Schutzbauten in Bondo

Hochwasserschutz für sensible Kulturlandschaft

Berge bedeuten für die einen Faszination und Abenteuerlust, für andere sind sie mit Belastung und Entbehrung verbunden – und doch sind sie für viele Menschen Heimat. Vor allem das Leben in hochgelegenen Bergdörfern scheint oft entbehrungsreich und nicht zuletzt auch gefährlich: Der zunehmende Klimawandel lässt Naturkatastrophen wie Bergstürze und Murgänge (Erdrutsche), Lawinen und Überschwemmungen immer häufiger vorkommen.

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Am 23. August 2017 ereignete sich ein solcher Bergsturz mit darauffolgenden Murgängen im Schweizer Bondasca-Tal nahe der italienischen Grenze. Drei Millionen Kubikmeter Fels des Piz Cengalo stürzten in die Tiefe und zerstörten Häuser, Straßen und Brücken des kulturhistorisch bedeutsamen Dorfes Bondo. Zudem kamen acht Menschen ums Leben. In der Folge beschäftigten sich Bund, Kanton, Gemeinde, Bewohner*innen und Planende mit Schutzmaßnahmen. Das Projekt Bondo II zeigt eindrucksvoll, wie ingenieurtechnische Schutzbauten in eine sensible Landschaft integriert und zukünftige Naturereignisse abgemildert werden können.

Die Anteilnahme und Solidarität nach dem Unglück war groß – die Evakuierung des Dorfes begann unmittelbar nach den Ereignissen. Aufräumarbeiten und der Abtransport des Schutts erfolgten rund um die Uhr, die Deponie Palü wurde in Betrieb genommen. Insgesamt dauerten die Räumungsarbeiten durch die Gemeinde Bergell und den Kanton Graubünden drei Monate an.

Ausgelobter Wettbewerb: Risiko und Ästhetik vereinen

Schon früher hatte es Erdrutsche und Überschwemmungen in dem Tal gegeben, sodass in den Jahren von 2014 bis 2016 mit dem Wasserbauprojekt Bondo I der Flusslauf der Bondasca zu einem Auffangbecken aufgeweitet wurde. Bis zu zwölf Meter hoch türmten sich 2017 darin Geröll und Schlamm.

Anders als bei Wasserbau- und Hochwasserschutzprojekten üblich entschied sich die Gemeinde Bergell in Absprache mit Bund und Kanton 2019 allerdings zur Auslobung eines Wettbewerbs: Bondo – Neugestaltung Verbauungen Bondasca und Maira und neue Verkehrsanlagen. Bondo zählt zu den Ortschaften, die im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS) aufgeführt sind. Nicht zuletzt, um dieser sensiblen Landschaft Rechnung zu tragen, ermöglichte die längere Wettbewerbsphase den zehn teilnehmenden Projektteams die vertiefte Auseinandersetzung mit dieser Bauaufgabe – trotz anhaltendem Risiko vor weiteren Bergstürzen.

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Der Entwurf des Teams „strata“ (lat. für Schichten) konnte die Fachjury letztendlich überzeugen. 2021 begannen die Bauarbeiten des raumgreifenden Großprojekts. Die sukzessive Fertigstellung der einzelnen Komponenten fand im Spätsommer 2025 mit der Eröffnung der Brücken und Schutzbauten ihren feierlichen Abschluss.

Neue Dämme, Mauern und Brücken

Das Projekt umfasst verschiedene Schutz- und Verkehrsinfrastrukturen, wie etwa die Neugestaltung von erhöhten Dämmen entlang der Flüsse Bondasca und Maira, die Vergrößerung des Geschiebe-Auffangbeckens der Bondasca, neue Verkehrsanlagen mit Erhöhung der Kantonsstraße, drei neue weitgespannte Brücken, eine neue Promenade, öffentlichen Freiraum sowie Gärten für Bewohner*innen.

