Rutschhemmung nachträglich erzielen

Nach den Unfallstatistiken der gewerblichen Berufsgenossen­schaften liegen Stolper-, Rutsch- und Sturzunfälle seit Jahren an der Spitze des Unfallgeschehens, wobei in etwa der Hälfte der Fälle der Fußboden als Unfall auslösender Gegenstand genannt wird. Ursache ist häufig eine unzureichende, nicht an den vorhandenen Rutschgefahren orientierte Rutschhemmung der Bodenbeläge. Insbesondere bei hochglänzenden polierten Fliesenböden werden die Anforderungen an die Rutschhemmung häufig nicht berücksichtigt, so dass nachträgliche Veränderungen erforderlich sind. Dies gilt umso mehr in Barfußzonen wie sie in Wellnessbereichen üblich sind. Wasser am Boden führt nämlich zu einer erheblichen Verminderung der Reibungswerte gegenüber dem trockenen Zustand. Für nicht ausreichend rutschsichere Fliesenböden – sowohl in mit Schuhen begangenen als auch in Barfußzonen – stehen mechanische sowie chemische Methoden zur Rutschhemmung zur Verfügung.

Gallerie

Anti-Rutsch-Chemie
Die chemischen Mittel zur Erhöhung der Rutschhemmung haben eines gemeinsam: Sie erzeugen eine chemische Reaktion auf der Oberfläche der Fliese. Das jeweilige Wirkpräparat reagiert mit den im Bodenbelag vorhandenen Mineralien und löst diese teilweise heraus. Dadurch wird der Stein aufgeraut. Die entstehenden mikroskopisch kleinen Vertiefungen in der Oberfläche erhöhen den Gleitwiderstand und verbessern die rutschhemmenden Eigenschaften.

Ein anderes Mittel besteht aus einer Ammoniumverbindung, welche ebenfalls die Oberflächenstruktur der Fliese im mikroskopischen Bereich verändert und den Friktionskoeffizienten bei Nässe um ein Vielfaches erhöht (Friktion = Haftung durch Reibung). Nach Angaben der Anbieter sind mit dem Mittel behandelte Flächen nach einer einmaligen Behandlung für mehrere Jahre rutschhemmend, bleiben reinigungsfähig und hygienisch einwandfrei. Mehr als R 9 oder – was im Barfussbereich gefordert ist – Bewertungsgruppe A laut der hier geltenden DIN 51097 lässt sich mit chemischen Mitteln allerdings nicht erreichen. Für den Wellnessbereich bedeutet dies: Polierte Fliesen sind – selbst mit nachträglicher Behandlung – nur in weitgehend trockenen Barfußgängen, Umkleideräumen, Beckenböden im Nichtschwimmerbecken (Wassertiefe ≤ 80 cm) sowie Sauna- und Ruhebereichen einsetzbar.

Wenn auch die chemische Anti-Rutsch-Behandlung der Reinigung standhalten soll, ist die Verwendung von nachfettenden oder filmbildenden Reinigern zu vermeiden. Schmierseife etwa macht auch einen rutschfesten Boden zur Schlingerbahn. Außerdem bestimmt die Abriebfestigkeit der Fliese die Dauerhaftigkeit der Maßnahme. Mit dem Verschleiß der Oberfläche setzt nämlich auch wieder eine Verglättung ein, so dass nach einigen Jahren möglicherweise eine erneute Behandlung erforderlich wird.

Rutschsicherung durch Beschichtung und Beklebung
Für Treppenstufen, Schwimmbeckenränder oder Duschkabinen eignen sich partielle Antirutsch-Streifen, die auf die Fliesen geklebt werden. Hier steht ein ganzes Sortiment an Nasszonen-Belägen zur Verfügung, das vom Vinylbelag in offener Schlingen- oder Wellenstruktur über Antirutsch-Streifen mit Kunststoffgranulat-Beschichtung für Nasszonen bis zu Streifenbelägen mit rutschhemmender Mineralkörnung für Treppenstufen reicht.

Neben dem Bekleben bieten manche Anbieter auch Anti-Rutsch-Beschichtungen für Treppenstufen an. Dabei handelt es sich um eine zweikomponentige Epoxidharzbeschichtung, die zwischen zwei aufgeklebten Selbstklebebändern mit der Kartusche aufgetragen wird. Sie sorgt dort für besonders rutschsichere (R 11) Flächen auf den Fliesen. Nach dem Auftragen wird die Beschichtung mit einem Teflonspachtel oberflächenbündig mit dem Klebeband abgezogen und die Klebebänder entfernt.

