Dar El Farina in Al Haouz

Traditionelle Wasserinfrastruktur neu interpretiert

Südlich von Marrakesch, am Fuß des Atlasgebirges, liegt die Region Al Haouz. Die aride Gegend wurde im Laufe der Jahrtausende durch ausgeklügelte Wasserinfrastrukturen urbar gemacht: Stampflehmwände trennten die landwirtschaftlichen Flächen. Leopold Banchini Architects nehmen dieses kulturtechnische und architektonische Erbe in ihrem Entwurf für ein Ferienhaus in Al Haouz auf und geben diesem eine neue skulpturale Form. Gemeinsam mit der lokalen Architektin Sana Nabaha setzten sie den Entwurf um.

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Das Gebäude ist am hinteren Ende eines 115 Quadratmeter großen, von einer Lehmmauer umfassten Grundstücks platziert. Es erstreckt sich über rund 80 Meter Länge, ist dagegen jedoch nur wenige Meter breit. Die für diese Region traditionelle Typologie des Atriumhauses übersetzten die Architekt*innen in eine langgezogene Raumabfolge. Zwei parallele, langgestreckte Stampflehmwände begrenzen den Innenraum und sind als Referenz auf die traditionellen Grundstücksgrenzen gedacht. Ein weiteres Indiz zur landwirtschaftlich genutzten Kulturlandschaft liefert der Projektname „Dar El Farina“ – Haus des Getreides.

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Mesref und Khettara

Die langgestreckte Form des Gebäudes orientiert sich an den lokalen Wasserinfrastrukturen Mesref und Khettara, die das Gelände durchziehen. Der Mesref, ein kleiner Wasserkanal, gehört zu einem verzweigten Kanalnetz, das Regenwasser vom Hohen Atlasgebirge auffängt und nach Al Haouz leitet. Die Khettara, ein unterirdischer Entwässerungsstollen, entstand vor Jahrtausenden unter der Berberdynastie der Almoraviden. Sie transportiert Wasser aus entfernten Grundwasserquellen nach Marrakesch und in das trockene Gebiet von Al Haouz. Dank der kontinuierlich instandgehaltenen und bewirtschafteten Khettaras konnten die Bäuer*innen des Haouz ihre Felder jederzeit zuverlässig mit Grundwasser bewässern. Obwohl das Wasser meist unterirdisch fließt, bildet es somit einen wichtigen Bestandteil dieser trockenen Landschaft.

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Zwei Landschaften, ein Konzept 

Das Ferienhaus teilt das Grundstück in zwei kontrastierende Bereiche. Auf der Eingangsseite bleibt das wüstenartige Land scheinbar unberührt, durchbrochen von einer geschwungenen Pflanzenreihe, die einem Wasserlauf folgt. Dieser endet in einem runden Wasserbecken, durch das Trittsteine zum zentralen Eingang führen – dem einzigen Zugang. Auf der Rückseite des Hauses öffnet sich ein Garten mit einheimischen Pflanzen, die dank des Wassers von Mesref und Khettara gedeihen. Auf dieser Seite verbinden zehn Zugänge den Außen- mit dem Innenraum.

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Auch im Gebäudeinneren spielt Wasser eine zentrale Rolle. Statt abgetrennter Räume entfalten sich die Wohnbereiche entlang einer Enfilade, die durch Wasserbecken und Oberlichter gegliedert ist. Große, mittelachsig gelagerte Drehtüren ersetzen Zwischenwände und ermöglichen flexible Raumaufteilungen. Wände und Böden bestehen aus gepresstem Lehm, die Decke aus Ortbeton. Die Oberflächen kontrastieren mit den Oberlichtern, deren Inneres mit bunten Zellige-Fliesen verkleidet ist. Diese zweifach gebrannten, glasierten und manuell zugeschnittenen Tonfliesen wurden in einem benachbarten Dorf hergestellt. Die unterschiedliche Glasur färbt das ins Haus fallende Sonnenlicht, das anschließend von den Wasserflächen im Gebäudeinneren reflektiert wird. Zusammen mit den dicken Lehmwänden und der Vegetation schaffen die Wasserbecken ein kühles Mikroklima. Durch die Nutzung von Sonne, thermischer Masse und lokalem Wasser bleibt das Haus laut Leopold Banchini Architects autark. - hs

Bautafel

Architektur: Leopold Banchini Architects, Genf
Projektbeteiligte: Sana Nabaha (Architektin vor Ort)
Bauherrschaft: Privat
Fertigstellung: 2024
Standort: Al Haouz, Marokko 
Bildnachweis: Rory Gardiner (Fotos); Leopold Banchini Architects (Pläne)

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