Zukunft „Halbes Schloss"
Gemeinschaftliche Denkmalpflege in Ostthüringen
Kennen Sie Langenleuba-Niederhain? Wahrscheinlich nicht. Die Gemeinde im Altenburger Land, im Osten Thüringens, zählt gerade einmal anderthalbtausend Einwohner*innen. Anfang des 18. Jahrhunderts ließ ein Leipziger Kaufmann hier ein Anwesen errichten und hinterließ dem Ort damit ein schwieriges Erbe. Seit ein paar Jahren widmet sich ein Verein dem sogenannten Halben Schloss und setzt es mithilfe von Jugendbauhütten denkmalgerecht instand. Bei der ICOMOS-Tagung Fernab der Metropolen – Denkmale erhalten in ländlichen Regionen im November 2025 stellte der Verein das Projekt vor.
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Vom Herrenhaus zur Schule
So ganz genau erforscht ist die Geschichte des Ritterguts in Langenleuba-Niederhain noch nicht. Gesichert ist jedoch, dass es 1707 der vermögenden Kaufmann Johann von Kuntsch erwarb, der ein Jahr später in den Adelsstand erhoben wurde. An Stelle eines alten Wasserschlosses entstand bis 1711 sein Herrenhaus im Stil des Dresdner Barock – das heutige Schloss. Schon früh schädigten Fundamentsetzungen den Südflügel, der auf dem zugeschütteten Wassergraben errichteten worden war. Schließlich wurde er 1836 abgebrochen und das Schloss war halbiert.
Als Familiensitz wurde das Gut übrigens kaum genutzt. Johann von Kuntsch überlebte die Fertigstellung um nur drei Jahre und legte per Testament eine Nutzung als Bildungsstätte fest. Tatsächlich war hier bis Mitte der 1960er-Jahre eine Schule untergebracht. Seitdem steht das Gebäude leer. Bis heute bilden das Halbe Schloss und die umliegenden Wirtschaftsgebäude das Ortszentrum. Auch diese sind nur noch etwa zur Hälfte erhalten, wurden aber inzwischen saniert. Die Gemeinde und einer Fleischerei nutzen die Nebengelasse heute. Ein Spielplatz und eine Kegelbahn sowie ein Feuerwehrschuppen ergänzen das Ensemble. Das Halbe Schloss selbst verfügt über einen schmalen Innenhof. Das schafft Fassadenfläche und so kommt es, dass ganze 121 Fenster die Säle mit ihren barocken Stuckdecken erhellen.
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Zukunft jenseits der Notsicherung
Als Philipp Hesse im Januar 2020 in Langenleuba-Niederhain eintraf, war das Halbe Schloss erkennbar einsturzgefährdet. Durch einen Tipp des Landesdenkmalamts war der Architekt und Denkmalpfleger auf das Gut aufmerksam geworden und zu einer Begehung mit den damaligen Eigentümern sowie Vertreter*innen des Amts und der Gemeinde dazugestoßen. Jenseits der Notsicherungsmaßnahmen fehlte damals eine Vision für die Zukunft des Schlosses. Gemeinsam mit den Denkmalschutzbehörden entwickelte Hesse ein Nutzungskonzept – natürlich mit pandemiebedingten Verzögerungen.
Aus der Zusammenarbeit von Denkmalpfleger*innen, Behörden und Gemeinde ging 2022 der gemeinnützige Verein Halbes Schloss Langenleuba-Niederhain e.V. hervor, der die Immobilie schließlich erwarb. Zum Team gehören heute neben Architekt*innen auch Brandschützer*innen und Jurist*innen. Dazu arbeitet der Verein mit anderen lokalen Vereinen zusammen. Trotz der Bemühungen ist sich Hesse sicher: „Das Haus wird niemals eine dauerhafte Nutzung haben“. Das Interesse ist jedoch groß. Lesungen, Konzerte und Nachbarschaftsfeste konnten bereits im Hof stattfinden und stießen im Dorf auf breite Zustimmung. Dem Gebäude selbst fehlen jedoch grundlegende Voraussetzungen für eine alltagsgerechte Nutzung, darunter ein zweiter Fluchtweg sowie zeitgemäße Sanitäranlagen – bisher gibt es nur Plumpsklos.
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Lehrstück für den Denkmalpflege-Nachwuchs
An der Instandsetzung des Halben Schlosses sind auch interessierte Jugendliche beteiligt: Vier Teilnehmende verbrachten 2024 im Rahmen einer ersten sogenannten Jugendbauhütte mehrere Monate auf dem Gut und halfen unter Anleitung von Fachleuten bei den Renovierungsarbeiten sowie bei den Veranstaltungen mit. Die Jugendbauhütten, von denen es aktuell bundesweit 16 gibt, ermöglichen jungen Menschen zwischen 16 und 26 Jahren ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der Denkmalpflege. Neben der handwerklichen Arbeit an den Bauwerken, besuchen sie verschiedene Seminare, unter anderem zu Stil- und Materialkunde, Forschungs- und Arbeitsmethoden, und lernen bei Exkursionen die Region und weitere Denkmale kennen.
Unterstützung gefordert
Denkmalpflege im ländlichen Raum bleibt eine Herausforderung – nicht nur wegen fehlender dauerhafter Nutzungen. Spenden und Fördermitgliedschaften ermöglichen meist nur kleinere Fortschritte. Im Rahmen der Tagung wies Philipp Hesse darauf hin, dass viele Förderprogramme lediglich Zuschüsse vorsehen. Häufig fehlten Vereinen wie diesem die Eigenmittel, um entsprechende Gelder beantragen zu können. Dazu wird der schleppende Baufortschritt von einigen Leuten im Dorf kritisch beäugt. Seit sichtbare Maßnahmen umgesetzt wurden – etwa der Einsatz neuer Fenster – gibt es mehr Zuspruch. Wie sich die Situation nach den kommenden Wahlen entwickeln wird, bleibt jedoch offen.
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