird auch durch die Verwendung von Licht eine weitere Strategie eingeführt, um mit der Geschichte und Architektur des Gebäudes behutsam umzugehen. Von Omer Arbel designte Pendellampen, heben den Blick nach oben und ziehen sich als raäumliches Element durch das gesamte Ensemble. Die warm leuchtenden Glaskugeln transformieren den ehemaligen Schreckensort in einen Raum der Gastlichkeit und des Komforts. In Kombination mit einer hellen Farbgebung und weichen Materialien, sowie der individuellen Raumgestaltung, entsteht in der Architektur des Wilminas eine interessante Wechselwirkung aus Vergangenheit und Gegenwart.

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Synergien zwischen Architektur und Pflanzen

Weiterhin fungierte Vegetation als ein wichtiger Faktor in der Transformation dieses Ortes. Großzügige Panoramafenster ersetzen die alten Tore und geben den Blick frei in den Garten. Der Gartenhof war ursprünglich vollends versiegelt, heute findet sich hier eine üppige Bepflanzung von Stauden, Farnen und Kletterpflanzen. Alle Dachflächen des Restaurants und der Küche sind von einer dicht bewachsenen Begrünung geziert. Neben Bodendeckern wachsen hier Reispapierbäume, chinesische Götterbäume und Winterschachtelhalm. Die gezielte Renaturierung, erweckt den Anschein, als sei hier schon immer alles so gewesen. Die dichte Bepflanzung bricht mit der Starre und Härte der alten Gefängnismauern und steht im Kontrast zur schwierigen Geschichte dieses aufgeladenen Ortes. Gleichzeitig wird durch die zusätzliche Begrünung Biodiversität,  Klimaresilienz und ein nachhaltiges Mikroklima gefördert. Das erneuerte Ensemble der Wilmina strebt eine maximale Integration von Grünflächen an und wird zu einem kleinen, aber wichtigen Ökosystem inmitten der verdichteten Stadt.

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Bautafel

Architektur: Grüntuch Ernst Architekten, Berlin 
Projektbeteiligte: Ingenieurbüro Weltzer, Berlin (Haustechnik); GTB-Berlin Gesellschaft für Technik am Bau, Berlin (Tragwerksplanung); StudioC Nicole Zahner, Berlin (Tragwerksplanung); Marc Pouzol (atelier le balto) und Christian Meyer (Beratung in Fragen der Freianlagen und Gartengestaltung)
Bauherr*in: Wilmina GmbH
Fertigstellung: 2022
Standort: Kantstraße 79, Berlin-Charlottenburg
Bildnachweis: Maike Bodenbender, Markus Gröteke, Grüntuch Ernst Architekten

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