Pont Neuf in Aarau

Elliptische Inszenierung

Mit rund 288 Kilometern ist die Aare der längste Fluss, der vollständig in der Schweiz verläuft. Als Nebenfluss des Rheins ist er in Deutschland weitestgehend unbekannt, führt jedoch insgesamt mehr Wasser als die bekannteren Rheinnebenflüsse Mosel und Main zusammen. Im Schweizer Mittelland liegt an einem seiner Ufer die Stadt Aarau, die dem Fluss auch ihren Namen verdankt. Zur Zeit der römischen Herrschaft entwickelte sich die Gegend um Aarau zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, Flussübergänge spielten hierbei eine zentrale Rolle. Die erste Holzbrücke Aaraus wurde dementsprechend von den Römern errichtet. Seitdem überspannten hier verschiedene Brückenkonstruktionen den Fluss, 2023 wurde das neueste Bauwerk nach einem Entwurf des Basler Büros Christ & Gantenbein eröffnet.

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Die neue Brücke ersetzt eine 1949 errichtete, 108 Meter lange Betonbrücke, die auf zwei Pfeilern im Fluss ruhte. Aufgrund gravierender Schäden, deren Behebung nicht rentabel erschien, lobte das Baudepartement des Kantons Aargau 2010 einen Wettbewerb zum Neubau aus. Der Siegerentwurf Pont Neuf (deutsch: Neue Brücke) von Christ & Gantenbein in Zusammenarbeit mit WMM-Ingenieuren, Henauer Gugler und August + Margrith Künzel Landschaftsarchitekten sah den Brückenabriss vor, orientiert sich jedoch mit der Fundamentsetzung an den bestehenden Pfeilern. Denkmalschutzauflagen verlangten, die Brücke an derselben Stelle zu errichten. Denn sie verbindet die oberhalb auf einem steilen Felskopf liegende, pittoreske Altstadt mit dem am nördlichen Ufer liegenden Viertel Scheibenschachen und ist zugleich Teil einer wichtigen Kantonsstraße.

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Zweigeteiltes Erscheinungsbild

Diese exponierte Lage machte die Integration der Brücke in den bestehenden Kontext besonders wichtig. Der Neubau sollte nicht nur funktional den infrastrukturellen Anforderungen genügen, sondern sich auch landschaftlich in die bestehende Uferzone einpassen. In diesem Sinne zeigt sich das Bauwerk zweigeteilt. Oben hat der fließende Verkehr Vorrang. Visuell dominiert hier die zweispurige Straße mit jeweils zwei Gehwegen und Fahrradstreifen; von der strukturell spektakulären Konstruktion ist hier einzig die massive Betonbrüstung zu sehen – und damit wenig, das wirklich beeindruckt. Anders verhält es sich jedoch, wenn man sich an das Flussufer begibt. Die Brückenbrüstung geht in die Ufermauer über und begrenzt die beiden Straßen und Gehwege, die vom Straßenniveau ans Flussufer führen.

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Auf Flusshöhe entfaltet das monolithische Erscheinungsbild der Brücke ihre ganze konstruktive Eleganz. Pfeilerfundamente, Pfeiler, Bögen, Flanken und Brüstungen bestehen aus einer präzise geschalten Ortsbetonkonstruktion, die sich bereits auf Straßenniveau an der Brüstung abzeichnete. Alle Bauteile beteiligen sich an der Lastabtragung. Das bogenförmige Tragwerk wurde geometrisch optimiert und Hohlkörper eingesetzt, um den Materialeinsatz zu reduzieren. Fünf unterschiedlich breite Spannbögen ruhen teilweise auf den bereits bestehenden Pfeilern im Flussbett. Drei Bögen von je 29 Meter, 44 Meter und 29 Meter überspannen den Fluss, zwei kleinere Bögen die beidseitig gelegenen Uferwege. 

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Elliptische Inszenierung

Quer zu den Bögen liegende, elliptische Einschnitte in die Konstruktion verleihen dem Bauwerk ein einzigartiges Erscheinungsbild und sparen zudem Material. Die Öffnungen inszenieren neue Blicke auf den Fluss und lassen das massive Bauwerk filigran wirken. Unter der Brücke führen Fuß- und Radwege entlang beider Ufer. Auf der Altstadtseite entstand eine großzügige Promenade mit Sitzgelegenheiten unter schattigen Bäumen. Das nördliche Ufer schmückt nun eine Wiesenfläche mit regionaler Vegetation. -hs

Architektur: Christ & Gantenbein; Bilder: Stefano Graziani

Bautafel

Architektur: Christ & Gantenbein, Basel
Projektbeteiligte: Ingenieurgemeinschaft Pont Neuf bestehend aus WMM Ingenieure, Münchenstein und Henauer Gugler, Zürich (Gesamtleitung); ARGE Kettenbrücke bestehend aus Implenia Schweiz, Aarau, Meier + Jäggi, Zofingen und Rothpletz Lienhard + Cie, Aarau (Rückbau Bestandsbrücke, Ausführung Hilfsbrücke und Realisierung Ersatzneubau inkl. Betonarbeiten und Lehrgerüst); August + Margrith Künzel Landschaftsarchitekten, Binningen (Landschaftsarchitektur)
Bauherr*in: Kanton Aargau, Departement Bau, Verkehr und Umwelt, Abteilung Tiefbau, Aarau
Standort: Küttigerstrasse, 5000 Aarau, Schweiz
Fertigstellung: 2023
Bildnachweis: Stefano Graziani (Fotos); Christ & Gantenbein (Pläne)

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