Menschen im Autismus-Spektrum nehmen Dinge sensibler, oft
intensiver, wahr. Sie hören, riechen, sehen, was andere nicht
wahrnehmen. Unsere Alltagswelt gleicht damit einer ständigen
Reizüberflutung, die die Betroffenen oftmals überfordert. Dabei
lassen sich mit einer gut durchdachten Architektur Reize minimieren
und inklusive Orte schaffen, von der auch nicht neurodiverse
Menschen profitieren. Was fehlt, ist das Wissen bei den
Planenden.
Galerie
Das neu gebaute Lise et Yvon Lamarre Center für Menschen im Autismus-Spektrum vereint Wohnräume und Tagesbetreuung.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
01|16
Halb in die Erde gegraben liegt die Tagesbetreuung mit verschiedenen Beschäftigungs- und Therapieräumen. Weil jedem Raum eine eigene Farbe zugeordnet ist, die sich im Flur fortsetzt, entsteht dort eine bunte Abfolge von Farben.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
02|16
Farben und Einblicke helfen dabei, sich auf den Raum vorzubereiten und plötzliche Wechsel und überraschende Begegnungen zur vermeiden.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
03|16
Als Akzent taucht die Farbe im Raum wieder auf, zum Beispiel als Akustikpaneel an der Decke.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
04|16
Ansonsten sind die Räume reizarm gestaltet. Für eine bessere Raumakustik sorgt u.a. die mit Vlies bezogene Deckenverkleidung.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
05|16
Das Treppenhaus orientiert sich zum benachbarten Buntglasfenster - wegen dieses Orientierungspunktes verläuft der Flur schräg durchs Gebäude.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
06|16
Weil Farbe Signalgeber ist, wird sie nicht unnötig eingesetzt. Hier reichen Holzflächen und helle Oberflächen, um eine warme, klare Raumatmosphäre zu schaffen.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
07|16
In den Wohnküchen verbessern Holzlamellen an der Decke die Akustik. Sitznischen bieten Rückzugsmöglichkeiten.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
08|16
Gekurvte Flächen an Decke und Wänden schaffen weiche, lenkende Übergänge.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
09|16
Jeder Wohngruppe ist eine Farbe zugeordnet, die in harmonischen Tönen gemeinsame Wohnbereiche und Flure begleitet.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
10|16
Die Decke bildet den Sitzbereich ab. Die Decken über den Fluren sind mit einem schallabsorbierenden Akustikvlies bezogen.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
11|16
Gleiche Möbel, andere Farben. Türen zu unwichtigen Räume verschwinden mit Ton-in-Ton-Gestaltungen.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
12|16
Tiefe Sitznischen am Fenster ermöglichen einen geschützten Blick nach draußen.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
13|16
Die Privatzimmerlassen sich beliebig von seinen Bewohner*innen gestalten. Opakes Glas sorgt für Helligkeit und reduziert zugleich die Reize.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
14|16
Visualisierung: Das Gebäude ist in einen künstlichen Hang gegraben. So werden die Eingänge ins Gebäude, zu den Wohnbereichen und zur Tagesbetreuung, barrierefrei.
Bild: Lemay, Montréal
15|16
Visualisierung der Straßenfassade aus Klinker in Anlehnung an den Altbau dahinter
Bild: Lemay, Montréal
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Gestaltungskriterien für neuroinklusive Architektur
Daher untersuchte das Architekturbüro Lemay im Auftrag der
kanadischen Stiftung Yvon Lamarre die Gestaltungskriterien für eine
Architektur, die vor allem hochsensible und autistische Menschen
berücksichtigt. Die Ergebnisse der Untersuchung gingen 2021 in die
Studie Sensorische Fragmente ein und waren Grundlage für den
Erweiterungsbau des Lise et Yvon Lamarre Center in
Montreal.
Der Neubau schafft Wohnraum für 16 Menschen sowie weitere Räume
für die Tagesbetreuung. Primäres Ziel war eine neuroinklusive, vor
allem reizarme und übersichtliche Gestaltung. Das Gebäude folgt mit
seinen Baulinien dem Zuschnitt des engen Grundstückes und bildet
mit seinem Klinkermauerwerk eine Referenz zum benachbarten Altbau.
Hinter der Fassade verbirgt sich eine Konstruktion in
Holzrahmenbauweise.
