Caffé Nazionale in Arzignano

Arkaden, Pivot-Türen, Zwillingsbögen, Baustellen-Fenster

Arzignano ist eine norditalienische Kleinstadt unweit von Vicenza in Venetien. Den Mittelpunkt der Stadt bildet die Piazza Libertà, der Freiheitsplatz, mit dem Rathaus. Dieser Bau ähnelt mit einem Arkadengang und der mit Marmor und Stuck verzierten Fassade einem Palazzo aus dem 16. Jahrhundert, ist aber ein eklektizistisches Werk des Architekten Antonio Caregaro Negrin (1821 – 1898).

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Im 19. Jahrhundert war dieser ein in der Region angesehener Architekt, der zahlreiche im Stil des Historismus zwischen Neoromanik und Neorenaissance changierende repräsentative Bauten schuf. Im Arkadengang befand sich ein bei den Einwohnern beliebtes Café mit dem stolzen Namen Caffé Nazionale. Es wurde wie ein öffentliches Wohnzimmer wahrgenommen, zumal es sich im Laufe des Tages in eine Bar mit Restaurant wandelte. Während der Corona-Pandemie wurde es geschlossen.  

Freilegung von räumlichen Qualitäten  

Nach einem mehrjährigen Umbau als umfassende Revitalisierung wurde die Café-Bar mit einem ambitionierten Gastronomie-Konzept Ende 2024 wieder eröffnet. Den Auftrag übernahm das von Marcello Galiotto und Alessandra Rampazzo gegründete Architekturbüro AMAA, das über Erfahrungen in Venedig, New York und Tokyo verfügt. Den gesamten Entwurfs- und Realisierungsprozess haben Bürgermeisterin Alessia Bevilacqua, eine Gruppe engagierter Sponsoren um den Unternehmer Marco Mettifogo, ein Gourmet-Chefkoch und der Künstler Alessandro Neretti engagiert unterstützt.

Als allererste Maßnahme wurde aufgeräumt und das vorhandene Mobiliar mitsamt Tresen abgebaut. Überformungen wie Einbauten, Raumteiler, abgehängte Decken und Verkleidungen wurden entfernt – also alles, was sich seit der Einweihung kurz vor der vorletzten Jahrhundertwende angesammelt hatte. Schließlich blieb eine Art bauzeitlicher Rohbau mit Patina übrig. Die Architekten stellten selbst erstaunt fest: „ Dieser Freilegungsprozess war ein wahrer Akt der Entdeckung“.

Die nun geradezu archäologisch wiederentdeckten Räume mit einer Fläche von 325 m2 beeindrucken nun nicht nur durch ihre knapp 4 m hohe Decke, sondern auch wegen ihrer Säulen, Pilaster, Zwillingsbögen, Kapitelle, Supraporten sowie Reste von Fresken und farbigen Bodenmosaiken. Durch die Einbeziehung der Arkaden erweitert sich die Nutzfläche um zusätzliche 110 m2. Die Gewölbe im Untergeschoss werden als Weinkeller genutzt.

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Mock-Ups und Layering von Zeitschichten

Die Architekt*innen strebten keine historisierende Komplettsanierung an. Stattdessen entwickelte das Team Strategien für ein konzeptionelles Aufzeigen und spielerisches Kommentieren der unterschiedlichen Zeitschichten. Modelle und Mock-Ups waren daher im Entwurfsprozess die bevorzugte Methode und erleichterten die Kommunikation mit allen Projektbeteiligten. 

Elemente der bauzeitlichen Vergangenheit, die wiederum eine historische Interpretation von Romanik und Renaissance sind, ebenso wie vereinzelte Jugendstil-Dekorationen bleiben sichtbar. Diese stehen gleichberechtigt neben Spuren der verschiedenen Umnutzungen in der 1950er- und 1960er-Jahren. Neu hinzugefügte zeitgenössische Elemente schreiben dieses Layering fort als eine zeitlich nicht begrenzte Geschichte.

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Achsen, Rhythmus, Pivot-Eingangstür

Das Rathaus hat an Seite der Piazza, an der sich das Café befindet, eine Arkade mit sieben Bögen. Der mittlere Bogen steht in einer städtebaulichen Sichtachse zum Portal des etwa zeitgleich errichteten ehemaligen Bahnhofsgebäudes, denn Rathaus und Bahnhof waren sowohl inhaltlich als auch wirtschaftlich verknüpft. 

In ihrer Dimensionierung und dekorativen Gestaltung mit Pilastern und Archivolten entsprechen die Fassadenfelder an der Innenseite den Bögen der Arkade. Das Feld, das sich genau hinter dem mittleren Arkadenbogen befindet, ist besonders prächtig geschmückt, mit Reliefs und sogar einer kreisrunden Uhr in der Supraporte. In dieses Feld, das den Rhythmus der Fassade dominiert, ist die neue Eingangstür eingefügt. 

Ausgewählt und detailliert wurde eine Pivot-Tür, die von innen und außen mit brüniertem Eisen verkleidet ist. Mit ihrer kräftigen, flächig-braunen bis dunkelroten Materialität wirkt sie wie ein Widerspruch zum hellbeigen Marmor der Arkaden und betont dadurch den Eingang umso mehr. Den Drücker gestaltete der Künstler Alessandro Neretti als einen polygonalen Pyramidenstumpf aus grünlichem Marmor, der aus den Steinbrüchen des nahen Tals von Valmalenco stammt.

