Umnutzung: Ingenieurbüro in Bad Kissingen

Gestaltprägendes Kalksandstein-Sichtmauerwerk erhalten

Der demografische Wandel verändert nicht nur Wohn- und Lebensformen, sondern auch die Nutzung von Bestandsgebäuden. Kirchen, Warenhäuser oder Schulbauten aus den 1960er- und 70er-Jahren stehen zunehmend zur Disposition. Im unterfränkischen Bad Kissingen konnte das einstige evangelische Gemeindehaus erhalten und transformiert werden. Es dient heute dem 15-köpfigen Team des Ingenieurbüros Tragraum als Arbeitsort. Die behutsame Umnutzung und denkmalgerechte Sanierung zeigt, wie ein identitätsstiftendes Bauwerk der Nachkriegsmoderne neu belebt werden kann.

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Daniel Dahinten, Leiter der Büroniederlassung in Bad Kissingen, entschied sich 2019 zum Kauf des leerstehenden Gebäudes – nicht zuletzt wegen seiner charakteristischen Sichtmauerwerksfassade aus Kalksandstein. Der Entwurf des 1969 fertiggestellten, zweigeschossigen Baukörpers mit Flachdach stammte vom Münchener Architekten Hans-Busso von Busse. Für die architektonische Planung der Umnutzung holten die Verantwortlichen das Büro Schlicht Lamprecht Kern Architekten aus Schweinfurt hinzu. Gemeinsames Ziel war es, die baukünstlerischen Qualitäten der Nachkriegsarchitektur zu erhalten und zugleich neue Arbeitswelten zu schaffen.

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Altes Raumgefüge, neue Nutzung

Das bestehende Raumkonzept mit seinen ineinandergreifenden, teils offenen Bereichen erwies sich als überraschend kompatibel mit den Anforderungen eines zeitgemäßen Büroalltags. Statt durch massive Wände wurden die Zonen durch unterschiedliche Deckenhöhen, Materialien und Konstruktionen definiert. So konnte das Erdgeschoss nahezu unverändert bleiben: Der ehemalige große Gemeindesaal dient damit heute als Großraumbüro. Zwei neue raumhohe Glasschiebewände ermöglichen eine flexible Nutzung – vom konzentrierten Einzelarbeiten bis hin zur gemeinsamen Besprechung. Die übrigen Räume im Erdgeschoss wurden zu Einzelbüros und Sozialbereichen umgewandelt. Trotz des neuen Zwecks blieb das bauliche Grundkonzept somit bestehen – und mit ihm die Option einer zukünftigen Umnutzung.

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Vom Bestandsbau zum Denkmal

Der gute Erhaltungszustand der Innenausstattung nach fast sechs Jahrzehnten Nutzung war bemerkenswert. Möbel, Parkettböden, Schrankelemente und Wandoberflächen zeigten lediglich übliche Gebrauchsspuren. Der respektvolle Umgang mit diesen Qualitäten war für das Planungsteam selbstverständlich: Historische Schranktüren wurden zu Falttüren umgebaut, Parkettböden aufgearbeitet und die grün gefassten Fensterrahmen erhielten neben einem neuen Anstrich auch neue Fenstergläser in energetisch besserer Qualität. Die größte bauliche Intervention bildete der Einbau neuer Oberlichter im ehemaligen Gemeindesaal, die eine bessere Tageslichtversorgung ermöglichen, ohne den Raumeindruck zu verfälschen.

Der sorgfältige Umgang mit dem Bestand und die zurückhaltenden Eingriffe machten das Gebäude auch für das Denkmalamt interessant: 2021 wurde es offiziell in die Liste der Baudenkmäler aufgenommen.

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Sichtmauerwerk als prägendes Element

Das Gebäude wurde als Stahlbetonskelettbau errichtet, zwischen den Stützen ausgemauert und sowohl innen als auch außen mit Mauerwerk aus kleinformatigen Kalksandsteinen im Normalformat verblendet. Der 61,5 cm dicke, zweischalige Wandaufbau mit einer mittig liegenden Luftschicht als Wärmedämmung blieb vollständig erhalten. Dennoch waren umfassende Reinigungs- und Sanierungsmaßnahmen notwendig: Jahrzehntelange Umwelteinflüsse und Fassadenbewuchs hatten ihre Spuren hinterlassen. Und auch die Innenwände waren von einem grauen Schleier überzogen.

Im Vorfeld der Instandsetzung wurden gemeinsam mit Fachbetrieben verschiedene Reinigungsverfahren getestet. Chemische Mittel kamen nicht infrage, da sie die offenporige Struktur des Kalksandsteins beschädigt hätten. Stattdessen fiel die Wahl auf eine Kombination aus Heißwasser-Hochdruckreinigung und mechanischer Nachbehandlung mittels Schwingschleifer. Besonders hartnäckige Verschmutzungen im Sockelbereich wurden mit Werkzeugen aus dem Karosseriebau entfernt. Abschließend erhielt die Fassade eine Hydrophobierung als Oberflächenschutz.

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Die Innenwände wurden mithilfe des Trockeneisstrahlverfahrens gereinigt – eine Methode, die in der Denkmalpflege vielfach Anwendung findet. Innerhalb einer Woche ließ sich so der originale Charakter der Steinoberflächen wiederherstellen. Dass von einem ursprünglich angedachten weißen Anstrich Abstand genommen wurde, erwies sich im Nachhinein als entscheidend für den Erhalt der besonderen Atmosphäre: Die raue Textur, der helle Farbton und das durchgängige Materialbild der Wände verleihen den neuen Büroräumen eine unverwechselbare Identität.

Bautafel

Architektur: Schlicht Lamprecht Kern Architekten, Schweinfurt
Bauherr*in: Tragraum Ingenieure, Nürnberg u.a.
Fertigstellung: 2024
Standort: Salinenstraße 2, 97688 Bad Kissingen
Bildnachweis: Stefan Meyer / KS-Original, Hannover


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