Brauereihalle in Kirchheim unter Teck

Braukunst zwischen Betongiebelwänden

Ein für den Stadtkontext außergewöhnliches Bauwerk setzten mehr* architekten in Kirchheim unter Teck um. Die süddeutsche Mittelstadt am Fuß der Schwäbischen Alb ist für ihren historischen Kern mit Fachwerkarchitektur bekannt. Das Setting für den Neubau einer Industriehalle bildet jedoch eine typische Stadtrandlage, die von Gewerbebauten und Wohnhäusern mit Satteldachstrukturen geprägt ist. Im Norden eines Hofgrundstücks, auf dem sich bereits mehrere Nutz- und Wohngebäude befinden, entstand eine Brauereihalle für das Start-up Braurevolution. Die lokal ansässigen Architekten schufen dabei eine expressive Struktur, die sich einer industriellen Architektursprache bedient und laut eigenen Angaben an Bernd und Hilla Bechers Fotoarbeiten alter Industriegebäude angelehnt ist.

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Produktionsstätte und Schaulager

Die Brauereihalle mit 750 Quadratmeter Bruttogrundfläche beherbergt in ihrem Hauptraum die sichtbare Produktionstechnik für die Herstellung von Bier samt Braukessel und Lagertanks. Kühllager und Nebenräume befinden sich in einem separaten, in die Halle eingeschobenen Baukörper, der im Falle einer Umnutzung rückbaubar ist. Für Ausschank und Verkostung ist eine offene Theke im Hauptraum vorgesehen; zur Faberstraße hin schließt zudem ein kleiner Biergarten mit Sitzgelegenheiten im Freien an.

Eigenständige Dachgestaltung und Materialwechsel

Formal trägt das Gebäude der umgebenden Satteldachcharakteristik Rechnung, fällt jedoch durch ein markantes Merkmal aus der Reihe: Der First wurde um ein aufgesetztes Lichtband ergänzt, das die Struktur ungewöhnlich in die Höhe zieht und zugleich mit der Symmetrie der Giebelwände bricht. Während die traufseitigen Fassaden als leichte Stahlkonstruktionen mit Profilbauglas bzw. Isolierpaneelen umgesetzt sind, bestehen die Giebelseiten aus Sichtbeton – was die verzerrte und überhöhte Giebelspitze besonders hervorhebt. Die beiden Giebelwände sind weitestgehend geschlossen und introvertiert; lediglich ein dominantes, rundes Fenster und die Eingangstür unterbrechen die östliche Giebelwand. Belichtet wird der Innenraum vor allem durch das transluzente Profilbauglas an den Längsfassaden sowie am Oberlicht.

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Pragmatisch und rudimentär in der Materialwahl

Da der Standort erdbebengefährdet ist, war die Wahl des Materials Beton für die Giebelwände sowie die Brüstungen unterhalb der Profilglasfassade naheliegend. Hinzu kamen die gestalterischen Ansprüche der Architekturschaffenden, für die aufgrund der gewünschten Haptik und des angestrebten industriellen Charakters kein anderes Material in Frage kam. Während die einschaligen Betonwände außen sichtbar belassen wurden, sind sie innen mit Holzwolle-Leichtbauplatten gedämmt worden.

Bewusst gesetztes Fugenbild für die Betonwandteile

Die Betonage der Giebelwände erfolgte in horizontalen Abschnitten mit herkömmlicher Schalung, lediglich das Fugenbild wurde geringfügig justiert. Dafür wurden die Schaltafeln insbesondere an den Tür- und Fensteröffnungen sowie am Dachfirst mehrfach ausprobiert, um auch hier ein passendes Einteilungsmuster zu erhalten. Während üblicherweise oftmals Schalungen mit Dreikantleisten die einzelnen Betonierabschnitte markieren, sollten im Kirchheimer Projekt die Schalungsfugen bewusst stumpf gesetzt sein, um eine horizontale Ausrichtung der Schalstruktur zu vermeiden. Für das optische Wunschbild arbeiteten die Architekten eng mit dem Rohbauunternehmen zusammen. Im Ergebnis sollte ein möglichst homogenes Wandbild entstehen, das dem Gesamtkonzept des Projekts gerecht wird: Es bewegt sich nach Aussage der Planenden absichtlich in einem „stimmigen Spannungsfeld aus Perfektion und rudimentärer Einfachheit". -sab

Bautafel

Architektur: mehr* architekten, Kirchheim unter Teck
Projektbeteiligte: bb baustatik, Kirchheim unter Teck (Tragwerksplanung); mehr* architekten, Kirchheim unter Teck (Landschaftsarchitektur); Neugebauer Wohnbau, Weilheim unter Teck (Rohbau)
Bauherr/in: privat
Standort: Faberweg 24/1, 73230 Kirchheim unter Teck
Fertigstellung: 2021
Bildnachweise: Sebastian Schels, München; mehr* architekten

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