Mechanische Rutschhemmung
Bei der mechanischen Rutschhemmung handelt es sich um eine Behandlungsmethode, die nahezu ausschließlich vor der Verlegung angewandt wird. Im Unterschied zur chemischen Behandlung ist das Ergebnis nicht auf die Rutschsicherheitsklasse R 9 beschränkt. Mechanische Formen der Oberflächenbearbeitung wie das Flammen und Stocken eignen sich gut für Natursteine, allerdings nicht für keramische Fliesen. Was hier bleibt, ist das Sand- und Korundstrahlen.

Die Sandstrahltechnik ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass eine Fliese derart aufgeraut werden kann, dass einerseits eine Rutschfestigkeit entsteht, andererseits der Boden aber eben bleibt. Gesandstrahlte Fliesen eignen sich also auch gut für Wellness-Fußböden. Allerdings sind Sand und Korund schon lange nicht mehr die einzigen Strahlmittel. Auch die Oberflächenveredelung von Fliesen durch Strahlen mit rostfreien Edelstahl-Strahlmitteln ist ein seit langer Zeit gebräuchliches Verfahren. Durch das sogenannte Fein- oder Strukturstrahlen entsteht eine rutschfeste und trittsichere, gleichmäßig veredelte Oberfläche.

Die zu erzielende Optik gestrahlter Fliesen verlangt aber auch besondere Strahlmedien. Bei der Verwendung normaler ferritischer (eisenhaltiger) Strahlmittel besteht die Möglichkeit, dass es durch das Verbleiben feinster ferritischer Stäube auf der Oberfläche oder verklemmter einzelner Körner in der Oberfläche zu einer Braunverfärbung durch Rosten kommen kann. Hässliche Fleckenbildung ist durch die Verwendung der rostfreien Edelstahlgußstrahlmittel Chronital und Grittal ausgeschlossen. In Druckluft- und Schleuderradanlagen gleichermaßen einsetzbar, erfüllen Chronital und Grittal alle Anforderungen an ein leistungsstarkes Edelstahl-Strahlmittel, verbunden mit den Vorteilen der Rostfreiheit. Von einem Maschinenhersteller gibt es sogar eine Spezialmaschine, die das nachträgliche Strahlen in Nassbereichen, also beispielsweise in einem Wellness-Bad ermöglicht.

Laserbehandlung
Weder chemisch noch wirklich mechanisch schließlich ist die Laserbehandlung. Forscher vom Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS in Dresden entwickelten ein Laserverfahren, mit dem die Fliesenoberflächen rutschfest gemacht werden, aber gleichzeitig Glanz und Farbintensität behalten. Die neueste Variante: Ein mobiles Gerät, mit dem auch bereits verlegte Fliesen bearbeitet werden können. Wie bei der chemotechnischen Behandlung entstehen auf der Steinoberfläche Millionen mikroskopisch kleine Poren, die bei Nässe wie Saugnäpfe wirken und zudem die Reibung zwischen Fußsohle und Bodenoberfläche erhöhen. Durch die Laserbehandlung wird erreicht, dass der Fuß stetig abgebremst wird ohne ruckartig zu stoppen.

Der gepulste Laserstrahl erzeugt Mikrokrater in der Steinoberfläche. Je nachdem, wie groß der Abstand und die Abmessung der einzelnen Krater sind, lassen sich verschiedene Grade der rutschhemmenden Wirkung einstellen. Entsprechend den geforderten Sicherheitsstandards können zwischen 400 und 1.275 Krater pro Quadratzentimeter bei Abständen von 0,28 bis 0,5 Millimeter erzeugt werden. Nach der Bearbeitung verlieren die polierten Steine nur geringfügig von ihrem Glanz und den strahlenden Farben. Zudem sind die Minimulden so angelegt, dass sich die Platten weiterhin einfach reinigen lassen.

Flusssäure-Behandlung
Wer sich für eine Behandlung mit Flusssäure entscheidet, sollte unbedingt ein geeignetes Spezialunternehmen beauftragen. Die Fliesen werden mit der Säure abgestumpft; hierunter leidet die Hochglanzpolitur polierter Fliesen. Chemische Nachbehandlungen sind aus der Sicht des Betreibers aber nur dann sinnvoll, wenn neben der Verbesserung der Rutschhemmung der optische Eindruck nicht wesentlich beeinträchtigt wird und der Fußboden reinigungsfähig bleibt. Wegen der Gefahr des Glanzverlustes bei polierten Flächen sollten bei allen Produkten stets Testflächen im Vorfeld angelegt werden. Außerdem ist in den technischen Merkblättern der Hersteller nachzulesen: „Die Anrauung kann zu erhöhter Schmutzempfindlichkeit führen“. Die normale Unterhaltsreinigung kann erschwert werden und eine Grundreinigung öfter notwendig machen.

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