Lise et Yvon Lamarre Center in Montreal

Wohngebäude für Menschen im Autismus-Spektrum

Menschen im Autismus-Spektrum nehmen Dinge sensibler, oft intensiver, wahr. Sie hören, riechen, sehen, was andere nicht wahrnehmen. Unsere Alltagswelt gleicht damit einer ständigen Reizüberflutung, die die Betroffenen oftmals überfordert. Dabei lassen sich mit einer gut durchdachten Architektur Reize minimieren und inklusive Orte schaffen, von der auch nicht neurodiverse Menschen profitieren. Was fehlt, ist das Wissen bei den Planenden.

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Gestaltungskriterien für neuroinklusive Architektur

Daher untersuchte das Architekturbüro Lemay im Auftrag der kanadischen Stiftung Yvon Lamarre die Gestaltungskriterien für eine Architektur, die vor allem hochsensible und autistische Menschen berücksichtigt. Die Ergebnisse der Untersuchung gingen 2021 in die Studie Sensorische Fragmente ein und waren Grundlage für den Erweiterungsbau des Lise et Yvon Lamarre Center in Montreal.

Der Neubau schafft Wohnraum für 16 Menschen sowie weitere Räume für die Tagesbetreuung. Primäres Ziel war eine neuroinklusive, vor allem reizarme und übersichtliche Gestaltung. Das Gebäude folgt mit seinen Baulinien dem Zuschnitt des engen Grundstückes und bildet mit seinem Klinkermauerwerk eine Referenz zum benachbarten Altbau. Hinter der Fassade verbirgt sich eine Konstruktion in Holzrahmenbauweise. 

Logische Raumabfolge mit sanften Übergängen

Die neuroinklusive Gestaltung beginnt bei der logischen Grundrissabfolge mit einer feinen Abstufung von gemeinschaftlichen zu privaten Bereichen. So liegt, halb in der Erde versenkt, das Gartengeschoss mit seinen Räumen für die Tagesbetreuung. Darüber liegen die beiden Wohngeschosse, die über einen separaten Eingang zugänglich sind und sich in vier Cluster mit je vier privaten Zimmern plus gemeinsamem Wohnraum und Bad gruppieren. Auf jedem Geschoss liegen zwei Cluster, die über eine Wohnküche miteinander verbunden sind. Die räumliche logische Abfolge ist wichtig für die Bewohner*innen, sowohl für eine bessere Orientierung, als auch für ihren stufenweisen Rückzug in ruhige Privaträume. Die sanften Übergänge zwischen den Räumen und damit zwischen den Atmosphären und Reizen, also von leise zu laut, von weniger zu mehr frequentiert, von privat zu gemeinschaftlich, ermöglichen den Menschen, sich langsam und raumweise auf das nächste Level einzustellen.

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Farbgestaltung

Die Flurwände der Tagesbetreuung teilen sich in Farbsegmente, die farblich Bezug zu den jeweiligen Räumen nehmen. Fenster und abgerundete Raumübergänge ermöglichen ein erstes Hineinspähen in die folgenden Räume und vermeiden überraschende Begegnungen, die sensible Menschen stressen können. Bryan Merchand, projektleitender Architekt bei Lemay, sagt dazu: „Eine Person mit ASS muss antizipieren, was sie erleben wird. Deshalb ist es wichtig, die Schwellen zu markieren: Die Farben auf dem Boden bereiten sie darauf vor, in den nächsten Raum zu gelangen.“ In den Wohnetagen sind die Farben dezenter, jeweils einer Wohngruppe zugeordnet und betonen auch hier die gemeinsam genutzten Flächen der Flure und Wohnzimmer.

Geschützte Schwellenräume

Antizipieren bedeutet hier auch, dass Personen sich nicht nur innerhalb des Gebäudes zurechtfinden, sondern auch einen Bezug zur Außenwelt aufbauen, ohne gleich mit ihr in Kontakt treten zu müssen. Für die Fensteröffnungen war das richtige Maß an Tageslicht und Sichtschutz entscheidend. So erzeugen zum Beispiel Sitzecken an den Fenstern eine Schwelle, die Abstand schafft und zugleich zum Verweilen und Beobachten einlädt. Dem gleichen Prinzip folgen die Sitznischen in den Wohnküchen, in denen die Personen baulich geschützt an der Gemeinschaft teilhaben können.

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Verbesserungen der Raumakustik

Oberflächen aus Holz und Stoff sorgen für atmosphärische Wärme und eine Haptik, die der Orientierung hilft. Sie sorgen zudem für die Minimierung eines weiteren Reizes: Geräusche. So wirken in den Wohnküchen die Lamellendecken aus Holz schallabsorbierend, ebenso wie die hölzernen Wandeinbauten und Flurverkleidungen. Die abgehängten Decken der Flure und einiger weiterer Räume sind großflächig mit Akustikvlies belegt. In den Therapieräumen wechseln sich zudem einzelne an der Decke montierten Schallabsorber mit kreisrunden Deckenleuchten ab. Diese Maßnahmen absorbieren Schall, reduzieren seine Reflexion und den Nachhall und beruhigen so die Raumakustik.

Maßnahmen für den baulichen Schallschutz

Nicht sichtbar, aber hörbar sind die baulichen Schallschutzmaßnahmen, die den Lärm von außen reduzieren: So wurden zum Beispiel die Querschnitte der Lüftungsrohre vergrößert, um die Geräusche der durchströmenden Luft zu verringern. Ebenso sind die Außenwände samt der schalldämpfenden Wärmedämmung stärker dimensioniert, selbst die Glasscheiben haben zugunsten des Schallschutzes mehr Stärke. Das kommt auch der Energieeffizienz zugute, sodass das Gebäude, auch dank anderer Nachhaltigkeitsstrategien, als Zero Carbon Building (ZCB) zertifiziert wurde. 

Bautafel

Architektur: Lemay, Montréal
Projektbeteiligte: Martin Roy et associés, Deux-Montagnes (Gebäudetechnik), ELEMA experts-conseils, Montréal (Tragwerksplanung), Marchand Houle, Montréal (Bauingenieurwesen), Pomerleau, Montréal (Generalunternehmer)
Fertigstellung: 2025
Bauherrin: Fondation Yvon Lamarre
Standort: 1703 Desmarchais Boulevard, Montréal
Bildnachweis: Claude-Simon Langlois, Montréal

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