form follows function
Ursprung, Konzept, Dogma
Das Motto „form follows function“ wird oft dem Bauhaus und dem Funktionalismus der Nachkriegsmoderne zugeschrieben. Tatsächlich stammt es jedoch vom US-amerikanischen Architekten Louis Henry Sullivan (1856 - 1924), der auch als „father of skyscrapers“ gilt.
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Modern office building
In den 1880er und 1890er Jahren beschäftigte sich Sullivan in Chicago intensiv mit einem damals neuen Bautyp namens modern office building. Im Zuge eines enormen wirtschaftlichen Aufschwungs entstanden bis zu 20-geschossige Büro- und Geschäftshochhäuser, die ersten Wolkenkratzer (engl. skyscraper). Neue baukonstruktive Techniken prägten diese Entwicklung. Dazu zählten Stahlskelette und nichttragende Außenwände, die Ausfachung großer Öffnungen mit den sogenannten Chigago Windows (siehe Fachwissen zum Thema), eine schnelle vertikale Erschließung durch Personenaufzüge sowie die Integration von Elektrizität und künstlichem Licht.
Sullivan untersuchte die grundlegenden Prinzipien, Zusammenhänge und Widersprüche dieses neuen Gebäudetyps. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen standen Fragen der Struktur, Proportion und Nutzung ebenso wie Aspekte der symbolischen Bedeutung, der städtischen Präsenz, des Zeitgeistes, der Oberflächengestaltung, der Ästhetik und nicht zuletzt der Dekoration.
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The Tall Office Building Artistically Considered
In Anlehnung an architekturtheoretische Vorbilder wie Vitruv und dessen De architectura formulierte er seine Überlegungen 1896 in einem Zeitschriftenartikel namens The Tall Office Building Artistically Considered:
„Whether it be the sweeping eagle in his flight, or the open appleblossom, the toiling work-horse, the blithe swan, the branching oak, the winding stream at its base, the drifting clouds, over all the coursing sun, form ever follows function, and this is the law. Where function does not change, form does not change. (...) It is the pervading law of all things organic and inorganic, of all things physical and metaphysical, of all things human and all things superhuman, of all true manifestations of the head, of the heart, of the soul, that the life is recognizable in its expression, that form ever follows function. This is the law.“ (Lippincott's Magazine, Ausgabe März 1896, Auszug Seite 408, Kursivschrift nach dem Original, Quelle: https://archive.org/details/tallofficebuildi00sull/mode/2up)
Deutsche Übersetzung: „Ob es nun der majestätisch kreisende Adler im Flug ist oder die geöffnete Apfelblüte, das sich abplagende Arbeitspferd, der heitere Schwan, die Eiche mit ihren Ästen und Zweigen, der sich schlängelnde Bach, die vorüberziehenden Wolken und über all dem die dahineilende Sonne: Stets folgt die Form der Funktion, und das ist das Gesetz. Wo sich die Funktion nicht ändert, ändert sich auch die Form nicht. (...) Es ist das allgegenwärtige Gesetz aller organischen und anorganischen, aller physischen und metaphysischen, aller menschlichen und aller übermenschlichen Dinge, aller wahren Ausdrucksformen des Verstandes, des Herzens und der Seele, dass das Leben in seiner Erscheinung erkennbar wird, dass die Form stets der Funktion folgt. Das ist das Gesetz.“
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Konzept, Dogma, Nachruhm
Im Laufe der Zeit wurde das ursprüngliche „form ever follows function“ zu „form follows function“ verkürzt. Daraus entwickelte sich ein Dogma, das vielfach als Lehrsatz eines dekorationslosen und absoluten Funktionalismus verstanden wurde. Diese Lesart entsprach jedoch nicht Sullivans eigener Position. Er wandte sich zwar gegen historisierende Architektur, setzte jedoch gezielt zeitgenössische Jugendstilornamente und vergleichbare organisch-geometrische Dekorationselemente aus Gusseisen und Terrakotta ein. Diese dienten unter anderem dazu, die Vertikalität als wesentliches Strukturprinzip hervorzuheben, Eingangsbereiche zu akzentuieren sowie Unternehmensnamen und Logos sichtbar zu machen. Auf diese Weise verband Sullivan konstruktive, funktionale und ästhetisch-narrative Merkmale zu einer konzeptionell schlüssigen architektonischen Einheit.
Sullivan erlebte den Nachruhm von „form follows function“ als architekturtheoretischem Postulat nicht mehr. Hätte er seinen Spruch patentieren und mit Nutzungsgebühren, so gering wie auch immer, versehen, wären er und seine Nachkommen Multimilliardäre. Er starb verbittert und verarmt in einem kleinen Hotelzimmer in Chicago, in dem er seine letzten Jahre verbracht hatte. Posthum wurde ihm die AIA-Goldmedaille verliehen. Eines seiner markantesten Bauwerke in Chicago, das ehemalige Waren- und Geschäftshaus Carson, Pirie, Scott & Company steht heute als Sullivan-Center unter Denkmalschutz. -sj
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