Viktorianische Glashäuser und Wintergärten

Vorbild: UNESCO Weltkulturerbe Kew Gardens, London

Im 18. Jahrhundert unternahm der englische Seefahrer, Kapitän, Navigator und Kartograph James Cook dreimal Expeditionen um die Welt, bevor er auf 1778 auf Hawaii ermordet wude. Die auf seinem Segelschiff mitreisenden Entdecker und Forscher waren unter anderem die Botaniker Joseph Banks, der später der erste Leiter der Kew Gardens wurde, Johann Reinhold Forster und Daniel Carlsson Solander. Nach ihnen wurden Pflanzen und Orte benannt wie z. B. die Solander Islands in Neuseeland, oder auch die ganze Pflanzengattung Forstera. Sie brachten unzählige exotische Pflanzen, Samen und Früchte mit nach Europa und nach London – und damit in eine ganz andere Klimazone. Auch auf dem durch die „Meuterei auf der Bounty", verfilmt mit Marlon Brando als Anführer Fletcher Christian, legendär gewordenen Segelschiff reisten vor 300 Jahren zwei Botaniker der Kew Gardens mit, die den Auftrag hatten auf den pazifischen Inseln Pflanzen einzusammeln für die heimischen Gärten.

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Kew Gardens als Vorbild für ganz Europa

Die enorme Herausforderung bestand also darin, die tropischen und subtropischen Pflanzen insbesondere durch die hierzulande kalten Herbst- und Wintermonate zu retten, sie vor Frost zu schützen und mit soviel Sonnenlicht wie möglich zu versorgen. „Conservatory", die englische Übersetzung für Wintergarten, beinhaltet wortwörtlich die Aufgabe dieser Glas- und Gewächshäuser, nämlich Pflanzen zu konservieren, also zu erhalten, zu pflegen und zu studieren.

Bereits 1759 hatte Augusta, die damalige Prinzessin von Wales, im Südwesten Londons einen botanischen Garten gegründet. Zur systematischen wissenschaftlichen Erforschung dieser exotischen Pflanzen wurden die Kew Gardens nicht nur flächenmässig erweitert, sondern ab 1844 um mehrere Conservatories ergänzt – diese zählen heute zu den berühmtesten viktorianischen Wintergärten und sind Vorbild für ähnliche Anlagen in ganz Europa.

Palmenhaus

Das Palmenhaus (oder auch Tropenhaus) der Anlage wurde 1844 bis 1848 von Decimus Burton und Richard Turner erbaut. Mit knapp 3.400 m2 Fläche und einer Höhe von knapp 20 m war es Mitte des 19. Jahrhunderts das weltweit größte dieser Art von Wintergarten. Die Wände aus Gußeisen und Glas sind als teils übereinander gesetzte Halbschalen mit radialen Segmentbögen an den Stirnseiten gewölbt, um zeitlich so lange wie möglich einen steilen Sonneneinfalls-Winkel auf die Scheiben zu ermöglichen. Bei der Optimierung dieser Konstruktion orientierten sich Burton und Turner am Skelettbau von Segelschiffen mit Spanten, Kiel und Stringern. Der Kiel, also hier der First, ist dagegen als Lichtgaden konstruiert und übernimmt so Prinzipien aus dem Bau von gotischen Kathedralen – nur nicht zur Schaffung sakraler Belichtung, sondern zur maximalen Tageslichtausbeute und zur Lüftung. Diese ungewöhnliche, aber sehr funktionale Konzeption ermöglichte ein extrem filigranes Skelett, das mit 16.000 Glasscheiben beplankt ist. Die von der Ekliptik der Sonne bestimmte Kubatur erinnert nicht von ungefähr an heutige Blobs und parametrische Architektur, wie z. B. die Londoner City Hall (2002) von Sir Norman Foster oder auch dessen Londoner Swiss-Re-Tower von 2004, auch „The Gerkin" genannt, die Gurke.