Logische Raumabfolge mit sanften Übergängen
Die neuroinklusive Gestaltung beginnt bei der logischen
Grundrissabfolge mit einer feinen Abstufung von gemeinschaftlichen
zu privaten Bereichen. So liegt, halb in der Erde versenkt, das
Gartengeschoss mit seinen Räumen für die Tagesbetreuung. Darüber
liegen die beiden Wohngeschosse, die über einen separaten Eingang
zugänglich sind und sich in vier Cluster mit je vier privaten
Zimmern plus gemeinsamem Wohnraum und Bad gruppieren. Auf jedem
Geschoss liegen zwei Cluster, die über eine Wohnküche miteinander
verbunden sind. Die räumliche logische Abfolge ist wichtig für die
Bewohner*innen, sowohl für eine bessere Orientierung, als auch für
ihren stufenweisen Rückzug in ruhige Privaträume. Die sanften
Übergänge zwischen den Räumen und damit zwischen den Atmosphären
und Reizen, also von leise zu laut, von weniger zu mehr
frequentiert, von privat zu gemeinschaftlich, ermöglichen den
Menschen, sich langsam und raumweise auf das nächste Level
einzustellen.
Galerie
Das neu gebaute Lise et Yvon Lamarre Center für Menschen im Autismus-Spektrum vereint Wohnräume und Tagesbetreuung.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
01|16
Halb in die Erde gegraben liegt die Tagesbetreuung mit verschiedenen Beschäftigungs- und Therapieräumen. Weil jedem Raum eine eigene Farbe zugeordnet ist, die sich im Flur fortsetzt, entsteht dort eine bunte Abfolge von Farben.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
02|16
Farben und Einblicke helfen dabei, sich auf den Raum vorzubereiten und plötzliche Wechsel und überraschende Begegnungen zur vermeiden.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
03|16
Als Akzent taucht die Farbe im Raum wieder auf, zum Beispiel als Akustikpaneel an der Decke.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
04|16
Ansonsten sind die Räume reizarm gestaltet. Für eine bessere Raumakustik sorgt u.a. die mit Vlies bezogene Deckenverkleidung.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
05|16
Das Treppenhaus orientiert sich zum benachbarten Buntglasfenster - wegen dieses Orientierungspunktes verläuft der Flur schräg durchs Gebäude.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
06|16
Weil Farbe Signalgeber ist, wird sie nicht unnötig eingesetzt. Hier reichen Holzflächen und helle Oberflächen, um eine warme, klare Raumatmosphäre zu schaffen.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
07|16
In den Wohnküchen verbessern Holzlamellen an der Decke die Akustik. Sitznischen bieten Rückzugsmöglichkeiten.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
08|16
Gekurvte Flächen an Decke und Wänden schaffen weiche, lenkende Übergänge.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
09|16
Jeder Wohngruppe ist eine Farbe zugeordnet, die in harmonischen Tönen gemeinsame Wohnbereiche und Flure begleitet.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
10|16
Die Decke bildet den Sitzbereich ab. Die Decken über den Fluren sind mit einem schallabsorbierenden Akustikvlies bezogen.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
11|16
Gleiche Möbel, andere Farben. Türen zu unwichtigen Räume verschwinden mit Ton-in-Ton-Gestaltungen.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
12|16
Tiefe Sitznischen am Fenster ermöglichen einen geschützten Blick nach draußen.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
13|16
Die Privatzimmerlassen sich beliebig von seinen Bewohner*innen gestalten. Opakes Glas sorgt für Helligkeit und reduziert zugleich die Reize.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
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Visualisierung: Das Gebäude ist in einen künstlichen Hang gegraben. So werden die Eingänge ins Gebäude, zu den Wohnbereichen und zur Tagesbetreuung, barrierefrei.
Bild: Lemay, Montréal
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Visualisierung der Straßenfassade aus Klinker in Anlehnung an den Altbau dahinter
Bild: Lemay, Montréal
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Farbgestaltung
Die Flurwände der Tagesbetreuung teilen sich in Farbsegmente,
die farblich Bezug zu den jeweiligen Räumen nehmen. Fenster und
abgerundete Raumübergänge ermöglichen ein erstes Hineinspähen in
die folgenden Räume und vermeiden überraschende Begegnungen, die
sensible Menschen stressen können. Bryan Merchand, projektleitender
Architekt bei Lemay, sagt dazu: „Eine Person mit ASS muss
antizipieren, was sie erleben wird. Deshalb ist es wichtig, die
Schwellen zu markieren: Die Farben auf dem Boden bereiten sie
darauf vor, in den nächsten Raum zu gelangen.“ In den Wohnetagen
sind die Farben dezenter, jeweils einer Wohngruppe zugeordnet und
betonen auch hier die gemeinsam genutzten Flächen der Flure und
Wohnzimmer.
Geschützte Schwellenräume
Antizipieren bedeutet hier auch, dass Personen sich nicht nur
innerhalb des Gebäudes zurechtfinden, sondern auch einen Bezug zur
Außenwelt aufbauen, ohne gleich mit ihr in Kontakt treten zu
müssen. Für die Fensteröffnungen war das richtige Maß an Tageslicht
und Sichtschutz entscheidend. So erzeugen zum Beispiel Sitzecken an
den Fenstern eine Schwelle, die Abstand schafft und zugleich zum
Verweilen und Beobachten einlädt. Dem gleichen Prinzip folgen die
Sitznischen in den Wohnküchen, in denen die Personen baulich
geschützt an der Gemeinschaft teilhaben können.