Die komplexen Eingriffe in die Landschaft konnte das Projektteam „strata“ aufgrund der Expertise aus den Disziplinen Architektur, Landschaftsarchitektur, Wasser-, Straßen- und Brückenbau realisieren. Das Architekturbüro Conzett Bronzini Partner übernahm die Gesamtleitung und plante Brücken und Tragwerke von Architekturobjekten, während die Landschaftsarchitektur mit mavo Landschaften und Müller Illien Landschaftsarchitekten mit gleich zwei Planungsbüros vertreten war.

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Tradition und moderner Ingenieurbau

Für das Zusammenspiel aus großmaßstäblichem Hochwasserschutz und öffentlichem Freiraum mit Aufenthaltsqualität bedienten sich die Planenden lokaler Materialien. Ein mächtiger Sockel aus Bruchsteinen säumt das Bondasca-Flussbett. Die Uferbrüstungen gehen in die Brückenbrüstungen über: Solche Betonbänder verbinden alle Schutzbauten von Bondo. Sie erinnern an die alten verputzten Straßenbrüstungen im Bergell. Die drei neuen Brücken knüpfen ebenfalls an die lokale Tradition an: Die vormals gemauerten, beschädigten Brücken wurden mit Bögen aus Beton wiederaufgebaut und die Auflager mit Stein verkleidet. Ihre Unterseiten sind geschwungen. 

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Ein Dammweg – die sogenannte Promenade – entlang der Bondasca verbindet die neue Postautohaltestelle mit dem Nachbarort Promontogno. Stellenweise verspringen die niedrigen Mauern oder öffnen sich als Zaun. Zum Ort hin schließen terrassierte Gärten an, die gepachtet oder gemeinschaftlich genutzt werden können. Die unterschiedlich großen Steinquader der verschiedenen Mauerschichten stammen aus dem ausgeräumten Flussbett. Ein lokaler Bauunternehmer entwickelte eine Methode, um den Granit vor Ort zu spalten.

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Dicht hinter den Häusern des kleinen Durchgangsorts Spino, nordwestlich von Bondo, ragt die Betonschutzmauer der Maira vier Meter in die Höhe. Diese hatte man als Erstes gebaut, da die Bewohner*innen dieses Ortes zu den am stärksten Betroffenen der Katastrophe 2017 zählten. Angelegte Trockenmauern und kleine Gartenterrassen lassen diesen Eingriff etwas weniger brachial wirken. Der Pegel des damaligen Hochwassers ist noch heute an einem der Häuser angeschlagen. Von hier aus lässt sich auch die Größe des Rückstaubeckens erahnen – es würde das ganze Dorf hineinpassen. -st

Bautafel

Gesamtplanung: ARGE strata

Projektbeteiligte: Tiefbauamt Graubünden TBA GR (Gesamtprojektleitung); Ivo Bischofberger, TBA GR (Teilprojektleitung Wasserbau); Matthias Wielatt, TBA GR (Teilprojektleitung Kunstbau); Mario Pargätzi, TBA GR (Teilprojektleitung Straßenbau); René Simeon, Guido Tomaschett, TBA GR und Marcello Crüzer, Gemeinde Bergell (Oberbauleitung/Bauleitung); Beffa Tognacca, Grono (Konzept Schutzmaßnahmen); Conzett Bronzini Partner, Chur (Gesamtleitung und Kunstbauten); Eichenberger Revital, Chur (Wasserbau); Caprez, Silvaplana (Straßenbau); mavo Landschaften, Zürich und Müller Illien Landschaftsarchitekten, Zürich (Landschaftsarchitektur); Conradin Clavuot, Chur (Architektur)

Bauherr*in: Gemeinde Bergell

Fertigstellung: 2025

Standort: Bondo, Schweiz

Bildnachweise: mavo Landschaften / Conradin Clavuot / Gemeinde Bregaglia (Fotos); mavo Landschaften (Pläne); ARGE strata (Situationsplan)

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