Layering, Schichtung, Überschreibung, Weiter- und Wiedernutzung
Der Begriff Palimpsest findet heute in zahlreichen Disziplinen
Verwendung, darunter in der Architektur, den Kulturwissenschaften –
insbesondere der Archäologie und Literaturwissenschaft –, aber auch
in der Medizin, Geographie und den Geowissenschaften. Etymologisch
geht er unmittelbar auf das altgriechische Wort παλίμψηστος
(palímpsēstos) zurück, wörtlich übersetzt „wieder abgeschabt“ oder
„erneut abgekratzt“.
Bild: Susanne Junker, Berlin
Bild: Susanne Junker, Berlin
Bild: Susanne Junker, Berlin
Herkunft und Re-Use
Ursprünglich bezeichnete ein Palimpsest ein Manuskript, dessen
erster Text entfernt und dessen beschreibbares Material erneut
genutzt wurde. Solche Handschriften entstanden auf Papyrus oder
Pergament, einer aus Tierhaut hergestellten, aufwendig produzierten
und daher kostbaren Schreibunterlage. Aufgrund des hohen
materiellen Werts radierten, wuschen oder schabten Schreiber nicht
mehr benötigte Texte häufig ab, um die Oberfläche erneut zu
beschreiben. Diese Praxis ermöglichte eine ressourcenschonende
Weiterverwendung wertvoller Materialien als eine frühe Form von
Re-Use.
Beispiel Archimedes-Palimpsest
Ein außergewöhnliches Beispiel ist das sogenannte Archimedes-Palimpsest. Es enthält
nicht nur bedeutende mathematische Texte, sondern gilt auch
aufgrund seiner spektakulären Überlieferungs- und
Wiederentdeckungsgeschichte als herausragendes kulturelles Artefakt
(siehe Exkurs).
Überlagerung, Verknüpfung, Metapher, Strategie
Auf Architektur übertragen beschreibt das Konzept des
Palimpsests räumliche, zeitliche und kulturelle Überlagerungen.
Gebäude und Städte entwickeln sich durch Anpassungen, Umbauten,
Erweiterungen und Umnutzungen fortlaufend weiter. Jede Intervention
hinterlässt Spuren in der bestehenden Struktur, ohne frühere
Schichten vollständig zu verdrängen. Sichtbare Spuren
beispielsweise ursprünglicher Materialien, Konstruktionen,
Farbaufträge oder Nutzungen treten dabei neben neuere Eingriffe und
bilden ein vielschichtiges Gefüge.
Palimpsestartige Strukturen finden sich auf unterschiedlichsten
Maßstabsebenen. Sie reichen von mikroskopisch kleinen Partikeln von
Farbschichten an Wand- und Deckenoberflächen über bauhistorische
Veränderungen einzelner Gebäude bis hin zu großräumigen
städtebaulichen Überlagerungen. Besonders deutlich treten solche
Schichtungen nach Naturkatastrophen, Bränden, kriegerischen
Zerstörungen oder tiefgreifenden Umstrukturierungen durch Abriss
und Neubebauung hervor.
Der Begriff Palimpsest dient so der Verdeutlichung von
Architektur als einem materiellen Speicher von Zeit, Erinnerung und
Nutzungsgeschichte. Als Metapher dient er gleichzeitig als
Strategie für den Umgang mit architektonischem und urbanem Bestand.
In diesem Zusammenhang stehen auch Transformation, Intertextualität, Assemblage sowie Pastiche. Sie thematisieren ebenfalls
Prozesse der Überlagerung, Aneignung, Neuinterpretation und
Fortführung bestehender Strukturen und Bedeutungen. -sj
*Exkurs Archimedes-Palimpest: Archimedes (etwa
3. Jahrhundert v. Chr.) ist als Mathematiker, Physiker und Astronom
einer der legendärsten Gelehrten der griechischen Antike. Die
originalen Handschriften von Archimedes sind bis heute nicht mehr
auffindbar. Einige seiner Texte sind nur durch altarabische
Übersetzungen überliefert. Um 950 n.Chr, als die originalen
Vorlagen möglicherweise noch verfügbar waren, entstand in
Konstantinopel (heute Istanbul) eine Abschrift und Zusammenstellung
von mindestens sieben seiner Schriften. Zur Zeit des 4. Kreuzzugs
(1202 bis 1204) wurde das Manuskript vermutlich zur rettenden
Aufbewahrung in ein griechisch-orthodoxes Kloster nahe Jerusalem
oder Bethlehem gebracht. Einer der dortigen Mönche namens Johannes
Myronas, wie die späteren digitalen Untersuchungen sichtbar
machten, hat um 1229 das Manuskript teilweise radiert, zu einem
kleineren Format zusammengefaltet, mit liturgischen Texten neu
überschrieben und mit seinem Namen versehen. Es bleibt Spekulation,
ob dies aus religiösen oder materialsparenden Gründen geschah. Erst
1899 taucht das nun mehr 900 Jahre alte Manuskript, inzwischen
Palimpsest, wieder in Istanbul auf. 1906 entdeckte es der dänische
Archimedes-Forscher Johan Ludvig Heiberg (1854–1928) im kirchlichen
Archiv der Kirche und konnte es vollständig abfotografieren. Danach
ist das Palimpsest bis 1998 nicht mehr auffindbar. In den
Nachkriegswirren des 1. Weltkriegs gelangte es unter vermutlich
dubiosen Umständen in den Besitz eines in Paris lebenden
Geschäftsmanns mit guten Beziehungen in die Türkei und den Nahen
Osten. Der Geschäftsmann versteckte seinen Schatz fast 70 Jahre
lang in seinem Keller, wo Feuchtigkeit und Schimmel den Schatz
schwer beschädigt. Nach 1906 müssen vier blattvergoldete Bilder von
Evangelisten hinzugefügt worden sein. Möglicherweise sollte das
Blattgold die Schimmelflecken kaschieren. Doch damit wurde
unbeabsichtigt die verborgene Schrift auf mehreren uralten Seiten
gravierend beschädigt. 1998, nach dem Tod des Geschäftsmanns, ließ
seine Tochter das mittlerweile stark beschädigte Palimpsest im
Auktionshaus Christie's in New York für etwa 2 Millionen Dollar
versteigern. Die Versteigerung fand trotz Protest der
griechisch-orthodoxen Kirche statt. Ein anonymer Bieter, dem eine
Herkunft aus der High-Tech-Branche nachgesagt wird, ersteigerte das
Palimpsest und übergab es dem Walters Art Museum in Baltimore, wo
eine sofortige Sicherung, Restaurierung und Konservierung
stattfand. Zusammen mit Spezialisten der Stanford University unter
Zuhilfenahme der historischen Fotografien von Johan Ludvig Heiberg
wurde eine umfangreiche digitale Sichtung der verschiedenen
Schichtungen gestartet. Die zunehmende Sicht- und Lesbarkeit von
Text- und Bildpassagen bedeutete 2008 eine historische wie
wissenschaftliche Sensation. Das Archimedes-Palimpest wurde
anschließend als digitale Kopie unter verschieden abgestuften
Creative-Commons-Lizenzen Wissenschaftler*innen und der
interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht (siehe
Surftipps).
Fachwissen zum Thema
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Bild: Susanne Junker, Berlin
Materialien/Werkstoffe
Artefakt
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Bild: Susanne Junker, Berlin
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