Palimpsest
Layering, Schichtung, Überschreibung, Weiter- und Wiedernutzung
Der Begriff Palimpsest findet heute in zahlreichen Disziplinen Verwendung, darunter in der Architektur, den Kulturwissenschaften – insbesondere der Archäologie und Literaturwissenschaft –, aber auch in der Medizin, Geographie und den Geowissenschaften. Etymologisch geht er unmittelbar auf das altgriechische Wort παλίμψηστος (palímpsēstos) zurück, wörtlich übersetzt „wieder abgeschabt“ oder „erneut abgekratzt“.
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Herkunft und Re-Use
Ursprünglich bezeichnete ein Palimpsest ein Manuskript, dessen erster Text entfernt und dessen beschreibbares Material erneut genutzt wurde. Solche Handschriften entstanden auf Papyrus oder Pergament, einer aus Tierhaut hergestellten, aufwendig produzierten und daher kostbaren Schreibunterlage. Aufgrund des hohen materiellen Werts radierten, wuschen oder schabten Schreiber nicht mehr benötigte Texte häufig ab, um die Oberfläche erneut zu beschreiben. Diese Praxis ermöglichte eine ressourcenschonende Weiterverwendung wertvoller Materialien als eine frühe Form von Re-Use.
Beispiel Archimedes-Palimpsest
Ein außergewöhnliches Beispiel ist das sogenannte Archimedes-Palimpsest. Es enthält nicht nur bedeutende mathematische Texte, sondern gilt auch aufgrund seiner spektakulären Überlieferungs- und Wiederentdeckungsgeschichte als herausragendes kulturelles Artefakt (siehe Exkurs).
Überlagerung, Verknüpfung, Metapher, Strategie
Auf Architektur übertragen beschreibt das Konzept des Palimpsests räumliche, zeitliche und kulturelle Überlagerungen. Gebäude und Städte entwickeln sich durch Anpassungen, Umbauten, Erweiterungen und Umnutzungen fortlaufend weiter. Jede Intervention hinterlässt Spuren in der bestehenden Struktur, ohne frühere Schichten vollständig zu verdrängen. Sichtbare Spuren beispielsweise ursprünglicher Materialien, Konstruktionen, Farbaufträge oder Nutzungen treten dabei neben neuere Eingriffe und bilden ein vielschichtiges Gefüge.
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Palimpsestartige Strukturen finden sich auf unterschiedlichsten Maßstabsebenen. Sie reichen von mikroskopisch kleinen Partikeln von Farbschichten an Wand- und Deckenoberflächen über bauhistorische Veränderungen einzelner Gebäude bis hin zu großräumigen städtebaulichen Überlagerungen. Besonders deutlich treten solche Schichtungen nach Naturkatastrophen, Bränden, kriegerischen Zerstörungen oder tiefgreifenden Umstrukturierungen durch Abriss und Neubebauung hervor.
Der Begriff Palimpsest dient so der Verdeutlichung von Architektur als einem materiellen Speicher von Zeit, Erinnerung und Nutzungsgeschichte. Als Metapher dient er gleichzeitig als Strategie für den Umgang mit architektonischem und urbanem Bestand. In diesem Zusammenhang stehen auch Transformation, Intertextualität, Assemblage sowie Pastiche. Sie thematisieren ebenfalls Prozesse der Überlagerung, Aneignung, Neuinterpretation und Fortführung bestehender Strukturen und Bedeutungen. -sj
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