Das Innere des Palmenhauses ist bei 75% Luftfeuchtigkeit mit einer Fußbodenheizung auf 18° bis maximal 28° beheizt und kann bei höheren Temperaturen durch Lüftung reguliert werden. Die Heizung erfolgte ursprünglich mit Kohleöfen im Untergeschoss. Steuerung und Kontrolle geschehen heute elektronisch. Das Palmenhaus wurde mehrfach saniert und funktioniert auch nach 170 Jahren noch so gut, dass mittlerweile einige Palmen, die die Glashaut durchstießen, gestutzt werden mussten. 

Temperate House

Mit einer Fläche von 4.880 m2 und einer Länge von 191 m ist das ebenfalls von Decimus Burton und Richard Turner erbaute Temperate House (oder auch Haus der gemäßigten Klimazonen) der heute größte noch existierende Wintergarten aus der viktorianischen Ära. Dieser Wintergarten war ursprünglich nur für Pflanzen aus Australien und Neuseeland geplant, beherbergt inzwischen auch Pflanzen aus Asien, Afrika, Zentral- und Südamerika. Das Haus setzt sich aus fünf Teilen zusammen, dem 1859 bis 1863 erbauten Mittelteil mit zwei spiegelsymmetrisch angefügten Oktagon-Pavillons sowie den beiden 1899 ergänzten Seitenflügeln. Es ist sowohl technologisch als auch gestalterisch weniger innovativ, aber vielleicht auch deshalb häufiger kopiert. Insbesondere die Oktagon-Pavillons werden bis heute als kleine geometrische Wintergärten zitiert bzw. in zahlreichen Varianten nachempfunden. Das Temperate House wird mit einer Fußbodenheizung auf 10° C beheizt. Ventilatoren simulieren eine konstante natürliche Luftbewegung. 2018 wurde dieser Wintergarten nach einer mehrjährigen Sanierung, die umgerechnet ca. 45 Miollionen Euro kostete, neu eröffnet. Er kann heute für Events wiebeispielsweise repräsentative Dinner gemietet werden. 250 Gäste finden bei einem gesetzten Abendessen Platz, bei einem Stehempfang sogar bis zu 300 Personen. Damit ist dieser Wintergarten im engeren Sinne kein Gewächshaus, sondern nähert sich Wohnwintergärten an.

Seerosenhaus

Eine Besonderheit ist das Waterlily House, das Seerosenhaus, denn dieser Wintergarten beherbergt einen Teich. So wie heute z. B. die Haltung von Koi-Karpfen, galt die botanische Beschäftigung mit Seerosen als kostspieliges und damit exklusives und luxuriöses Hobby. Die dekorativen Bassins der Lustgärten genügten spätestens im Winter kaum den biologischen Anforderungen dieser Pflanzen, so entstand Bedarf an einen neuen Typ Wintergarten. Folglich entwickelten Decimus Burton und Richard Turner auch in den Kew Gardens einen Wintergarten für einen Teich. Der Teich hat einen Durchmesser von 10 m, ist zwischen 45 cm und 75 cm tief und wurde für die größte Seerose, die nach Queen Victoria benannte Victoria amazonica konzipiert. Das Wasser wird auf 28° C beheizt, die Luftfeuchtigkeit beträgt 75% – inzwischen gedeihen dort auch weitere Arten von Seerosen, ein Anziehungspunkt für alle Besucher. Das Seerosenhaus in Kew Gardens ist zwar nur 225 m2 groß, aber das ist im Vergleich größer als die meisten Einfamilienhäuser.