Galerie
Das neu gebaute Lise et Yvon Lamarre Center für Menschen im Autismus-Spektrum vereint Wohnräume und Tagesbetreuung.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
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Halb in die Erde gegraben liegt die Tagesbetreuung mit verschiedenen Beschäftigungs- und Therapieräumen. Weil jedem Raum eine eigene Farbe zugeordnet ist, die sich im Flur fortsetzt, entsteht dort eine bunte Abfolge von Farben.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
02|16
Farben und Einblicke helfen dabei, sich auf den Raum vorzubereiten und plötzliche Wechsel und überraschende Begegnungen zur vermeiden.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
03|16
Als Akzent taucht die Farbe im Raum wieder auf, zum Beispiel als Akustikpaneel an der Decke.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
04|16
Ansonsten sind die Räume reizarm gestaltet. Für eine bessere Raumakustik sorgt u.a. die mit Vlies bezogene Deckenverkleidung.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
05|16
Das Treppenhaus orientiert sich zum benachbarten Buntglasfenster - wegen dieses Orientierungspunktes verläuft der Flur schräg durchs Gebäude.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
06|16
Weil Farbe Signalgeber ist, wird sie nicht unnötig eingesetzt. Hier reichen Holzflächen und helle Oberflächen, um eine warme, klare Raumatmosphäre zu schaffen.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
07|16
In den Wohnküchen verbessern Holzlamellen an der Decke die Akustik. Sitznischen bieten Rückzugsmöglichkeiten.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
08|16
Gekurvte Flächen an Decke und Wänden schaffen weiche, lenkende Übergänge.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
09|16
Jeder Wohngruppe ist eine Farbe zugeordnet, die in harmonischen Tönen gemeinsame Wohnbereiche und Flure begleitet.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
10|16
Die Decke bildet den Sitzbereich ab. Die Decken über den Fluren sind mit einem schallabsorbierenden Akustikvlies bezogen.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
11|16
Gleiche Möbel, andere Farben. Türen zu unwichtigen Räume verschwinden mit Ton-in-Ton-Gestaltungen.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
12|16
Tiefe Sitznischen am Fenster ermöglichen einen geschützten Blick nach draußen.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
13|16
Die Privatzimmerlassen sich beliebig von seinen Bewohner*innen gestalten. Opakes Glas sorgt für Helligkeit und reduziert zugleich die Reize.
Bild: Claude-Simon Langlois, Montréal
14|16
Visualisierung: Das Gebäude ist in einen künstlichen Hang gegraben. So werden die Eingänge ins Gebäude, zu den Wohnbereichen und zur Tagesbetreuung, barrierefrei.
Bild: Lemay, Montréal
15|16
Visualisierung der Straßenfassade aus Klinker in Anlehnung an den Altbau dahinter
Oberflächen aus Holz und Stoff sorgen für atmosphärische Wärme
und eine Haptik, die der Orientierung hilft. Sie sorgen zudem für
die Minimierung eines weiteren Reizes: Geräusche. So wirken in den
Wohnküchen die Lamellendecken aus Holz schallabsorbierend, ebenso
wie die hölzernen Wandeinbauten und Flurverkleidungen. Die
abgehängten Decken der Flure und einiger weiterer Räume sind
großflächig mit Akustikvlies belegt. In den Therapieräumen wechseln
sich zudem einzelne an der Decke montierten Schallabsorber mit
kreisrunden Deckenleuchten ab. Diese Maßnahmen absorbieren Schall,
reduzieren seine Reflexion und den Nachhall und
beruhigen so die Raumakustik.
Maßnahmen für den baulichen Schallschutz
Nicht sichtbar, aber hörbar sind die baulichen
Schallschutzmaßnahmen, die den Lärm von außen reduzieren: So wurden zum
Beispiel die Querschnitte der Lüftungsrohre vergrößert, um die
Geräusche der durchströmenden Luft zu verringern. Ebenso sind die
Außenwände samt der schalldämpfenden Wärmedämmung stärker
dimensioniert, selbst die Glasscheiben haben zugunsten des
Schallschutzes mehr Stärke. Das kommt auch der Energieeffizienz
zugute, sodass das Gebäude, auch dank anderer
Nachhaltigkeitsstrategien, als Zero Carbon Building (ZCB)
zertifiziert wurde.
15 Bewohner leben in dem Hospiz. Alle haben eine eigene Terrasse mit barrierefreiem Zugang
Bild: Adam Mørk, Kopenhagen
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