Bridge House in Karjat

Bewohnte Brücke in experimenteller Bauweise

In den grünen Hügeln östlich der indischen Metropole Mumbai spannt sich eine organisch anmutende Architektur über das Terrain: Das Bridge House stammt aus der Feder des indischen Architekturbüros Wallmakers, das von Vinu Daniel geleitet wird. Gemeinsam mit Preksha Shah, Ramika Gupta und lokalen Handwerker*innen schuf das Team eine Architektur, die sich an dem lokalen Wasserkreislauf anpasst, mit Materialien und Konstruktion experimentiert und die Herausforderungen des Standorts zum prägenden Gestaltungselement erklärt.

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Das Grundstück liegt in Karjat, einer hügeligen Region im Bundesstaat Maharashtra, und ist von einem sieben Meter tiefen Flussbett durchzogen, welches das Gelände unterteilt. Der private Bauherr wünschte beide Areale mit einer Brücke zu verbinden. Wallmakers schlugen vor, die Brücke nicht nur als reine Infrastruktur sondern als bewohnte Architektur zu gestalten. Die klimatischen Bedingungen stellten eine Herausforderung dar: Während der Monsunzeit fallen pro Jahr bis zu 2000 Millimeter Regen pro Quadratmeter – in Deutschland sind es zum Vergleich 600 bis 800 Millimeter. Auf den Regen folgen heiße, trockene Sommer. Das Gebäude sollte daher sowohl atmungsaktiv als auch wasserabweisend sein, so die Architekt*innen. Auch der Fluss, der überbaut werden sollte, verlangte besondere Lösungen.

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Anforderungen des lokalen Wasserkreislaufs

Die Fundamente des Bridge House mussten außerhalb der 30 Meter breiten Flutungszone liegen, da das Gewässer innerhalb kürzester Zeit anschwellen kann. Dies liegt nicht nur am Monsunregen, sondern auch daran, dass der Fluss als Überlaufkanal für das benachbarte Bhivpuri Wasserkraftwerk fungiert. Seit 1922 erzeugt das Kraftwerk Strom aus dem Wasser des aufgestauten Indrayani Flusses und versorgt Mumbai mit Elektrizität. Die hierfür geschaffene, nahegelegene Stauseenlandschaft dient zur Bewässerung der Landwirtschaft und gilt zugleich als touristisches Highlight der Region. Der Überlaufkanal ist dahingehend ein zentrales Sicherheitselement des Wasserkraftwerks, über das überschüssiges Wasser kontrolliert abgeleitet werden kann, wenn die Turbinen an ihre Grenzen stoßen. Um den Kanal funktionsfähig zu halten, mussten nicht nur die Flutungszone, sondern auch die Bauhöhe beachtet werden, um ausreichend Platz für Bagger zu lassen, die das Flussbett regelmäßig reinigen. 

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Stahl, Lehm und Stroh

Diese Vorgaben bestimmen die Konstruktion: Dreieckige Fachwerkträger aus Stahl stützen die 30 Meter lange Brücke und leiten die Kräfte in die Fundamente. Wallmakers bemühten sich, primär mit lokalen Materialien zu arbeiten und experimentierten während der vierjährigen Bauzeit über die Jahreszeiten und deren Anforderungen hinweg mit der Konstruktion. Die Gebäudehülle besteht aus einer doppelt gekrümmten Netzstruktur: Gespannte Drähte bilden ein Skelettgitter, das mit Lehm verkleidet und außen mit Stroh bedeckt ist. Die Lehmbeschichtung schafft laut Architekt*innen eine Schalenkonstruktion, deren Dicke von den Ufern bis zur Mitte der Spannweite variiert und so die Stabilität der Konstruktion gewährleistet. Gleichzeitig sorgt die Lehmputzbeschichtung für ein angenehmes Raumklima und schützt das Stahlnetz. Diese Konstruktion umhüllt und verdeckt das darunterliegende Brückentragwerk. Die überlappenden Strohelemente der Fassade verleihen dem Bauwerk ein organisches Erscheinungsbild, das an Schuppentiere erinnert.

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Fluide Raumabfolge 

Die Architektur wird entlang der linearen Brückenachse erschlossen. Auf der gegenüberliegenden Uferseite endet die Brücke vor einem dreieckigen Pool. Entlang der oberen Erschließungsebene reihen sich verschiedene Aufenthaltsbereiche, die als fluide Raumabfolge von Jute- und Bambuswänden in weitläufige und intime Bereiche unterteilt werden. Eine mittige Lichtspalte in der Netzstruktur lässt diffuses Tageslicht ins Innere. In der Mitte der Brücke durchbricht ein Oberlicht die Lehmhülle, das die Architekt*innen als choreographisches Element verstehen. Das durchlässige Oberlicht lässt Regenwasser in das Gebäude dringen, das durch Bodenschlitze in den darunter liegenden Fluss geleitet wird – das Wasser fließt durch das Gebäude hindurch. Schlaf- und Badezimmer liegen an beiden Uferseiten auf einer unteren Ebene, die über Treppen erreichbar ist. Dank eines Abstandes zwischen Außenhaut und Brückenkonstruktion entstehen Sichtbeziehungen zwischen den Ebenen. Hier laden aufgespannte Netze zum Verweilen ein – ein Ort zum Abhängen im doppelten Wortsinn. -hs

Bautafel

Architektur: Wallmakers, Indien
Bauherrschaft: Privat
Fertigstellung: 2025
Standort: Karjat, Maharashtra, Indien 
Bildnachweis: Studio IKSHA (Fotos); Wallmakers (Pläne)

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