Weitere Bauten von Kew Gardens

Die Kew Gardens wurden seit dem 19. Jahrhundert mit weiteren Wintergärten und Glashäusern ergänzt, z.  B. das Princess of Wales Conservatory, 1987 durch Prinzessin Diana eingeweiht. Dieser Wintergarten beherbergt eine Zeitkapsel mit Samen bedrohter Arten, die erst 2085 geöffnet werden soll. Mit dieser auf die Zukunft ausgerichteten Aktion soll nicht nur auf Klimawandel, Naturschutzprobleme und Verlust von Arten aufmerksam gemacht werden, sondern auch, wie botanische Gärten mit Wintergärten den Erhalt von Pflanzen sichern, die in ihrem natürlichen Habitat gefährdet sind – und dort womöglich bald ausgestorben.

Seit 2003 sind die Kew Gardens eingetragen als UNESCO Weltkulturerbe.

Fachwissen zum Thema

Wintergärten, Glashäuser bzw. mit Glas umhüllte Volumina werden grundsätzlich in Warm- und Kalthäuser unterschieden, haben jedoch auch zahlreiche Mischformen. Diese Glashaus-Typen können vielfältige Formen annehmen (im Bild: Wohnwintergarten).

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Wintergärten

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Wintergärten, Glashäuser bzw. mit Glas umhüllte Volumina werden grundsätzlich in Warm- und Kalthäuser unterschieden. Ein Überblick: physikalische Definitionen, Arten und Nutzungen.

Bauwerke zum Thema

Das dem Großen Tropenhaus im Botanischen Garten Berlin vorgelagerte Victoriahaus wurde ab 2013 nach Plänen des Berliner Architekturbüros Haas saniert.

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Wintergärten, Glashäuser bzw. mit Glas umhüllte Volumina werden grundsätzlich in Warm- und Kalthäuser unterschieden, haben jedoch auch zahlreiche Mischformen. Diese Glashaus-Typen können vielfältige Formen annehmen (im Bild: Wohnwintergarten).

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Historische Fotografie eines Wardschen Kasten in den Royal Botanic Gardens, Kew

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Orangerien sind eng verwandt mit Wintergärten – sie sind sozusagen die Vorläufer der heutigen Wohnwintergärten. Im Bild: Orangerie von Schloss Gunterstein, Breukelen, Joseph Mulder 1680-1696.

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Exotik und Exzentrik: Entwicklung und historische Vorbilder für Wintergärten in Europa

Viktorianische Glashäuser und Wintergärten

Zur systematischen wissenschaftlichen Erforschung von exotischen Pflanzen wurden die Kew Gardens in London nicht nur erweitert, sondern ab 1844 um mehrere Conservatories ergänzt (im Bild: Palmenhaus).

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Die Kew Gardens in London zählen zu den berühmtesten viktorianischen Wintergärten und sind Vorbild für ähnliche Anlagen in ganz Europa.

Palmen- und Tropenhäuser als grüne Glashäuser

Ursprünglich oftmals im Auftrag von Regenten als Pflanzensammlungen und Lustgärten angelegt, sind die Palmen- und Tropenhäuser nach wie vor eine bauliche Besonderheit. Ausgewählte Beispiele sind die Wilhelma Stuttgart (im Bild: Maurisches Landhaus), der Königliche Glasdom zu Laeken in Brüssel sowie das große Tropenhaus und das Mittelmeergewächshaus im Botanischen Garten in Berlin.

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Wilhelma Stuttgart, Königlicher Glasdom zu Laeken in Brüssel, Großes Tropenhaus und Mittelmeergewächshaus im Botanischen Garten Berlin

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Die gläserne Skulptur, 54 m lang, 18 m breit und 35 m hoch, ist konstruktiv ein klassischer Wintergarten als Skelett aus feuerverzinkten Stahlprofilen mit ESG-, VSG- und Drahtglasscheiben.

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Gläserner Riesenelefant in Hamm

Blumenfenster

Ein Blumenfenster ist eine Mischung aus winzigem Wintergarten und Kleinstgewächshaus in der Art eines Erkers, der sich jedoch auf ein einziges Fenster in einer Lochfassade beschränkt.

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Miniatur-Wintergarten als plastische Fenstererweiterung

Vorgehängte Balkonfassaden

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