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Fenster, Zwillingsbögen, Enfilade

Die Bogenfelder an der Innenseite der Arkade unterteilt ein Kämpfer in eine rechteckige Öffnung mit einem bogenförmigen Oberlicht. Diesen Konturen folgend wurden die Felder festverglast. Auf Sprossen oder sonstige Halbierungen verzichtete man, um größtmögliche, ungestörte Ein- und Aussicht zu erzielen. Die Profile der Rahmen nehmen mit ihrer dunkelbraunen Optik die brünierte Oberfläche der Eingangstür auf.

Das Innere des Cafés gliedern zwei Zwillingsbögen mit einer filigranen Säule in eine dreiteilige Enfilade. Im mittleren und zentralen Raumbereich befindet sich der Tresen, der als ein nahezu monolitischer Edelstahlblock an Werke des amerikanischen Minimal-Art-Künstlers Donald Judd erinnert.

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Im seitlich angrenzenden Gastraum wurde das Konzept des Eklektizismus beim Mobiliar wieder aufgegriffen. Die Stühle sind eine Mid-Century-Mischung aus Harry Bertoia, Ray und Charles Eames, Arne Jacobsen, Egon Eiermann und Thonet-Freischwingern. Dazu gesellen sich Lederkissen auf länglichen Holzbänken und mit Linoleum bezogene Tische. Zwischen Tresen und Küche führt eine gewendelte Treppe in einen weiteren Gastraum, der für den Restaurantbetrieb und geschlossene Veranstaltungen gedacht ist.

Spiegelung, Rhythmus

An der hinteren Längswand spiegelt ein gefalteter und perforierter Metallvorhang die Bögen, Säulen und Pilaster der Arkaden – ähnlich einem Kaleidoskop. In diesen Metall-Layer ist eine weitere Pivot-Tür als Zugang zu den Sanitärräumen integriert. Vorgefundene und wieder sichtbar gemachte Streifen und Felder im Mosaikboden wiederholen und betonen den Rhythmus der Arkaden. Die räumliche Geometrie wird ebenfalls an den Decken thematisiert. Während im Tresenraum die historische Holzbalkendecke freigelegt wurde, erhielt der Gastraum eine neue hölzerne Kassettendecke, die als visueller Kontrast in die Diagonale gedreht wurde.

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Nebentüren, Baustellen-Fenster, Collage

Schlichte, weiße Türen in Wänden mit der Anmutung eines unfertigen Trockenbaus erschließen die Neben- und Sanitärräume. Auch die gemauerten seitlichen Wände bleiben mit einzelnen Putz- und Farbresten rau und roh. Selbst die raumhohen Fenster zum rückwärtigen Garten wirken wie Teile einer im unvollendeten Zustand zurückgelassenen Baustelle.

Diese collagenartigen Brüche sollen als spielerische Verweise auf Vergänglichkeit, Alterungsprozesse und zeitliche Erwartungen angesichts des hundertjährigen Bestands gelesen werden. Die Schichtung von Fragmenten und Kontrasten – transparent gegen opak, filigran gegen wuchtig-schwer, immobil-starr gegen beweglich, dunkel gegen hell, rau gegen glatt – sind sehr sorgfältig komponiert und proportioniert. Sie respektieren den Bestand und dessen Bau- und Nutzungsgeschichte, so als sei das neue Café nur als eine temporäre Zwischennutzung zu Gast. Die Revitalisierung zeigt zudem, wie historische und mit Bedeutung aufgeladene Räume für heutige Bedürfnisse attraktiv adaptiert und zukunftsfähig gemacht werden können. -sj

Bautafel

Architektur: AMAA (Marcello Galiotto, Francesca Fasiol, Eleonora Folli, Virna Rossetto), Arzignano/Venedig/NewYork
Projektbeteiligte: Mara Tirapelle (Modelle); Nero/Alessandro Neretti (Kunstobjekte und Mock-Ups); Simone Michelotti (Tragwerk); Riccardo D’Alessandro (Haustechnik); Nicola Rosa (Brandschutz); Simone Michelotti (Sicherheitskoordinierung); Luca Dal Cengio (Akustik); Stefan Marx (Grafiken); Moredile of Morabito Massimo Casillo (Bauausführung)
Bauherr*in: Stadtverwaltung Arzignano; MAM (Marco Mettifogo, Andrea Poli, Marcello Galiotto)
Fertigstellung: 2024
Standort: Piazza Libertà 10, 36071 Arzignano, Italien
Bildnachweis: Mikael Olsson, Stockholm; Rory Gardiner, London; Simone Bossi, Mailand (Fotos); AMAA (Pläne) über The Architecture Curator, Florenz

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Ein Mockup, manchmal auch Mock-Up geschrieben, ist ein Teilausschnitt einer Fassade oder auch eines Raums zur Bemusterung im Maßstab 1:1, also ein originalgetreues Modell in sogenannter Lebensgröße und vor Ort auf der Baustelle.

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Ein Mockup ist ein Teilausschnitt einer Fassade oder auch eines Raums im Maßstab 1:1 und dient der Bemusterung von Material, Farbe und Details in Originalgröße.

Pivot-Türen sind eine besondere Form der Drehtür. Die Bezeichnung leitet sich vom französischen Verb pivoter (= schwenken, schwingen) her (im Bild: geöffneter Zustand einer Aluminium-Holz-Pivot-Tür in einem Atrium in Amsterdam).

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