Platz und Pavillon in Gignac-la-Nerthe

Keramikfliesen in den Farben der Provence

Gallerie

Seit Anfang der 1960er Jahre hat sich die Einwohnerzahl der französischen Gemeinde Gignac-la-Nerthe nahezu verfünffacht. Zwischen Marseille und Aix-en-Provence gelegen, gehört das ursprünglich romanische Dorf zur Region Provence-Alpes-Côte d'Azur, die von der Tourismusindustrie euphemistisch als baukulturell dicht, real aber vor allem durch die Nähe zum Flughafen Marignane geprägt ist. Die ersten Zuwanderer kamen als Arbeitsimmigranten zunächst aus Nordafrika, später aus Marseille; Ende der 1980er Jahre zog es aufgrund des angenehmen Klimas viele Rentner hierher. Heute zählt die Gemeinde gut 9.000 Einwohner; städtebaulich überwiegen einfache Wohngebäude, Ferien- und Einfamilienhäuser.

Woran es bislang mangelte, war ein zentraler öffentlicher Platz. Um dieses gleichzeitig stadträumliche wie soziale Defizit zu beheben, beauftragte die Gemeinde das Architekturbüro Comac aus dem benachbarten Marseille mit der Neugestaltung des Ortszentrums. Dabei galt es vor allem, eine räumliche Verbindung zwischen der Kirche, dem Rathaus und seinem Vorplatz, einer ehemaligen Scheune und einem alten Waschhaus herzustellen.

Durch Abriss einiger ohnehin verwaister Gebäude und Räumung der Grundstücke entstand eine fast 3.000 Quadratmeter große Freifläche, die von den Architekten in unterschiedliche Bereiche für verschiedene Nutzungen und Nutzer gegliedert wurde. Herz der Anlage ist ein 70 Meter langes, knapp fünf Meter breites Gebäude, das die Fläche in einen nördlichen und einen südlichen Abschnitt teilt. Im Norden liegt die frühere Scheune, die als Ruine ohne Dach restauriert wurde und den Eingang zum neuen Platz definiert. An ihre Rückseite schließt ein Garten mit regionalen Pflanzen an, ihr schräg gegenüber befindet sich in Sichtachse das Rathaus auf der anderen Seite des Boulevard Perrier. Südlich des eingeschossigen Baukörpers begrenzt das alte Waschhaus das Areal. Außerdem gibt es hier einen Kinderspielplatz, eine Anpflanzung junger Bäume sowie ein langes, schmales Wasserbecken.

Der Neubau selbst ist offenes Haus, multifunktionaler Pavillon und gebaute Achse zugleich. Als Ort der Begegnung für die Bewohner von Gignac-la-Nerthe konzipiert, bietet er vier seitlich offene Aufenthaltsräume: Der erste ist für Kinder gedacht und mit einer kleinen Bühne fürs Kasperletheater ausgestattet; zentrales Element des zweiten Raums ist ein Brunnen am Ende des rechtwinklig angeordneten Wasserbeckens. Der dritte und größte Raum, von den Architekten Laube genannt, ist unmöbliert und dient als Treffpunkt für Feiern und Veranstaltungen aller Art; der letzte Raum ist als überdachtes Freilufttheater ausgebildet. Seine nach hinten ansteigenden Sitzplätze folgen der Topografie des Geländes an dieser Stelle. In den geschlossenen Räumen des von außen weiß verputzten Gebäudes sind Sanitäranlagen, die Technik und ein Lager untergebracht.

Fliesen und Platten
Ein Verweis auf provenzalische Bautraditionen und -materialien sind die Keramikfliesen auf den Innenwänden des Pavillons. In einem für diesen Stadtumbau abgerissenen Haus fanden die Architekten Zementfliesen mit traditionellem regionalen Muster, das sie mit quadratischen Wandfliesen nachempfanden. Im Maßstab deutlich vergrößert, grob gerastert und wie ein Puzzle neu zusammengesetzt, erscheint das historische Fliesendekor nunmehr wandfüllend in Rot, Gelb, Grau und Orange. Statt wie die Vorbilder aufwendig mit Metallschablonen Fliese für Fliese von Hand in den Farben Grau, Violett und Weiß gefertigt, handelt es sich bei den neuen Keramikfliesen um industriell gefertigtes, glasiertes Steinzeug aus Spanien – dessen Farben Gelb und Rot die provenzalische Flagge zitieren. Das Fliesenformat beträgt 10 x 10 Zentimeter.

Die gefundenen Zementfliesen blieben erhalten. Statt als Bodenbelag haben sie auf einem steinernen Tisch in der restaurierten, aber zum Himmel offenen, also dachlosen Scheune eine neue Bestimmung gefunden. Bleibt zu hoffen, dass sie dem in der Provence glücklicherweise seltenen Frost trotzen.

Bautafel

Architekt: Comac, Marseille
Projektbeteiligte: Paul Petel, Aix-en-Provence (Landschaftsarchitekt), SHL Franck Penel, Mimet (Bauingenieure), DM Construction, Paysage méditerranéens, Aubagne (Ausführende Firmen), Cyria, Aix-en-Provence (Straßenmöblierung), Mainzu Ceràmica, Castellón (Fliesen)
Bauherr: Gemeinde Gignac-la-Nerthe
Standort: Boulevard Perrier, Gignac-la-Nerthe
Fertigstellung: 2013
Bildnachweis: Philippe Ruault, Nantes für Comac, Marseille

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